Teo in der Elphie II: Er flirtet, er modelliert, er tanzt, er fleht, er lacht, er liebt – vom ersten Takt an

MusicAeterna / Teodor Currentzis, Marko Nikodijevic, Dmitri Schostakowitsch  Elbphilharmonie, Hamburg, Großer Saal, 29. November 2021

Teodor Currentzis treibt die Musiker an, peitscht sie voran, er flirtet, er modelliert, er tanzt, er fleht, er lacht, er liebt – bereits vom ersten Takt an liegt eine magische angespannte Stimmung im Raum.

Elbphilharmonie, Hamburg, Großer Saal, 29. November 2021

Fotos: Daniel Dittus (c), Teodor Currentzis

MusicAeterna / Teodor Currentzis 

Marko Nikodijevic (1980)

„parting of the waters into heavens and seas /secundus dies“ (Toccata für Orchestra)

von Iris Röckrath

Noch während das Publikum im Großen Saal den mit sportlichem Elan auftretenden Dirigenten des Abends mit herzlichem Applaus begrüßt, schleudert er – kaum am Dirigentenpult angekommen –Blitze aus der Götterwelt ins Orchester, die krachend und auf den Punkt genau das volle Orchester im fortissimo aufspielen lassen. Die am Vortag uraufgeführte ca. 7-minütige Komposition des (im Publikum anwesenden) jungen serbischen Komponisten Marko Nikodijevi´c wurde dem Hauptwerk des Abends vorangestellt. Inhaltlich beschäftigt es sich mit der biblischen Schöpfungsgeschichte.

(c) Daniel Dittus

Klanglich ist es eine gute Entscheidung, da die Anzahl der OrchestermusikerInnen schon beinahe an den Klangapparat für die 4. Sinfonie von Schostakowitsch herankommt und das Publikum schon einmal eine Ahnung bekommen kann, wie ein 100 Menschen umfassendes Orchester klingen kann. Der Komponist arbeitet mit urplötzlichen Steigerungen, die an tosendes Meer erinnern und die am Ende des kurzen Stücks mit sanft ausklingenden Tönen in sphärische Räume führen

Tosender Applaus am Ende. Der Komponist darf sich feiern lassen und verbeugt sich zusammen mit Teodor Currentzis

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) – Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 43 (1935/36)

Allegretto poco moderato
Moderato con moto
Largo – Allegro

Dann beginnt das Hauptwerk des Abends.

Markante Rhythmen gleich zu Beginn steigern sich ins Unermessliche. Teodor Currentzis beginnt wie ein Magier mit dem Orchester zu zaubern, das er 2004 gegründet hat und dessen Musiker und Musikerinnen zum Teil schon von Beginn an dabei sind. Sie scheinen alle miteinander verbunden zu sein, verstehen genau, was der Dirigent von Ihnen hören möchte. Er treibt sie an, peitscht sie voran, er flirtet, er modelliert, er tanzt, er fleht, er lacht, er liebt – bereits vom ersten Takt an liegt eine magische angespannte Stimmung im Raum.

Die Emotionen, mit denen die MusikerInnen ihrem Chefdirigenten folgen sind spürbar – sie spielen nicht einfach ihre Instrumente, sie „er“-leben, sie fühlen, sie gestalten, sie tanzen, sie schwitzen, sie übertragen mit großer Spielfreude die Musik von Schostakowitsch auf das Publikum. Sie sind mit dem ganzen Herzen da. Es gibt kein Entrinnen. Die Musik zieht die Konzert-besucher in den Bann. Mit vollster Konzentration sitzt die Rezensentin auf ihrem Platz nah am Orchester und möchte am liebsten begeistert aufstehen (wie ein großer Teil der Musizierenden) und mittanzen und -baden, alles um sich herum vergessen und nur der zerrissenen Musik nachfühlen. Schostakowitsch sitzt mitten in der Elbphilharmonie und erlebt das „Credo seiner kompositorischen Tätigkeit“.

(c) Daniel Dittus

Die Celli spielen warm und weich, der wunderbare Konzertmeister, der schon bei der Gründung von MusicAeterna als 15-Jähriger dabei war, entlockt seiner Geige die himmlischsten Töne, der Fagottist spielt sich in die Seele von Schostakowitsch hinein – ich fühle mich wie in eine weiche Decke gehüllt und genieße die Zartheit der Musik und dann wieder diese unglaublichen Kontraste, die wechselnden Rhythmen, Tonarten, die Zwiesprachen zwischen den Instrumentengruppen.

Die charismatische Ausstrahlung des Teodor Currentzis, die drastischen Tempi, die in den Augen einer Musikliebhaberin geniale Auffassung und Umsetzung der Sinfonie von Schostakowitsch machen diesen Abend in der Elbphilharmonie zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Der schier unmenschliche Druck, die Angst um das eigene Leben, die Zerrissenheit Schostakowitschs zwischen Politik und Musik ist in seiner 4. Sinfonie auf grandiose Weise zu erleben. Die Komposition wurde von ihm bereits im Jahr 1936 fertig gestellt, die Uraufführung fand jedoch erst im Jahr 1961 statt.

Iris Röckrath, 1. Dezember 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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