Jeder Mensch ein König – Das Motto der Bayerischen Staatsoper für die Spielzeit 2021/22

Neue Spielzeit 2021/22  Bayerische Staatsoper München, 10. Juni 2021

Vladimir Jurowsky, Serge Dorny, Igor Zelensky, Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper, München, Live-Stream, 10. Juni 2021

Pressekonferenz mit Serge Dorny, Vladimir Jurowski und Igor Zelensky

von Frank Heublein

„Jeder Mensch ein Meisterwerk. In seinen Augen Leid und die Sehnsucht danach, geliebt zu werden. In seinem Herzen Erfahrungen und Erinnerungen, so wie in Deinem. Und auf seinem Kopf die Schädeldecke, wie eine königliche Krone. – Jeder Mensch ein König.“ Dezső Kosztolányi.

Der Raum ist weiß. Der designierte Intendant der Bayerischen Staatsoper Serge Dorny am Stehpult, der designierte Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski und Ballettdirektor Igor Zelensky sitzen neben ihm. Serge Dorny stellt der Pressekonferenz und der neuen Spielzeit insgesamt das oben zitierte Motto voran.

Dem mit Dorny und Jurowski zu zwei Dritteln neue Leitungsteam sind folgende Fragen Orientierung gewesen: Wie geht man mit dem breiten Repertoire um? Wie schält man neue Perspektiven aus dem Repertoire heraus? Wie erhält man Qualität, Neugier, Zauber? Wie Impulse, neue Musik, neue Theatersprachen, neue Horizonte?

Die Bayerische Staatsoper will die Menschen feiern in ihrer Suche, ihren Unterschieden, ihren Gegensätze und Dialogen. Das verstehe ich durchaus auch als politisch-gesellschaftliche Positionierung, die einer universalistischen Grundidee verpflichtet ist. Das Haus sucht seinen gesellschaftlichen Einfluss zu stärken, die Nähe zu anderen Kulturinstitutionen zu intensivieren und neue Aufführungsorte zu erschließen.

So werden nicht nur Premieren angekündigt, sondern gleich zwei neue Festivals. Neben der Ballettfestwoche im April wird es ein „Ja, Mai“ Festival geben, bei dem ein Komponist in den Fokus gerückt wird. Zum Spielzeitstart gibt es ein Septemberfest. Die Staatsoper will in die Stadt gehen, die Staatsoper öffnen, weit machen. Open-Air-Konzerte anbieten an neuen Orten in München und in der Region. 2021 startet man in Ansbach. Die Zugänglichkeit und Öffnung will das Septemberfest durch aufführungstechnische Kurzformen von etwa einer Stunde und Eintrittspreisen von acht bis fünfundzwanzig Euro erreichen.

Im Mai 2022 wird in „Ja, Mai“ Georg Friedrich Haas ins Rampenlicht gerückt. Für Schwetzingen hat er drei Kammeropern  – „Bluthaus“, „Koma“ und „Thomas“ – komponiert, die als Tryptichon zu verstehen sind. Diese drei Werke werden an drei aufeinanderfolgenden Tagen an drei verschiedenen Orten durch zwei Regisseure und eine Regisseurin realisiert werden. Als Dirigenten sind Titus Engel und Teodor Currentzis vorgesehen. Letzterer kommt dafür mit seinem Orchester MusicAeterna nach München. Die Opern werden kombiniert mit Madrigalen von Claudio Monteverdi. Wie spannend die Kombination von zeitgenössischer und alter Musik ist, hat im März dieses Jahres Sir Simon Rattle mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks bewiesen.

Die Werke der Opernpremieren sind außer zweien alle im 20. Jahrhundert komponiert. Vladimir Jurowski wird zwei Premieren – nimmt man den Rosenkavalier in originaler Fassung dazu, dann drei – dirigieren. Letzterer hatte seine Streampremiere mit kleinerem Orchester in der aktuellen Spielzeit. Schostakowitschs „Die Nase“ in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov wird die Spielzeit in der Oper eröffnen. Vladimir Jurowski gibt als Vorgeschmack mit auf den Weg: Die Nase sei anarchisch, wild, satirisch. Es ist ein Ensemble-Theaterstück mit 50 Spielrollen.

Zu den Festspielen dirigiert der neue Generalmusikdirektor „Die Teufel von Loudun“ von Krzysztof Penderecki. Inszenieren wird Simon Stone. Es wird die Urfassung von 1969 gespielt, die schroffer und radikaler sei als die in den 2000er Jahren vom Komponisten selbst überarbeitete Fassung. Wie auch die Nase sei es ein Ensemblestück. Ob seines Inhalts ist es politisches Musiktheater.

Die Operette „Giuditta“ von Franz Lehár steht weiter neu auf dem Programm. Die musikalische Leitung hat Gábor Káli inne. Regie wird Christoph Marthaler führen. „Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janáček dirigiert Mirga Gražinytė-Tyla. Barrie Kosky, von dem zudem im Haus der Rosenkavalier zu sehen ist, wird inszenieren. „Peter Grimes“ von Benjamin Britten kommt unter der musikalischen Leitung von Edward Gardner in der Regie von Stefan Herheim auf die Bühne. Gardner ist Jurowskis Nachfolger beim London Philharmonic Orchestra.

Das Opernstudio wird „L’infedeltà delusa“ von Joseph Haydn auf die Bühnenbretter bringen. Hier wird einer für mich tollen Tradition gefolgt, denn Jurowskis musikalische Assistentin Giedrė Šlekytė übernimmt das Dirigat. Regie führt Marie-Eve Signeyrole. Die zweite nicht im 20. Jahrhundert komponierte Opernpremiere ist „Les Troyens“ von Hector Berlioz mit Daniele Rustioni am Pult. Inszenieren wird Christophe Honoré.

Zu den Festspielen in 2022 wird es einen Richard-Strauss-Schwerpunkt geben, eine Premiere einer der wenigen in München uraufgeführten Werke von Strauss inkludiert. „Capriccio“ wird Lothar Koenigs dirigieren. Regie führt David Marton. Es ist eine aus Lyon und Brüssel übernommene Produktion.

Zu den Premieren werden etwa 120 Repertoireaufführungen in der neuen Spielzeit zu sehen sein. Wie erwähnt zählt dazu die „mehr-oder-weniger-Premiere“ des Rosenkavaliers vor Publikum im Saal, denn erstmals wird diese Inszenierung in der originalen großen Orchesterfassung im Haus aufgeführt.

Ballettdirektor Zelensky berichtet am Abend in der Vorstellung des Programms für das Publikum, dass der Premierenlivestream des Schneesturms 80.000 Zuschauer hatte. Wow! Neben diesem als Repertoire gezählten Stück wird es ein weiteres ganz besonderes Repertoirestück gegeben. John Neumeiers Sommernachtstraum wird im Mai 2022 womöglich in Einrichtung des Hamburger Ballettchefs selbst aufgeführt.

Die schon für diese Spielzeit geplante Premiere von „Cinderella“ mit der Musik von Sergej Prokofjew findet in der neuen Spielzeit den Weg auf die Bühne. Christopher Wheeldon und sein Team kennt das Münchner Publikum von Alice in Wonderland. Weiter stehen die ebenfalls in dieser Spielzeit geplanten „Passagen“ auf dem Programm. Zwei Uraufführungen unter den drei Choreografien von David Dawson, Marco Goecke und Alexei Ratmansky bilden eine Einheit. Fortgesetzt wird die Reihe „Heute ist Morgen“ in der Festspielzeit. Auch dieser Abend wird zeitgenössische Choreografien zur Aufführung bringen. Vladimir Jurowski kündigt an, ein Ballett dirigieren zu wollen. Sein erstes Dirigat war eine solche Musik.

Jurowski möchte in den Akademiekonzerten seltener gespielte unbekanntere Werke zur Aufführung bringen mit dem Fokus auf Klassik und Musik des 20. Jahrhunderts. Drei Akademiekonzerte wird Vladimir Jurowski leiten. Sie orientieren sich an den parallelen Opernpremieren. Seine Akademiekonzerte nehmen unbekannte Werke von Schostakowitsch aus der Zeit der Nase aufs Programm. Zu Brittens Peter Grimes gibt es Orchestrales vom selben Komponisten. Zu Pendereckis Opernpremiere wird dem Komponisten ein Akademiekonzert in memoriam gewidmet, er verstarb 2020.

Jurowski klingt stolz, wenn er sagt, dass das kammermusikalische Programm von den Orchestermitgliedern selbständig zusammengestellt wurde. Jurowski möchte unterstützen, er möchte mitmachen, sich auch kammermusikalisch einbringen, etwa am Klavier.

Am Abend im Gespräch mit dem langjährigen Sponsor sagt Serge Dorny, dass es eine seiner wichtigen Aufgaben sei, neue Talente zu entdecken. Zu diesen gesellen sich in der nächsten Spielzeit selbstverständlich auch große Namen der Opern- und Tanzwelt, die man auf den Bühnen und auch in unerwartet neuen Orten entdecken kann. Eine letzte besondere Aufführung kündigt Serge Dorny an: Für den 2020 verstorbenen ehemaligen Intendanten Sir Peter Jonas der Bayerischen Staatsoper ist geplant, am 5. Juni 2022 ein Gedenkkonzert zu geben.

Natürlich werde ich der für mich eindrucksvollen Zeit der scheidenden Herren Petrenko und Bachler nachspüren. Mir persönlich macht die Präsentation jede Menge Lust auf die neue Spielzeit. Ich empfinde Vor- und Entdeckerfreude und trage die Premieren in meinen Kalender gerne ein.

Frank Heublein, 11. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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