Philippe Jaroussky versucht sich Unter den Linden an Schubert

Philippe Jaroussky, Jerome Ducros, Franz Schubert,  Staatsoper Unter den Linden, 18. Januar 2020

Was Jaroussky  als Counter aber naturgemäß fehlt, ist die Tiefe. Die Mittellage ist etwas fahl im Klang und überhaupt nicht belastbar. Also setzt der Sänger fast ausschließlich seine Höhe unter Einsatz der Kopfstimme ein. Das bekommt den Liedern aber überhaupt nicht, zumal Jaroussky die Töne teilweise unangenehm anschleift, die Verblendung der Register misslingt regelmäßig.

Staatsoper Unter den Linden, 18. Januar 2020
Philippe Jaroussky  Countertenor – Foto: © Claudia Höhne
Jerome Ducros  Klavier
Franz Schubert Ausgewählte Lieder

von Peter Sommeregger

Der französische Countertenor Philippe Jaroussky ist  bereits seit vielen Jahren einer der populärsten Vertreter seines Stimmfaches. Schon verschiedentlich hat er versucht, das für Countertenöre doch eher begrenzte Repertoire für sich zu erweitern. Aktuell versucht er sich an dem Liedschaffen Franz Schuberts. Dieser Komponist hat die Form des Kunstliedes in vor und nach ihm nie wieder erreichte Höhen geführt. Verständlich, dass ein Vollblutmusiker wie Jaroussky an diesen Liedern nicht vorbei gehen will. Zusammen mit dem Pianisten Jerome Ducros hat er eine Auswahl von Liedern erarbeitet, die er an diesem Abend im Großen Saal der Staatsoper Unter den Linden präsentiert.

Die Vorfreude auf den Abend schwindet aber von Lied zu Lied , und macht schnell einer Ernüchterung Platz. Schuberts Lieder, die sich relativ einfach in verschiedene Stimmlagen transponieren lassen, klingen eigentlich von einem Sopran nicht schlechter, als von einem Tenor, auch Bässe und Mezzosoprane können durchaus damit glänzen. Voraussetzung ist aber eine Stimme, die genügend Körper hat, über eine robuste Mittellage verfügt, und auch keine Probleme mit den höheren und tieferen Registern hat. Schubert verlangt viel von seinen Sängern!

Damit ist schon das Problem offenkundig, das Jaroussky mit diesen Liedern hat. Zwar hat er wohl intensiv an der Wortdeutlichkeit gearbeitet, die ihm für einen Nicht-Muttersprachler auch passabel gelingt. Was ihm als Counter aber naturgemäß fehlt, ist die Tiefe. Die Mittellage ist etwas fahl im Klang und überhaupt nicht belastbar. Also setzt der Sänger fast ausschließlich seine Höhe unter Einsatz der Kopfstimme ein. Das bekommt den Liedern aber überhaupt nicht, zumal Jaroussky die Töne teilweise unangenehm anschleift, die Verblendung der Register misslingt regelmäßig.

Das größte Ärgernis aber sind die teilweise scharfen Höhen, die fatal an übersteuerte Tonaufnahmen erinnern, die Stimme „klirrt“. Es sind leider gerade die hoch liegenden Lieder wie der Musensohn, Auf dem Wasser zu singen, und An Sylvia, die auf diese Weise wenig Freude bereiten.

In Jerome Ducros hat der Sänger einen sensiblen und stilsicheren Begleiter. Er spielt zwischen den einzelnen Liedgruppen zwei kurze Klavierstücke Schuberts, die diesem Komponisten eher gerecht werden, als Jarousskys Gesang, der Vieles will, was ihm seine Stimmlage einfach nicht ermöglicht.

Erstaunlich viel Applaus am Ende. Das Publikum wollte Jaroussky, und es hat Jaroussky bekommen. Schubert eher nicht.

Peter Sommeregger, Berlin, 18. Januar 2020 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

4 Gedanken zu „Philippe Jaroussky, Jerome Ducros, Franz Schubert,
Staatsoper Unter den Linden, 18. Januar 2020“

  1. Offensichtlich war ich in einem anderen Konzert. Ich habe z.B. noch nie ein so großartiges „Allerseelen“ live gehört. Nun gut. Neider eben.

    Friederike Rentzsch

  2. Das ist ja endlich mal eine richtig fundierte Kritik. Ein Countertenor kann nicht richtig tief singen, sondern singt stattdessen mit Kopfstimme – eine erstaunliche Einsicht! Ihre Formulierungen sind so gut, dass man versteht, dass Sie sie unbedingt zweimal präsentieren mussten. Schön auch, dass Sie uns darüber aufklären, was für ein wichtiger Liedkomponist Schubert war; das hätten wir sonst gar nicht gewusst. Insgesamt möchte ich zu dieser „Rezension“ sagen, dass Sie es versucht haben, leider aber anscheinend unter schlechtem Gehör und ebensolchem Geschmack leiden. Nun ja, über den Erfolg eines Jaroussky werden andere entscheiden, zum Glück.

    Rebekka Lilienthal

    1. Liebe Frau Lilienthal,

      unser Autor ist bei weitem nicht allein mit seiner Meinung. Das schreibt die seriöse Frankfurter Allgemeine Zeitung auf faz.net:

      „Es stellen sich auch generelle Fragen der Stimmlage. Die „Gruppe aus dem Tartarus“ erscheint in der Fassung, die Jaroussky singt, als zu tief für seine Stimme. Kaum kann er sich in der bleichen Tönung dieser Lage gegen das Klavier behaupten. Ebenso stellen ihn die Spitzentöne der einzelnen Liedpartien immer wieder vor Probleme. Ein ums andere Mal rettet sich der Countertenor hier mit einer tiefen Intonation, die nicht selten die Schmerzgrenze überschreitet. Heikle Oktavaufschwünge, wie sie „Des Fischers Liebesglück“ durchziehen, erhalten eine groteske Schluckaufanmutung. Bleibt eine schmale Mittellage, in der Jaroussky mühelos und unangestrengt gestalten kann wie – ein seltener Fall – bei „Am Tag aller Seelen“, das ihm in anrührender Schlichtheit gelingt. Für einen ganzen Liederabend ist das aber doch ein bisschen wenig.“

      https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/countertenor-jaroussky-singt-in-berlin-lieder-von-schubert-16590022.html

      Herzlich aus HH
      Andreas Schmidt, Herausgeber

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