Arabella als packendes Art-Déco-Drama an der Wiener Staatsoper

Richard Strauss, Arabella,  Wiener Staatsoper

Foto: M. Pöhn (c)
Wiener Staatsoper, 14. Dezember 2017
Richard Strauss
, Arabella

von Charles E. Ritterband

Es kommt eher selten vor, dass der Musikkritiker von einer Opern-Inszenierung rundum begeistert ist – dass Regiekonzept und Personenführung, Bühnenbild wie Gesangsleistung perfekt zusammenwirken. Bei der Wiederaufnahme von Richard Strauss‘ fesselndem Musikdrama „Arabella“ – die 46. Aufführung in dieser hervorragenden Inszenierung – war dies der Fall.

Regisseur Sven-Eric Bechtolf und Bühnenbildner Rolf Glittenberg versetzten die Oper, die von Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannstal eigentlich im Wien des Jahres 1860 in einer fast noch intakten Operettenwelt angesetzt war, äußerst stimmig in die frivolen 1920er-Jahre, als sich über die ausgelassene Lebenslust die Schatten des soeben beendeten Ersten und des künftigen Zweiten Weltkrieges legten.

Der wegen seiner unglücklichen Spielerleidenschaft hoffnungslos verarmte Graf Waldner (überwältigend stimmlich und darstellerisch: der unverwüstliche Kurt Rydl mit seinem Berge versetzenden Bass und seiner unvergleichlichen Komik) steigt mit Frau und Töchtern im Wiener Fünfsternehotel „Metropol“ ab, will seine ältere, extrem attraktive Tochter Arabella (grandiose stimmliche Präsenz und Bühnenpräsenz Anna Gabler) möglichst hochklassig an den Mann bringen – während seine Gattin die jüngere Tochter Zdenka (die ausgezeichnete israelische Sopranistin Chen Reiss) als Bub ausgibt und kleidet, da für ihre Ausstattung keine Mittel mehr vorhanden sind.

Die Verlegung in die Art-Déco-Epoche, also knapp vor der Uraufführung der Oper im Jahr 1933 in Dresden, ist eine hervorragende Idee, denn die Handlung, vor allem der große Ball im zweiten Akt, passt nahtlos in jene Ära. Und vor allem überzeugt dieses zeitliche Konzept ästhetisch: Das Hotel „Metropol“ im Déco-Stil glänzt mit zurückhaltender Eleganz, während die Kleider der Damen den hochraffinierten Chic jener Epoche verkörpern. Ein kulinarischer Genuss, diese Inszenierung, nicht nur für Auge und Ohr, sondern auch für den Geist – denn die Story ist frivol, raffiniert und packend.

Und so wird sie von den Darstellern auch auf die Bühne gebracht – da gibt es ausschließlich überzeugende Verkörperung der Charaktere und kein statisches Vorsingen. Ist die schöne Arabella, die an jedem Finger einen Liebhaber haben könnte, sich aber als gradlinige, solide liebende Frau erweist, der unbestreitbare Mittelpunkt des Geschehens, sobald sie die Bühne betritt, so wirkt ihre als Bruder verkleidete jüngere Schwester anfangs wie eine eher verschüchterte Nebenfigur – und das passt natürlich genau zur Handlung. Zdenka wird nämlich im zweiten Akt zur Schlüsselfigur, als sie den von ihr einseitig geliebten Matteo (der sie nicht als Frau erkennt, sondern für einen Jungen hält, aber unsterblich in ihre strahlende Schwester Arabella verliebt ist) in ihr Zimmer und ihr Bett lockt, indem sie vorgibt, im Auftrag Arabellas zu handeln. Der angereiste Mandryka, der sich kurz zuvor mit Arabella verlobt hat, kommt hinzu und wird unglücklicherweise Zeuge der Schlüsselübergabe.

Da beginnt das berührende und zugleich irgendwie komische Drama, bei dem es um ein Haar zum Duell zwischen Mandryka und Matteo gekommen wäre – bis sich Zdenzka, die als klassische „Dea ex Machina“ die Treppe herunterrennt, zu erkennen gibt und das gigantische, von ihr verursachte Missverständnis auflöst. Hier endlich steigt Chen Reiss, der anfangs als „kleiner Bruder“ naturgemäß Zurückhaltung auferlegt war, stimmlich und darstellerisch zur Hochform auf und zeigt, was sie wirklich kann.

Doch der Star des Abends ist, neben dem immer beeindruckenden Altmeister Rydl, der hervorragende Bariton Christopher Maltman, der mit großer Geste den Champagner strömen lässt, die Hotelspesen seines künftigen Schwiegervaters locker übernimmt und doch als „halber Bauer“, wie er sagt, sich zu wilden Temperamentausbrüchen und eifersüchtigen Kurzschlusshandlungen hinreißen lässt. Maltman ist stimmlich überragend und darstellerisch mitreißend – er und Arabella, die er am Ende doch noch kriegt, sind ein überzeugendes, ja fast überlebensgroßes Paar – sie in ihrer Weiblichkeit, er, der soeben noch „von einer alten Bärin umarmt“ wurde und deshalb wochenlang ans Spitalbett gefesselt war, in seiner ungestümen Männlichkeit.

Die Schwachstellen sind geradezu vorgegeben: Die Oper beginnt, mit der Prophezeiung der Kartenlegerin (schwach: Donna Ellen), ebenso unklar wie unspektakulär, und man schafft erst danach den Einstieg in die Handlung, die einen dafür bis zum Ende nicht mehr los lässt. Und auch Graf Waldners Ehefrau Adelaide (Zoryana Kushpler), der ja das unselige Verkleidungsspiel zu verdanken ist, bleibt eher glanzlos. Glanzvoll hingegen das Staatsopernorchester unter der Stabführung von Patrick Lange. Jubelnder, anhaltender Applaus.

Der Journalist Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C. und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.

Dirigent Patrick Lange
Regie Sven-Eric Bechtolf
Bühne Rolf Glittenberg
Kostüme Marianne Glittenberg
Chorleitung Martin Schebesta
Arabella Anna Gabler
Zdenka Chen Reiss
Graf Waldner KS Kurt Rydl
Mandryka Christopher Maltman
Matteo Benjamin Bruns
Fiakermilli Maria Nazarova
Elemér Thomas Ebenstein
Adelaide Zoryana Kushpler

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