Das NDR Elbphilharmonie Orchester ist eines der am meisten unterschätzten Orchester der Welt

NDR Elbphilharmonie Orchester, Vilde Frang, Antonio Méndez,  Elbphilharmonie

Foto: © Lillian Birnbaum
NDR Elbphilharmonie Orchester
Vilde Frang Violine
Dirigent Antonio Méndez
Mikhail Glinka Ouvertüre zu »Ruslan und Ludmila«
Béla Bartók Konzert für Violine und Orchester Nr. 1
Sergej Rachmaninow Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27
Elbphilharmonie, 14. Mai 2017

Eine Nachbetrachtung von Sebastian Koik

Sir Simon Rattle würde wohl von einer „Tapa“, einem kleinen musikalischen Appetithäppchen, sprechen. Das Konzert beginnt mit Mikhail Glinkas Ouvertüre zu »Ruslan und Ludmila«, einem schönen sechs minütigen Stück, das deutlich wohlschmeckender ist als Holts „Arcos“, der Tapa der Berliner Philharmoniker kürzlich in Hamburg.

Das NDR Elbphilharmonie Orchester präsentiert den ersten Gang sehr spritzig und rundum gelungen. Den Geigen wird große Schnelligkeit und Virtuosität abverlangt, die sie bravourös meistern. Der Paukist ist manchmal einen Hauch zu träge, ansonsten servieren die wunderbaren Musiker alles auf den Punkt.

Als zweiter Gang kommt Béla Bartóks Konzert für Violine und Orchester Nr. 1, ein Stück, mit dem der Komponist „zwei einander entgegengesetzte Porträts“ einer Person kreiert. Das erste Porträt stellt „das musikalische Bild der idealisierten Steffi Geyer, überirdisch und innig“ dar.

Die Solistin Vilde Frang spielt das mit beeindruckender Tiefe, mit großer Entrücktheit, überirdisch, wie nicht von dieser Welt. Das Orchester interpretiert extrem sensibel, mit enormer Musikalität, Tiefe, Intensität und Spannung. Ein Triangel-Schlag kommt zu früh, ansonsten ist alles in schönster Vollkommenheit. Das idealisierte Bild von Bartóks Frau der Träume wird mit herrlichster Innerlichkeit, unglaublich ätherisch und fein gezeichnet. Beeindruckend!

Der zweite Satz stellt das Porträt „der lebhaften Steffi Geyer, ein fröhliches, geistreiches, amüsantes“ dar. Dieses Bild ist wilder, sprunghafter, schneller. Die Solistin beweist starke Virtuosität, Leidenschaft, Sinn für Dramatik und viel Feingefühl in sehr zärtlichen leiseren Passagen. Der junge Dirigent zeigt in diesem zweiten Satz hingegen Schwächen, scheint ihn nicht ganz zu durchdringen. Er gibt ein zu langsames und zu träges Tempo vor, lässt zu spät einsetzen. Bisher hat er alles großartig angeleitet, doch in diesem zweiten Satz ist sein musikalische Timing etwas unglücklich. Das Publikum sieht es anscheinend ähnlich, denn trotz perfekt präsentierter eineinhalb Stücke ist der Applaus nach diesem schwächeren Satz deutlich geringer als bei Konzerten des NDR Elbphilharmonie Orchesters üblich.

Nach Tapa und Vorspeise steht mit Sergej Rachmaninows Sinfonie Nr. 2 die Hauptspeise auf der Karte. Und die bieten Dirigent Antonio Méndez und das NDR Elbphilharmonie Orchester in einer Vollendung dar, die in Erinnerung bleibt! Alles ist auf den Punkt. Das Orchester begeistert mit großer Tiefe, mit Intensität in dramatischen Passagen, spielt herrlich mitreißend, quirlig, spritzig, kraftvoll, mit Elan und geht mutig und überzeugend in die lauten Stellen. Die Einsätze sind scharf und präzise. Die Musiker rühren mit wundervoller Zärtlichkeit und Sanftheit in leisen Abschnitten.

Im zweiten Satz kommt erstmals auch ein Glockenspiel zum Einsatz, eine Reminiszenz an russische Kutschen. Das Stück ist reich an Schönheit und Abwechslung: Mitreißend, sanft und weich, himmlisch, agil, mit vielen Wechseln in Tempo, Charakter und Stimmung. Das Becken ist einen Hauch zu träge, zu zaghaft und einen Hauch zu leise, aber ansonsten spielt jeder einzelne der Streicher, Bläser, Schlagwerker perfekt. Sie musizieren mit enormer Dynamik und Feurigkeit, bringen kraftvoll plötzliche Explosionen in den Saal und schaffen es mit Bravour, im nächsten Moment ganz leise zu werden und kollektiv in eine komplett andere Stimmung zu wechseln. Auch diesen Satz servieren Orchester und Dirigent in allerhöchster Qualität.

Es gibt wohl wenige Sätze, die ähnlich bezaubernd sind, wie der langsam-leise dritte Satz, das Adagio. Die Klarinette singt in mehreren Soli herrlich lyrische Lieder. Das NDR Elbphilharmonie Orchester präsentiert dem Publikum mit großer Intensität überirdisch schöne Klänge, zärtlich und ergreifend. Falls es einen „Himmel“ gibt, dann ist es vorstellbar, dass es ein Ort ist, in dem man dauerhaft in solcher Schönheit baden kann.

Der vierte Satz enthält lichtdurchflutete Musik von immenser Pracht und unglaubliche Mengen Zärtlichkeit, leidenschaftliches Anschwellen, perfekte musikalische Spannung, Kraft und Berührung. Einer Querflöte gelingt es mit nur wenigen Solo-Tönen, die Herzen der Hörer zu bezaubern und erobern! Das NDR Elbphilharmonie Orchester spielt mächtig, spritzig, leidenschaftlich, knackig-kraftvoll, selbstbewusst, mit exzellenten Spannungspausen, enormer Präsenz, perfektem Timing und Musikalität, in jedem Detail und in jedem Moment vollkommen und souverän, packend, mitreißend. Am Ende des Satzes wird es noch einmal dramatisch, dann wunderbar schwelgend tänzerisch und majestätisch, bevor die Pracht mit einem herrlichen Tutti-Finale endet.

Die Musiker lassen keinen Augenblick nach und halten die musikalische Spannung über die komplette knappe Stunde des Stücks. Nicht nur Rachmaninows Komposition, auch die Umsetzung an diesem Abend ist 1A. Besser kann man das nicht spielen!

Das wunderbare NDR Elbphilharmonie Orchester bestätigt zum x-ten Mal seine enorme Klasse und beweist erneut, dass es zu den Allerbesten gehört und es wohl eines der am meisten unterschätzten Orchester der Welt ist.

Der Applaus für diese sensationelle Leistung ist ewig lang, kraftvoll und begeistert, mit Bravo-Rufen, Jubel und Standing Ovations.

Sebastian Koik, 19. Mai 2017
für klassik-begeistert.de

 

 

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