Fotos: Staatskapelle Berlin (c) Alte Oper Frankfurt Salar Baygan
Ein Konzertsaal ist bekanntlich kein Hochgebirge, und dennoch verlangte Richard Strauss seinen Musikern stets die physische wie geistige Kondition eines geschulten Alpinpersonals ab. Wer sich an diesem ersten Novemberabend in die Alte Oper Frankfurt begab, suchte allerdings weniger die sportliche Ertüchtigung als vielmehr das seltene Wunder einer perfekten Klangbalance. Am Pult der Staatskapelle Berlin stand Christian Thielemann. Ein Dirigent, der diesen monumentalen Spätromantiker gewiss nicht mehr studieren muss, sondern ihn seit Jahrzehnten mit der Selbstverständlichkeit eines routinierten Bergführers durch die Partituren bewegt. Genau hier lag an diesem Abend Freud und Leid schmerzhaft nah beieinander.
Alte Oper Frankfurt, 1. November 2026
Richard Strauss
Vier letzte Lieder
Eine Alpensinfonie op. 64
Camilla Nylund, Sopran
Staatskapelle Berlin
Christian Thielemann, musikalische Leitung
von Dirk Schauß
Den Auftakt machten die Vier letzten Lieder, jener abgeklärte Abschiedsgesang einer verlöschenden Epoche.
Camilla Nylund trat als Solistin auf die Bühne und verblüffte sofort mit einer vokal-technischen Immunität, die man nach ihren Ausflügen ins hochdramatische Fach kaum erwarten durfte. Kein Schwulst, keine verschleierte Höhe, keine Spuren einer kraftraubenden Brünnhilde oder Isolde beschwerten ihren Vortrag. Sie schwebte auf einer erhabenen Aura über dem Podium und formte schimmernde, klangschöne Vokalisen. Leider blieb es weitgehend bei diesen reinsten Wohllauten. Die vorgegebene Sprache geriet zu einer Nebensache, ein Schicksal, das Nylund freilich mit der Mehrheit ihrer Sopran-Kolleginnen teilt. Schwerer wog jedoch die auffällige gestalterische Sparsamkeit. Wo man ein erzähltes Leben, ein Ergründen von Vergänglichkeit oder schlicht erzählerische Hingabe erhoffte, herrschte kühle, wenn auch makellose Ästhetik. Ein schöner Klang als Selbstzweck.

Das erzählerische Fundament baute stattdessen das Orchester. Thielemann demonstrierte hier ein meisterhaftes Handwerk. Er nahm die gewaltig besetzte Staatskapelle Berlin mit stoischer Ruhe so weit zurück, dass seine feine Solistin mühelos den Raum füllte. Sobald der Gesang schwieg und das Orchester allein das Wort ergriff, offenbarte sich der eigentliche Glanz dieses Werks. Die Klangkultur der Berliner Bläser und Streicher erreichte eine Qualität, über die man kaum ohne Vorbehalte sprechen kann. Das war schlicht überragend ausbalanciert, edel im Ton und von einer geschmeidigen Präzision, die keinen Wunsch offenließ.

Nach der Pause folgte die Alpensinfonie, jenes Werk, das Thielemann in- und auswendig kennt. Umso verblüffender geriet der Beginn dieser musikalischen Bergwanderung. Wer auf ein mystisches Erwachen im dunklen b-Moll gehofft hatte, sah sich einer eigentümlichen Hektik gegenüber. Thielemann zündete die Nacht mit einer Eile an, als gelte es, vor dem großen Ansturm noch den letzten Parkplatz am Talbahnhof zu ergattern. Das düstere Bergmotiv der phänomenalen Staatskapelle besaß zwar einen herrlich schaurigen Unterton, doch der Dirigent ließ dem Klangeffekt kaum Raum zum Atmen. Auch der leider völlig verhetzte Sonnenaufgang litt unter diesem merkwürdig übereilten Puls. Zu rasch, zu unruhig und in den Lautstärkeverhältnissen unglücklich verschoben. Wenn das Glockenspiel die drei Beckenschläge mühelos übertönt, stimmt die Statik der Partitur nicht mehr. Dazu gesellte sich das altbekannte Problem zu klein gewählter Becken. Wo gleißende Wucht und metallischer Glanz gefordert waren, blieb der Effekt schlicht zu dünn.
Völlig überhastet gestaltete sich dann auch der anschließende Anstieg. Statt des kraftvollen, bedächtigen Schrittes eines erfahrenen Bergsteigers glich der Beginn der Wanderung eher einer munteren Joggingrunde, zu der das gesamte Orchester im Kollektiv angetreten war. Die Musik verlor dabei ihre prägnante Kontur, wirkte nervös und phasenweise erschreckend beiläufig.

Man rieb sich verwundert die Ohren über diesen holprigen Aufstieg. Doch Thielemann wäre nicht Thielemann, wenn er einen solchen Abend nicht zu drehen verstünde. Auf der Alm kehrte die Ruhe zurück. Hier entfaltete der Dirigent plötzlich eine kostbare, filigrane Lyrik. Die Holzbläser imitierten die Klänge der Natur mit verblüffender Deutlichkeit, und das sanfte An- und Abschwellen der Herdenglocken erzeugte eine plastische, spürbare Atmosphäre. In den gefahrvollen Augenblicken bremste Thielemann das Tempo dann drastisch ab. Was für das Orchester höchste Konzentration bedeutete, verlangte dem Solo-Trompeter alles ab. Sein extrem schweres Solo musste nun mit deutlich mehr Atem und Ausdauer bewältigt werden, was dem Musiker jedoch mit glänzender Bravour gelang. Auf dem Gipfel angekommen, brach sich die aufgestaute Klanggewalt endlich Bahn.
Thielemann ließ die Leine los. Das volltönende Blech im mächtigen Wechselspiel mit der massiv auftrumpfenden Streichergruppe öffnete einen sinfonischen Horizont von überwältigender Strahlkraft. Die Stille vor dem Sturm lud die Luft im Saal mit greifbarer Spannung auf, ehe das eigentliche Unwetter hereinbrach. Dies war keine getupfte Illusion, sondern eine phonetische Naturgewalt, bei der das Donnerblech eine prominente Hauptrolle übernahm. Das eigentliche Wunder dieses Konzerts ereignete sich jedoch beim Sonnenuntergang. Was Thielemann und die Staatskapelle hier zelebrierten, berührte das Legendäre. Die riesige Streicherabteilung verband sich mit den schimmernden Bläsern zu einer Intensität, die den Saal der Alten Oper in ein tiefes, warmes Glühen tauchte.

Solche Augenblicke von bezwingendem Ausdruck und klanglicher Wärme hat man seit den Sternstunden unter Herbert von Karajan nicht mehr im Konzertsaal erlebt. Selbst in diesen dicht gewebten Musikteppichen lieferten das Solo-Horn und die Solo-Trompete Beiträge von hinreißender Schönheit ab. Sie trafen die Töne aus dem Nichts, völlig ohne Ansatzdruck, wie reine Lichtstrahlen.
Nach dem Verstummen der letzten Nachtelegie herrschte sekundenlange, meditative Stille im Raum. Erst dann entlud sich ein Orkan des Jubels. Christian Thielemann und die Staatskapelle Berlin bewiesen trotz des holprigen Starts eine tiefe, symbiotische Vertrautheit. Sie schickten ein hochgradig beglücktes Publikum in die Frankfurter Novembernacht.
Dirk Schauß, 2, November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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