Oper über Mahatma Gandhi von Philip Glass

Philip Glass, Oper „Satyagraha“,English National Opera, 23. Oktober 2021

Ein kühnes Projekt – die Umsetzung der frühen Lebensjahre und seines gewaltfreien Kampfes für Gleichberechtigung der südafrikanischen Inder in eine anspruchsvolle Oper. Wie immer bei der English National Opera kommen Auge und Ohr gleichermaßen auf ihre Kosten – die hypnotisierende Musik des Großmeisters Philip Glass und die faszinierende szenische Darstellung des dramatischen Geschehens. Ein überaus anspruchsvolles Werk, meist mehr meditativ als melodiös, das dem Zuschauer dreieinhalb Stunden lang hohe Konzentration und einiges an Phantasie abverlangt. Die Geschichte wird chronologisch erzählt, doch Vorkenntnisse sind von Vorteil. Überragend – stimmlich wie darstellerisch – die Figur des Mahatma selbst.

von Dr. Charles E. Ritterband (Text und Fotos) 

Philip Glass, Meister des musikalischen Minimalismus, der dennoch mehr als 30 Opern geschrieben hat – ähnlich viele wie Verdi, aber nicht ganz so geläufig – befasste sich intensiv mit östlichen Meditationspraktiken, besonders jenen des tibetanischen Buddhismus. Er setzte sich für die Sache Tibets ein und traf mit dem Dalai Lama zusammen. Schon während seiner musikalischen Studienjahre in Paris und auf Reisen nach Indien hatte sich Glass intensiv mit indischer Musik befasst, transkribierte Ravi Shankar.

All dies hat den minimalistisch-repetitiven Stil geprägt, mit dem Glass berühmt wurde. 1980 schuf Glass „Satyagraha”, seine zweite Oper, und ließ hier die indischen Erfahrungen erstmals in den Klang eines konventionellen Orchesters einfließen.

Dies war als Produktion der ENO im London Coliseum zu hören – ein ziemlich statisches Stück zu spektakulären Bildern auf der riesigen Bühne dieses größten Theaters der britischen Metropole: Originelle, überdimensionierte Puppen von Tieren und Fabelwesen im Wechsel mit Akteuren, die das ausgehende 19. Jahrhundert in Indien und Südafrika beschworen. Als Hintergrund Wellblechwände, wie sie für sämtlich Slums der Welt typisch sind.„Satyagraha“ bedeutet „Wahrheitskraft“ – Gandhis Maxime, sich an die Wahrheit zu halten. Obwohl Gandhis Lehren und sein Vorbild enormen Einfluss auf seine Anhänger und zahllose politische Bewegungen hatten, ist jenes Wort – im Gegensatz zum legendären Begriff der Gewaltfreiheit – unbekannt geblieben. Und doch: Der mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnete Poet Rabindranath Tagore, mit dem Gandhi in Verbindung stand, und Martin Luther King, der im dritten Akt als auf dem Rednerpult gestikulierende Schattenfigur auftaucht und Gandhi als Vorbild verehrt hatte – sie alle agierten unter der Maxime „Satyagraha“, welche dieser Oper ihren Namen gab.

Gesungen in höchstem sprachlichem Schwierigkeitsgrad – auf Sanskrit – von einem hervorragenden Ensemble von Solistinnen und Solisten der ENO, unterstützt vom exzellenten Chor des Hauses, stach die überragende Figur des Gandhis hervor. Der Mahatma wird hier, im Gegensatz zu früheren Aufführungen, nicht durch einen weißen Engländer sondern, viel passender, durch den asiatisch-amerikanischen Tenor Sean Panikkar verkörpert, der seiner Stimme enorme Leuchtkraft verleiht und trotz betonter Passivität klar als Hauptfigur dieser bemerkenswerten Oper hervortritt.

Dr. Charles Ritterband, 23. Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und Klassik-begeistert.at 

Coproduktion mit der Metropolitan Opera, New York
Gesungen in Sanskrit
Orchester und Chor der ENO
Musikalische Leitung: Carolyn Kuan
Regie: Phelim McDermott
Kostüme: Kevin Pollard
Licht: Paule Constable
Chöre: Mark Biggins
M.K. Gandhi: Sean Panikkar
Miss Schlesen , Gandhis Sekretärin: Gabriella Cassidy
Indische Mitarbeiterin Mrs Naidoo: Verity Wingate
Gandhis Ehefrau Kasturbai: Felicity Buckland
Europäischer Mitarbeiter Mr. Kallenbach: James Cleverton

 

 

 

 

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