Sommereggers Klassikwelt 91: Maria Cebotari – ein viel zu früh verglühter Stern

Sommereggers Klassikwelt 91: Maria Cebotari – ein viel zu früh verglühter Stern

Der 9. Juni 1949 war der Tag, an dem das viel zu kurze, aber trotzdem an Höhepunkten reiche Leben der rumänischen Sopranistin endete.

von Peter Sommeregger

1910 in Chișinău, damals noch zum russischen Kaiserreich gehörend, geboren war bei dem Arbeiterkind mit 11 Geschwistern das musikalische Talent so offenkundig, dass sie das Konservatorium ihrer Heimatstadt besuchen durfte. Früh wurde sie von dem Schauspieler Graf Alexander Wyrubow entdeckt, der sie künstlerisch unter seine Fittiche nahm und sie auch heiratete. Mit Wyrubow lebte sie anfangs in Moskau und Paris, ehe sie 1929 in Berlin ein weiteres Gesangsstudium begann.

Ihr erstes Opernengagement führte sie 1931 an die Dresdener Staatsoper, wo sie als Mimì in Puccinis „La Bohème“ debütierte. Rasch eroberte Cebotari sich ein Repertoire an lyrischen Partien, im Laufe der Jahre entwickelte sich ihre Stimme aber in Richtung dramatisches Fach. Seit 1931 trat die Sängerin  bei den Salzburger Festspielen auf, die Dresdener Oper verlieh der erst 24-jährigen Künstlerin den Titel Kammersängerin. In der Uraufführung von Richard Strauss’ Oper „Die schweigsame Frau“ sang sie 1935 die weibliche Hauptrolle der Aminta. Auch in späteren Jahren wirkte sie an verschiedenen Uraufführungen mit, so 1947 in „Dantons Tod“ von Gottfried von Einem, 1948 in Frank Martins „Le vin herbé“, beides in Salzburg.

Bereits ab 1935 sang Maria Cebotari neben ihrem Dresdener Engagement auch an der Berliner Staatsoper, Gastspiele führten die Künstlerin nach Italien, in die Schweiz, nach London und Wien. Das blendende Aussehen und das schauspielerische Talent der Sängerin trugen ihr ab 1938 auch einige Filmangebote ein. In insgesamt sechs Filmen, die thematisch fast alle einen Bezug zur Oper hatten, feierte sie große Erfolge, u.a. mit dem Tenor Beniamino Gigli. Bei Dreharbeiten lernte sie auch den Schauspieler Gustav Diessl kennen, der ihre große Liebe wurde. Ihr Ehemann Alexander Wyrubow gab sie auf ihre Bitte hin frei. Diessl und Cebotari heirateten 1938 in Berlin.

Aus der glücklichen Ehe gingen zwei Söhne, Peter und Fritz, hervor. Trotz der schwierigen Kriegsjahre konnte die Cebotari ihre Karriere, nun mit Schwerpunkt an der Wiener Staatsoper, fortsetzen. Das familiäre Glück schien perfekt, als Diessl nach mehreren Schlaganfällen im März 1948 starb. Tapfer stürzte sich Cebotari in die Arbeit, schließlich hatte sie nun als allein erziehende Mutter zwei Kinder zu versorgen. Nur Monate nach dem Tod ihres Mannes erkrankte Cebotari an Leberkrebs, sang aber noch so lange weiter, wie sie auf der Bühne stehen konnte.

Als sie am 9. Juni 1949 starb, waren ihre Söhne in der Obhut ihrer Kinderfrau, die auch weiterhin für die Waisen sorgen wollte. Gleichzeitig bemühten sich aber der Pianist Clifford Curzon und seine Frau um eine Adoption der Söhne. Als man ihnen den Vorzug gab, nahm sich die verzweifelte Kinderfrau das Leben.

Die Stimme der Cebotari, die von einer besonderen Reinheit und Süße geprägt war und die in späteren Jahren selbst hochdramatische Rollen wie Salome und Turandot unangestrengt interpretieren konnte, ist uns auf zahlreichen Schallplatten, darunter auch kompletten Opern erhalten. Dem Zeitgeschmack entsprechend sang Cebotari alle Rollen in deutscher Sprache, was speziell bei ihren Mozartpartien heute ein wenig störend wirkt. Man mag ihren interpretatorischen Ansatz stellenweise ein wenig altbacken empfinden, in der Summe sind aber ihre vokale Strahlkraft und ihr inniger Ausdruck unverwechselbar und auf höchstem Niveau. Die doch sehr aus der Zeit gefallenen Filme findet man sogar teilweise auf YouTube.

In die Annalen der Operngeschichte hat sie sich zumindest mit ihren Strauss-Partien eingeschrieben. Ihr tragisches Schicksal trägt zusätzlich zu einer Legendenbildung bei, aber die Qualität ihres Gesanges macht sie zu einer der bedeutendsten Stimmen ihrer Zeit.

Peter Sommeregger, 10. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen’. Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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