David Moore (Kronprinz Rudolf) mit Ehefrau Kronprinzessin Stephanie (Fernanda Lopes), seiner letzten Geliebten Baronesse Mary Vetsera (Anna Osadcenko), seiner ehemaligen Geliebten Gräfin Larisch (Veronika Verterich) sowie seiner Mutter Kaiserin Elisabeth von Österreich (Daiana Ruiz) (Foto: RW)
Um es vorweg zu sagen, es wurde vorzüglich getanzt. Stuttgart kann sich wirklich glücklich schätzen, eine solche herausragende Compagnie in ihren Mauern, genauer, im dortigen Talkessel zu wissen.
Mayerling, Ballett von Kenneth MacMillan
Libretto von Gillian Freeman
Bühnenbild, Kostüme und Lichtkonzept: Jürgen Rose
Musik: Franz Liszt, orchestriert von John Lanchbery
Staatsorchester Stuttgart
Leitung: Guillermo García Calvo
Das Stuttgarter Ballett, Staatstheater Stuttgart, 17. Juli 2026
von Dr. Ralf Wegner
Belegt ist, dass Kronprinz Rudolf, der Sohn von Kaiser Franz Josef I. und Kaiserin Elisabeth (Sissi) von Österreich, im Jahre 1889 in Mayerling zuerst seine Geliebte, die Baronin Mary Vetsera, und dann sich selbst erschoss. Nicht nur deswegen war das Interesse an dem Leben und den Lebensumständen dieser Familie schon immer groß.
Durch die Verfilmungen mit Romy Schneider wurde das frühe Schicksal Elisabeths quasi zum deutschen Kulturgut erhoben. Schließlich erblickten sowohl Elisabeth als auch ihre Schwiegermutter, die Erzherzogin Sophie, Mutter des Kaisers, im bayerischen München das Licht der Welt.
Warum aber der schottische Choreograph Kenneth MacMillan besonderes Interesse für Elisabeths Sohn Rudolf entwickelte, und 1978 um ihn herum ein Ballett über die Vorgänge im kaiserlichen Wien und die tragischen Ereignisse im Jagdschloss Mayerling kreierte, erschließt sich mir nicht.
MacMillan bzw. sein Librettist schildern den österreichischen Thronfolger als sexuell haltlosen, niederträchtigen Charakter, der sich an seiner neu angetrauten Ehefrau mit angestauten Perversionen abarbeitet, die Frauen wie sein Hemd wechselt und schließlich seine Geliebte, wenngleich mit ihrem Einverständnis, mordet. Dieses Verhalten auf fehlende Mutterliebe zurückzuführen, wie es Kenneth MacMillan in der Sohn-Mutter-Beziehung mit Elisabeth zeigt, erscheint schon arg hergeholt.

Choreographisch stehen die zahlreichen Pas de deux Rudolfs (David Moore) mit seinen Liebhaberinnen und seiner Mutter im Vordergrund. Wegen dieser lohnt sich das Ballett. In den Solopassagen zeigt sich Moore mit angespannter Mimik, greift sich an den Kopf oder in den Nacken, wenn er meint, Schmerzen zu spüren oder wälzt sich als Ausdruck seiner inneren Qualen auf dem Boden. Das ist mehr mimisch als choreographisch gedeutet.
Beim Schauen kam mir König Ludwig in Neumeiers zwei Jahre zuvor uraufgeführtem Schwanensee in den Sinn, der ja auch einen an sich irre werdenden Herrscher zeigt. Aber um wie vieles eindrucksvoller ist das choreographisch gedeutet mit der Rolle des Mannes im Schatten als sich vom König abspaltendes Ich, egal wie dieses jeder für sich interpretieren mag.
Manches erschließt sich dramaturgisch auch nicht, wie etliche Gruppentänze der Männer, zum Beispiel im Bordell, oder wirken eher kitschig wie die Auftritte der Hofdamen in Kaiserin Elisabeths Boudoir mit ihren schlangenhaft auf- und abschwingenden Armbewegungen. Der Walzertanz beim Hochzeitsball ist gefällig, ebenso der Schlusstanz der ungarischen Offiziere mit den Damen des „verrufenen Wirtshauses“.
Das Ballett bietet auch zahlreichen Tänzerinnen großartige Rollen, angefangen von der aus Brasilien stammenden Halbsolistin Fernanda Lopes als Kronprinzessin Stephanie, die von Rudolf nicht nur bei dem Hochzeitsball düpiert wird, sondern sich in der Hochzeitsnacht auch noch einem Monster gegenübersieht. Trotzdem bemüht sie sich in einem hinreißenden getanzten Pas de deux um dessen Liebe. Tänzerisch war das einer der Höhepunkte des Balletts.

Ebenso überzeugende tänzerische Qualitäten zeigten Vittoria Girelli als Stephanies beim Ball von Rudolf angeflirtete Schwester Louise, Veronika Verterich (Gräfin Larisch) als ehemalige Geliebte Rudolfs, die immer noch um ihn wirbt, Magdalena Dzięgielewska (Baronin Helena Vetsera, Mutter der von Rudolf erschossenen Mary Vetsera), Abigail Willson-Heisel (Mizzi Caspar, Halbweltdame und Lieblingsmätresse Rudolfs) sowie die Ersten Solistinnen Daiana Ruiz als kaltherzige, sehr auf ihre Wirkung bedachte Kaiserin Elisabeth und Anna Osadcenko als Rudolfs Opfer und seine letzte Geliebte Mary Vetsera.
Zusammenfassend, es wurde vorzüglich getanzt. Stuttgart kann sich wirklich glücklich schätzen, eine solche herausragende Compagnie in ihren Mauern, genauer, im dortigen Talkessel zu wissen. Jubelnder, langanhaltender Beifall lohnte am Ende die ausgezeichneten Tänzerinnen und Tänzer des Stuttgarter Balletts.
Dr. Ralf Wegner, 19. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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