Jugendkonzert © Andreas Gebert
Das ist ja hier wie im Zirkus! – kommentiert mein Begleiter das quirlige Streben hunderter Jugendlicher und einiger Kinder durch die Eingänge der Isarphilharmonie, wo ein ungewöhnliches Programm zum ersten Jugendkonzert der Saison einlädt. Erwartungsvoll schnatternd nehmen die teils sorgfältig aufgebrezelten jungen Herrschaften Platz. Feiern sie heute die Musik? Feiern sie das hochpolitische musikalische Programm? Feiern sie Kultur im Allgemeinen, wozu die Sprüche auf den Schürzen hinter der Bar im Foyer auffordern? Oder feiern sie einfach sich selbst? Vermutlich ist von allem etwas dabei. Und das ist genau richtig so: In die Feier der Kultur sowohl deren politischen Anspruch aufzunehmen wie auch das friedliche Beisammensein und den puren Genuss. Kultur ist Teil menschlicher Sozialisation. Notwendiger Teil. Und deshalb gehört sie in allen Ausprägungen geschützt.
Münchner Philharmoniker
Anja Bihlmaier Dirigentin
Nicolas Altstaedt Violoncello
Malte Arkona Moderation
1. Jugendkonzert
Dmitrij Schostakowitsch
Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 in Es-Dur op. 107
Bernd Alois Zimmermann
„Musique pour les soupers du Roi Ubu“
Ballet noir en sept parties et une entrée für Orchester und Combo
Maurice Ravel
„La Valse“
Poème chorégraphique pour orchestre
Isarphilharmonie, 15. Oktober 2026
von Sandra Grohmann
So viel Schmunzeln, so viel Schmelz, so viel Unwohlsein und so viel Urgewalt sind selten vereint auf der Bühne und im Saal eines philharmonischen Orchesters: Die Münchner Philharmoniker spielen ein politisches Programm als Jungendkonzert. Ob da ein Jeder auch Alles versteht, jede Offensichtlichkeit und jede sublime Anspielung, sei dahingestellt. Die teils ausgewählte Abendgarderobe bereits sehr junger Zuhörerinnen und Zuhörer lässt ahnen, dass der Besuch eines klassischen Konzerts als Event gefeiert wird. Dagegen ist in der Mischung auch überhaupt nichts zu sagen.
Moderator Malte Arkona weist allerdings angesichts des anspruchsvollen Programms durchaus zu Recht darauf hin, dass es sich um ein Jugend- und kein Kinderkonzert handele. Allein diesem Anspruch ist hoher Respekt zu zollen: Schostakowitschs erstes Cellokonzert, Zimmermanns Version des Roi Ubu und Ravels La Valse erzählen von politischen Bedrohungen. Arkona erläutert das mit losem Mundwerk und spritzigen Sprüchen so gut, dass ihm die Aufmerksamkeit des mit rund 1.600 Zuhörern prall gefüllten Saales in jedem Moment sicher ist. Wie jede gute Erzählung spricht seine Moderation Menschen jeden Alters auf ihrem jeweiligen Verständnisniveau an – und provoziert damit hoffentlich und bestenfalls (das wissen wir natürlich nicht) die Fragenbildung in den kleinen und großen Köpfen, die das Konzert später in den Alltag tragen wird.

Zu diesen Fragen gehören beispielsweise vielleicht die nach den politischen Repressalien, denen Dmitrij Schostakowitsch unter Stalins Schreckensherrschaft ausgesetzt war. Malte Arkona macht es plastisch, indem er eingangs die Lieblingsbeschäftigungen des jungen Publikums abfragt. Wir erfahren, dass dazu etwa „mit Freunden in die Natur gehen“ behört. So sagen es jedenfalls Zwei, die altersmäßig eher am unteren Rand der Zielgruppe liegen. Und wir sind ja in Bayern, deshalb wundert sich die in Berlin sozialisierte Rezensentin darüber fast gar nicht. Jedenfalls, sagt Arkona, sei es Schostakowitsch so gegangen, dass man ihm gesagt habe, er dürfe nicht das tun, was er am liebsten machte. Und das sei ungefähr so, wie wenn man der naturliebenden bayerischen Jugend sage, dass sie nicht mit Freunden rausgehen dürfe.
Am Ende funktioniert das natürlich nicht. Menschen lassen sich von ihren Lieblingsbeschäftigungen bekanntlich nur schwer abhalten, und diesem Umstand verdanken wir, dass Schostakowitsch immer weiterkomponierte und nach Stalins Tod musikalisch mit dem Diktator abrechnen konnte.
Zu dieser Abrechnung gehört sein erstes Cellokonzert, das er für seinen Freund, den berühmten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, schrieb und das heute Abend von Nicolas Altstaedt als Solist dargeboten wird. Mit energischem, etwas rauhem, ja fast heiserem Ton spielt er das Selbstbehauptungsmotiv des Stücks, das Schostakowitsch aus der deutschen Transkription seines Namens ableitete, also aus der Initiale seines Vornamens, D, und den ersten drei Buchstaben seines Nachnamens, Es-C-H. Altstaedt nimmt die Energie des Stücks auf, akzentuiert in gekonntem Zusammenspiel mit den Münchner Philharmonikern unter Anja Bihlmaier die rhythmischen Verschiebungen und kontrastiert damit den Tanzfluss insbesondere des ersten Satzes. Ebenso aber singt er gemeinsam mit dem Orchester den lyrischen zweiten Satz und erzählt ebenso wie im dritten Satz, der aus einer einzigen, sich ins Ekstatische steigernden Solo-Kadenz besteht, mit großem Bogen von eindringlicher Traurigkeit, Zurückgezogenheit und Sehnsucht.

Im Anschluss gibt Altstaedt auf Arkonas Fragen Auskunft, erzählt von der Genialität Rostropowitschs und zeigt anschaulich, wie man unterschiedliche Flageoletttöne auf dem Cello produziert. Das dürfte auch für manchen Erwachsenen im Saal durchaus aufschlussreich gewesen sein.
Nach der Pause folgt das wohl am wenigsten bekannte Stück des Abends. Zimmermanns Version des „Roi Ubu“ beruht auf einer Travestie, mit der sich ursprünglich einige junge Franzosen über ihren Lehrer lustig machten. Dieser Lehrer soll für die Jungs die Quintessenz alles Grotesken dargestellt haben. Alfred Jarry machte daraus ein Theaterstück, und aus dem Père Ebé entsteht der Roi Ubu, der König Ubu, ein dummer, gieriger, gewaltvoller und aufgeblasener Despot (Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und können durch das hundert Jahre alte Stück gar nicht beabsichtigt gewesen sein). Zimmermann erzählt davon in einer aberwitzigen Collage. Arkona beschränkt sich bei der Einführung nicht auf eigene Worte, sondern zeigt einen in Berlin (die Rezensentin freut sich) gedrehten Film, in dem ein Musikwissenschaftler sowie die Tochter des Komponisten, Bettina Zimmermann, zu Wort kommen und erläutern, wie Bernd Alois Zimmermann unterschiedlichste Stücke zusammenstellte, um daraus etwas ganz Neues zu schaffen. Nicht eine einzige Note hat er für das Stück original selbst geschrieben, sondern auch sich selbst lediglich zitiert.
Mit diesen Versatzstücken aus Jazz, Barock, Klassik, Romantik und Musik des 20. Jahrhunderts schafft Zimmermann eine Welt, in der Zeit nichts mehr gilt. Die ewigen Menschheitsthemen benötigen diese Kategorie ohnehin nicht. Sie sind unabhängig von einer fernen Vergangenheit oder Gegenwart und Zukunft, und Zimmermann nutzte diese Erkenntnis, um mit Bach und Mussorgsky, Bizet und Schubert, Wagner und Stockhausen, vielleicht auch ein wenig Gershwin, die Geschichte einer Gruppe von Künstlern zu erzählen. Diese Künstler, zu denen er auch sich selbst rechnet, nehmen die Einladung des König Ubu an und wohnen der Aufführung eines Ballet noir – eines bitterbösen Balletts – bei, das aus mehreren Stücken besteht. Während des letzten davon werden die Künstler ermordet und über Falltüren in die Hölle befördert. Oder wohin auch immer – das wird schließlich nicht mehr erzählt.
Musikalisch funktioniert das brillant. Die zeitgenössische Klammer um bekannt-allzu bekannte Stücke, deren Wiedererkennungswert hoch ist, garantiert sowohl Überraschungen wie auch verhältnismäßig leichten Zugang zum Stück. Als Geniestreich darf es gelten, bei der Exekution der Künstler Wagners Walkürenritt und Berlioz’ Marsch zum Richtplatz (aus der „Symphonie fantastique“) mit Stockhausens Klavierstück IX zu kombinieren und dabei einerseits Wagner und Berlioz zu dekonstruieren und andererseits Stockhausen zu übersteigern (der im Original „nur“ 280 Mal angeschlagene Akkord wird hier 631 Mal wiederholt). Wie unterm Brennglas fasst das den gleichermaßen grotesken wie beklemmenden Abend thematisch-musikalisch zusammen.
Eindringlich spielen die Münchner Philharmoniker dieses Juwel des 20. Jahrhunderts und bestürzen damit alle, die Ohren haben und zugleich die politische Weltlage mitverfolgen. Zumindest aber bejubeln alle die so präzise wie mitreißende musikalische Leistung, und das tun – die Zirkusstimmung dauert noch an – sehr viele Menschen im Saal.
Die Nachdenklichkeit wird durch die taumelnde „La Valse“ von Ravel in ähnlicher Weise befeuert. Das klug aufgebaute Programm, das in der „erwachsenen“ Version tags darauf um die Moderation ärmer, aber einen einleitenden Strauß-Sohn-Walzer reicher wiederholt wird, setzt das beschwingte Stück, das bereits zu Beginn von dunklen Tönen kontrastiert wird und nach etwa der Hälfte bis zwei Dritteln zu einer dekadenten Höllenfahrt wird, zu Recht als Schlusspunkt des Abends. Musikalisch hätten sowohl der Klangfarbenreichtum wie auch die rhythmischen Kontraste noch ausgefeilter sein dürfen, um die Bedrohlichkeit des Kippens zu unterstreichen. Trotzdem verfehlt das Stück seine Wirkung nicht. Was Arkona, für alle im Publikum verständlich, mit dem Tanzorchester auf der Titanic vergleicht, es lässt die Beine gleichermaßen tänzeln und sich verknoten. Die Warnung ist deutlich.
Es liegt nahe, dass sich jede Kultureinrichtung bewusst mit den krisenhaften Umständen in diesem Land und weltweit auseinandersetzt und vor allem ihr junges Publikum damit konfrontiert.
So intelligent wie mit dem Programm des heutigen Abends gelingt das nicht immer. Vielleicht ist es an der einen oder anderen Stelle etwas zu herausfordernd. Aber das Niveau immerzu abzusenken, fördert die Auseinandersetzung erst recht nicht. Möge der Abend also zu lebhaften Diskussionen zwischen den Jugendlichen, zwischen und mit den Erwachsenen anregen und mögen die vielleicht noch ein wenig zu jungen Kinder die begleitenden Mamis und Papis mit unendlichen Fragen löchern.
Sandra Grohmann, 16. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Festival „Podium Zukunft“, Landesjugend-Sinfonieorchester Hessen Alte Oper Frankfurt, 26. April 2026