Lieses Klassikwelt 34: Kultur mit Maske

Lieses Klassikwelt 34: Kultur mit Maske

Bild: Sumanley xulx auf Pixabay (Ausschnitt)

„Auf die Idee, Sänger oder Schauspieler mit Mundschutz auftreten zu lassen, wird wohl hoffentlich niemand kommen. Zwar ist die Maskerade so alt wie das Theater selbst, aber wer sich in Opern oder Operetten wie Don Giovanni, Ein Maskenball, Fledermaus oder Eine Nacht in Venedig maskiert, tut dies, um sein Gesicht zu verbergen und nicht erkannt zu werden.“

von Kirsten Liese

Allmählich erwacht die Kultur wieder zum Leben. Museen dürfen öffnen, in Nordrhein-Westfalen sollen ab 30. Mai voraussichtlich Kinos und Theater wieder aufmachen dürfen – Das alles freilich nur unter den bekannten, hohen Sicherheitsauflagen.

Derzeit arbeiten viele Kreative an Konzepten, wie das neue Kulturleben aussehen könnte. Auch ich mache mir da spekulativ so meine Gedanken.

Die Kinos könnten es natürlich ähnlich halten wie die Museen und nur eine kleine Gruppe von Zuschauern reinlassen. Angesichts der Maskenpflicht, unter der ich persönlich leide, weil ich mich unter dem Stoff beim Atmen beeinträchtigt und wie unter einem Maulkorb fühle, könnte man immerhin ungestörter einen Film sehen – ohne Popcorn, Fresskulisse und dauerquatschende Sitznachbarn. Die Frage wäre allerdings, ob sich die bundesweiten Starttermine von neuen Filmen aufrechterhalten lassen. Braucht es jetzt womöglich flexiblere Länderstarts?

Vor einem noch größeren Problem steht die Filmproduktion selbst. Schauspieler dürften sich mit Blick auf die Abstandsregel nicht mehr nahe kommen. Klassische Liebesgeschichten oder Roadmovies dürften ohne Trickaufnahmen schwer umzusetzen sein. Allerdings blieben einem auch ausschweifende Sexszenen erspart. Da wäre gewiss so manche Schauspielerin dankbar für. Dafür gibt es dann vielleicht ganz neue, innovative Erzählformen.

Für das Schauspiel empfehlen wir schon mal Kammerspiele mit wenigen Akteuren, die sich sowieso kaum nahe kommen. Besonders dankbar sind die Stücke von Samuel Beckett. In seinen Glücklichen Tagen zum Beispiel ist eine Frau bis zum Hals eingebuddelt in einen Sandhaufen und ihr Mann Willy sitzt weit ab von ihr.

Wie sich das Konzertleben künftig mit kleineren Besetzungen gestalten wird, haben am 1. Mai schon die Berliner Philharmoniker vorgemacht. Diesem gelungenen Experiment folgen heute Abend Daniel Barenboim und seine Staatskapelle mit einem ähnlichen Sonderkonzert anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung vom Nationalsozialismus: Mozarts Kleine Nachtmusik und Wagners Siegfried-Idyll stehen auf diesem Programm in kammermusikalischer Formation, das im Fernsehen übertragen wird.

Überhaupt die Kammermusik: Musste man sich vor Corona um ihr Fortbestehen sorgen, so könnte sie von der Krise vielleicht profitieren und wieder verstärkte Aufmerksamkeit bekommen.

Sehr gespannt bin ich auf das neue Konzept der Grazer Styriarte, eines der wenigen, an einer Hand abzählbaren Sommerfestivals, die in diesem Jahr allen Unkenrufen zum Trotz überhaupt etwas planen. Und das ist gut so! Bekanntlich trägt einem niemand etwas hinterher, am allerwenigsten der Kultur. Wer als Veranstalter nicht selbst initiativ wird, bleibt im Regen stehen.

In früheren Jahren zu Lebzeiten von Nikolaus Harnoncourt, der in Graz unter anderem einen tollen „Idomeneo“ dirigierte, hatte ich das Styriarte mehrfach besucht. Ich kann mir schon denken, was da jetzt so möglich wäre, vor allem im Bereich des Outdoor-Konzerts: Die steirische Stadt verfügt über so manche prächtige Schloss-Parkanlagen, auf denen das Festival schon in früheren Jahren immer wieder reizvolle Picknick-Konzerte mit kleineren Originalklang-Ensembles anberaumte, die sich wie fahrende mittelalterliche Musiker mit Drehleier, Dudelsack, Theorbe, Blockflöten und Gamben präsentierten. Das Publikum gruppierte sich auf Decken auf der Wiese um sie herum. Nachteil: Für solche Konzerte braucht es schönes Wetter.

Überhaupt wird wohl, wem auch immer sich die Gelegenheit bietet, auf Veranstaltungen unter freiem Himmel ausweichen, auch wenn Großveranstaltungen noch nicht erlaubt sind. Beispielhaft dafür stehen die Arena di Verona, die zehn Gala-Abende plant, sowie die sich noch im Optimismus wiegenden Bregenzer Festspiele und die Salzburger Festspiele, die zumindest wohl alles dransetzen werden, in ihrem Jubiläumsjahr den traditionellen Jedermann auf dem Domplatz vor einer Absage zu bewahren.

Richtig schwierig werden dürfte es mit Konzepten für Opern. Kammeropern in kleinen Besetzungen und Geistervorstellungen mit wenigen Solisten ohne Publikum mögen ja noch angehen. Aber das große Repertoire von Wagner, Verdi, Strauss und Puccini, das ohne großes Orchester und Chor kaum denkbar erscheint, wohl kaum. Für die reicht der Platz mit dem geforderten Abstand nicht aus.

Auf die Idee, Sänger oder Schauspieler mit Mundschutz auftreten zu lassen, wird wohl hoffentlich niemand kommen. Zwar ist die Maskerade so alt wie das Theater selbst, aber wer sich in Opern oder Operetten wie Don Giovanni, Ein Maskenball, Fledermaus oder Eine Nacht in Venedig maskiert, tut dies, um sein Gesicht zu verbergen und nicht erkannt zu werden. Die Stabmasken oder Augenbinden, die da als Requisiten zum Einsatz kommen, lassen sich mitnichten mit den Stoffmasken vergleichen, die jetzt in Geschäften und Nahverkehrsmitteln Pflicht sind.

Auf Facebook hat vor wenigen Tagen der Bassist René Pape ein Video gepostet, auf dem er den „Flieder-Monolog“ des Hans Sachs aus den „Meistersingern“ hinter einem Mundschutz summt. Ziemlich grotesk. Was sagen eigentlich Ärzte zu dem Mummenschanz? Nicht alle scheinen in medizinischer Sicht überzeugt davon. Jedenfalls kursieren mittlerweile Musteratteste zur Befreiung der Maskenpflicht im Netz. Wäre die vom Tisch, wäre die Lage freilich schon eine ganz andere.

Aber das ist nur eine vage Hoffnung. Wahrscheinlich wird es wohl eher auf statischere Inszenierungen mit konzertantem Anstrich hinauslaufen. Nach all dem Murks, den das Regietheater in den vergangenen Jahren so hervorbrachte, kann es nur besser werden.

Kirsten Liese, 8. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lieses Klassikwelt 33: Schule klassik-begeistert.de

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© Kirsten Liese

Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

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