"Der fliegende Holländer" in Berlin: Thomas Blondelle glänzt in einer Nebenrolle

Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Deutsche Oper Berlin, 09. Mai 2019

Foto: Der fliegende Holländer, Premiere am 7. Mai 2017 in der Deutschen Oper Berlin, copyright: Thomas Jauk

Richard Wagner, Der fliegende Holländer 
Deutsche Oper Berlin,
09. Mai 2019

Musikalische Leitung: Axel Kober
Inszenierung: Christian Spuck
Bühne: Rufus Didwiszus
Kostüme: Emma Ryott
Licht: Ulrich Niepel
Chöre: Jeremy Bines

Daland: Falk Struckmann
Senta: Catherine Foster
Erik: Thomas Blondelle
Mary: Maiju Vaahtoluoto
Steuermann: Gideon Poppe
Holländer: Iain Paterson

Chor der Deutschen Oper Berlin
Orchester der Deutschen Oper Berlin

von Gabriel Pech

Die »Wagner-Woche« an der Deutschen Oper Berlin wartet mit einem hohen sängerischen Potential auf. Der fliegende Holländer soll mit einer »Spitzenbesetzung« zu hören sein – die Erwartungen sind dementsprechend hoch. Wer aber hoch hinauf fliegt, kann umso tiefer fallen. Leider fliegt auch dieser Holländer nicht ganz so hoch, wie man sich das gewünscht hätte. Am Ende des Tages ist es eine sonst eher wenig beachtete Rolle, die diese Aufführung vor dem Sturz bewahrt.

Kommen wir direkt zur Sache: Thomas Blondelle hat seinen Job wirklich großartig gemacht. Als Held der kleinen Träume, Wunderjäger, fliegender Erik gab er sich – niemand versteht, wieso die gute Senta sich nicht für ihn entschieden hat.

In Christian Spucks Inszenierung darf Blondelle die gesamte Zeit auf der Bühne stehen, sitzen oder liegen, meistens aber liegen. Die ganze Handlung spielt sich als Eriks Albtraum ab, er sieht seine geliebte Senta an die Fänge einer Gruselgestalt verloren gehen. Der psychologische Tiefgang ist sehr detailreich ausgeschmückt: Zu jedem zweiten Bühnengeschehen muss der kleine Erik eine Pose, Geste oder wieder ein dramatisches Hinfallen setzen, damit auch in der letzten Publikumsreihe ankommt, dass ihm das Gesehene deutlich missfällt.

Zugegeben, vielleicht etwas zu detailreich, etwas zu pathetisch. Das alles ist aber vergessen, sobald Blondelle zu singen ansetzt. Seinen klaren Tenor kann er in dieser Rolle vollends zur Geltung bringen. Seine Stimme strahlt vor starker natürlicher Präsenz und allgemeinem Wohlklang. Vor allem schauspielerisch muss er natürlich über den Abend hinweg einiges leisten und auch wenn seine »passiven« Szenen etwas zu pathetisch gestaltet sind, so spielt er dafür umso besser in seinen Szenen mit Senta.

Die muss sich übrigens auch nicht verstecken. Catherine Foster besticht vor allem durch ihre fabelhafte Intonation, die bis in die Spitzentöne zielsicher punktet. Sie ist eine hügelerfahrene Brünnhilde, die sich Wagner gewissermaßen verschrieben hat. Diese Expertise in ihrem Fach kommt als Senta leider nicht immer zur Geltung, da diese Rolle auch filigrane, mädchenhafte Aspekte hat. So glänzt Foster immer dann, wenn sie ihr ganzes Stimmvolumen unter Beweis stellen kann, zum Beispiel am Ende des Werks oder im Liebesduett mit dem Holländer.

Die titelgebende Rolle stemmt Iain Paterson mit Mühe. Der Bassbariton lässt satte Tiefen vermissen, wohingegen seine tenoralen Höhen eine schöne Energie besitzen. Man mag nicht ganz nachvollziehen, wie er am Ende das Ziel aller Träume sein soll. Es fehlt etwas an verinnerlichter Erotik, die ihn zum geheimnisvollen älteren love interest machen könnten.

Auch Falk Struckmann als Daland überzeugt nicht abschließend. Die Tiefen seines Bassbaritons sind zwar solide und ausreichend voluminös, dafür wirken seine Höhen aber etwas forciert. Es ist etwas ernüchternd, diese Parade von starken Bassrollen ohne einen wirklich schönen Bass zu erleben.

Auf der anderen Seite des stimmlichen Spektrums tummelt sich neben Blondelle noch Gideon Poppe als Steuermann. Der zweite Tenor in Nebenrolle hat noch weniger zu singen als der erste, überzeugt aber in diesem Wenigen schon ausreichend: Seine Arie »Mit Gewitter und Sturm« singt er mit einer glockenhellen Stimmfarbe und schöner Leichtigkeit.

Auch der Chor liefert eine sehr gute Leistung ab. Durch die großflächige Trennung von Männer- und Frauenchören in dieser Oper können beide Geschlechter einmal ihre jeweiligen Qualitäten präsentieren. Die Männer der Deutschen Oper profilieren sich vor allem durch ihren homogenen, kernigen Klang, sind dafür aber manchmal mit schnelleren Rhythmen überfordert.

Das können die Frauen definitiv besser und sicherer, dafür sind wenige leise, hohe Passagen in »Summ und Brumm« nicht ganz rein intoniert. Trotz allem glänzt der Chor hier als Hauptdarsteller mit den anderen Figuren auf einer Höhe.

Das Orchester unter Alex Kober gibt ebenfalls eine gute Figur ab. Stellenweise erreicht es keine Perfektion, aber vor allem die Klarheit des reinen Bläserklangs überzeugt.

Es ist ein reduzierter Holländer, der nur mit Schiffsakzenten in Form von etwas Segeltuch und einem sonst grautristen Bühnenraum auskommt. Schöne schaurige Stimmung lassen die steten Regentropfen auf der hinteren Bühne und der schwelende Nebel aufkommen. Die Inszenierung selbst zeichnet sich durch viel Hinfallen aus, und zwar nicht nur vom kleinen leidenden Erik sondern immer mal wieder von allen Beteiligten. Das ist streckenweise sehr nervig, aber die sonst sehr gute Personenregie kann dafür durchaus entschädigen.

Wir sind gespannt, was diese »Wagner-Woche« sonst noch zu bieten haben wird.

Gabriel Pech, 10. Mai 2019, für
klassik-begeistert.de

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