Benjamin Bernheim als Cavaradossi nach einer TOSCA-Aufführung in der Staatsoper Unter den Linden, Berlin. Foto: forumopera.com
Das bedeutendste frankophile Opernmagazin, Forum Opéra, hat in einem Beitrag über den französischen Tenor Benjamin Bernheim in der Puccini-Oper TOSCA an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin zwei Autoren und eine Autorin von klassik-begeistert ausgiebig gewürdigt und rezipiert. Es sind dies Ralf Krüger, Jean-Nico Schambourg und Kirsten Liese. Sie hatten verschiedene Aufführungen der Jahrtausend-Oper besucht. Als Herausgeber danke ich meinen AutorInnen für ihre hervorragende Berichterstattung. AS
klassik-begeistert bringt eine Übersetzung des französischen Beitrags auf forumopera.com (Le magazine du monde lyrique).
Forum Opéra (forumopera.com) ist ein unabhängiges französischsprachiges Online-Magazin für Oper und klassischen Gesang. Es gilt als Pionier der frankophonen Opernportale. Gegründet wurde es 1999 von Camille de Rijck, zunächst als Forum, und 2001 wurde daraus ein Webzine mit unabhängiger Redaktion. Seither bringt es Themendossiers, Kritiken zu Aufführungen und Tonträgern, Podcasts und Videointerviews. Erscheinungsland ist Belgien.
Bernheim, erster Cavaradossi in Berlin: Die Kritik ist begeistert, fast jedenfalls
31. Oktober 2026
Nicolai Gedda hatte den Cavaradossi nie gesungen. Das jedenfalls glaubte Benjamin Bernheim, der dem schwedischen Tenor tiefe Bewunderung entgegenbringt, wie er kürzlich gegenüber OPER! anvertraute. Die Archive der Wiener Staatsoper erzählen allerdings eine andere Geschichte: Gedda hat die Partie am 10. Februar 1965 an der Seite von Magda Olivero sehr wohl gesungen. Einundsechzig Jahre später, am 25. Oktober, wagte sich nun Bernheim an den Maler aus „Tosca“, an der Staatsoper Unter den Linden. Die ersten Kritiken überschlagen sich vor Lob. Fast jedenfalls.
Für Ralf Krüger (Klassik begeistert) stiehlt Bernheim seinen Partnern schlicht die Schau. Der Kritiker bewundert die Art, wie er die Stimme in die Höhe führt und Wellen der Emotion aufwühlt, und sieht in seinem Auftritt den stimmlichen Höhepunkt eines Abends, von dem er tief bewegt nach Hause ging.
Im selben Medium teilt Jean-Nico Schambourg diese Begeisterung. Schon bei „Recondita armonia“ applaudierte der Saal. Legato, Präzision der Höhen, Atemkontrolle, Intelligenz der Phrasierung: Er zählt Bernheim zu den besten Cavaradossi unserer Zeit. Mehr noch als die stimmlichen Mittel würdigt er die Verkörperung eines leidenschaftlichen Mannes, der Tosca mit demselben Überschwang liebt, mit dem er Scarpia hasst.
Eric Alexander Hoffmann (Online Merker) zeigt sich differenzierter. Er lobt zwar die Schönheit des Timbres, die Eleganz und die scheinbar mühelos angesetzten Höhen, bemerkt aber einen mitunter ungleichen Übergang zwischen Mittellage und oberem Register, wobei sich die hohen Töne von der Linie zu lösen schienen. Eine Frage der Kontinuität, nicht der Kraft, die sich mit wachsender Vertrautheit mit der Partie klären dürfte.
Am zwiespältigsten urteilt Kirsten Liese (Klassik begeistert). Sie bewundert uneingeschränkt ein „E lucevan le stelle“, in dem Bernheim die Angst und Verzweiflung des Helden greifbar macht. Die Duette mit Tosca lassen sie hingegen kalt: Es fehle ihnen die Weichheit und Wärme der großen italienischen Tenöre von einst, von Giuseppe Di Stefano bis Carlo Bergonzi. Sie findet das Timbre zu hell, die Darstellung zu blass und zieht ihm die dunkle Färbung und das Engagement von Jonas Kaufmann vor. Wo Schambourg einen fiebrig Liebenden hört, sieht sie eine Figur, deren Gefühle kaum über die Rampe kommen. Hier herrscht vollkommener Dissens.
Mehr Einigkeit besteht bei Aleksandra Kurzak. Für Hoffmann ist die polnische Sopranistin die große Triumphatorin des Abends: Ihre lange gereifte Tosca gipfelt in einem erschütternden „Vissi d’arte“. Liese geht so weit, sie in dieser Rolle mehreren berühmten Kolleginnen vorzuziehen, darunter Sondra Radvanovsky. Schambourg schätzt den Reichtum ihrer Farben und die Anmut ihrer lyrischen Momente, vermerkt jedoch einige Grenzen in den dramatischsten Passagen.
Davide Luciano, der ebenfalls sein Rollendebüt als Scarpia gab, überzeugt mit einem dunklen, großzügigen Bariton. Hoffmann bedauert, dass diese stimmliche Noblesse bisweilen die Düsternis der Figur mildere; Liese hingegen lobt seine Autorität und die Intensität seiner Auseinandersetzung mit Kurzak.
An der Spitze der Staatskapelle Berlin findet Alexander Soddy einhellige Zustimmung. Sein glühender, kraftvoller Puccini, stets aufmerksam gegenüber den Sängern, gehört zu den großen Trümpfen der Aufführung. Hoffmann hebt insbesondere seine Kunst hervor, von orchestralen Entladungen zu feinsten Nuancen überzugehen.
Die Inszenierung von Alvis Hermanis, 2014 uraufgeführt, spaltet die Gemüter stärker. Krüger und Schambourg loben ihre Klarheit, ihr erzählerisches Gespür und den Verzicht auf aufgesetzte Neudeutungen; Hoffmann findet sie trotz der Raffinesse von Bühnenbild und Projektionen zu konventionell, beinahe museal.
Ein weithin gefeiertes Rollendebüt also, auch wenn nicht alle in Bernheim schon den idealen Cavaradossi sehen. Nach einer letzten Berliner Vorstellung am 31. Oktober überquert der Tenor den Atlantik zu seinem Debüt in der Carnegie Hall, wo er mit dem Orchestra of St. Luke’s unter Louis Langrée Berlioz’ „Les nuits d’été“ singt. Nach den Pinseln des Cavaradossi heißt es am 5. November also wieder: zurück zu den Versen Gautiers.
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