Musikfest Berlin: Kein ungetrübtes Wagner-Glück

Foto: wikipedia.de (c)
Philharmonie Berlin,
5. September 2018
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Donald Runnicles Dirigent
Bernd Alois Zimmermann  Photoptosis
Stille und Umkehr
Richard Wagner  SIEGFRIED, 3. Aufzug
Siegfried Simon O’Neill
Der Wanderer Michael Volle
Erda Judit Kutasi
Brünnhilde Allison Oakes

von Peter Sommeregger

Das Gastspiel der Deutschen Oper Berlin in der Philharmonie im Rahmen des Musikfestes Berlin hat bereits Tradition. Im ersten Teil des Konzerts führt das Orchester zwei kurze Stücke von Bernd Alois Zimmermann auf, dessen hundertsten Geburtstag es dieses Jahr zu feiern gilt. Die Wahl fiel auf die beiden letzten Orchesterwerke des Komponisten, die 1968 und 1970, im Jahr seines Freitodes, entstanden.

Die oft als Schwesternwerke bezeichneten Stücke sind Auftragswerke, die Uraufführung von „Stille und Umkehr“ hat der Komponist nicht mehr erlebt. Ist „Photoptosis“ für eine große Orchesterbesetzung geschrieben, so ist der Orchesterapparat für „Stille und Umkehr“ deutlich überschaubarer. Ersteres ist ein unruhiges, in ständiger Steigerung und Intensivierung begriffenes Stück, das zweite ist stiller, sanfter,nimmt einen Blues-Rhythmus auf, der von mit den Handflächen gespielter  kleiner Trommel, dem Besen und schließlich der Rührtrommel gespielt wird. Das Orchester der Deutschen Oper beweist einmal mehr, dass es nicht nur Oper spielen kann.

Nach der Pause wird der dritte Akt der Oper „Siegfried“ konzertant aufgeführt. Beim Anblick des etwa 120 Musiker umfassenden Klangkörpers auf dem Podium wird man sich mehr als im Opernhaus, wo der Orchestergraben nicht so gut einzusehen ist, bewusst, wie gewaltig der Klangapparat ist, den Wagner für seine Musikdramen aufbietet.

Konzertante Opernaufführungen haben den Vorteil, dass sich die Sänger ausschließlich auf den Gesang konzentrieren müssen, und von heutzutage oft genug werkentstellenden Aktionen auf der Bühne befreit sind. Im Falle dieser Darbietung ging aber diese Rechnung nicht auf. Obwohl die Sänger an der vordersten Kante des Podiums platziert waren, hatten alle vier Solisten Probleme, sich gegen die geballte Wucht des hervorragend aufspielenden Orchesters durchzusetzen. Am besten schlug sich noch der sonor und kräftig artikulierende Michael Volle als Wanderer. Der Auftritt von Judit Kutasi als Erda blieb unauffällig.

Als Simon O’Neill das Podium betrat wurde die Diskrepanz zwischen zu interpretierender Rolle und äußerer Erscheinung aber offenkundig. Gestärktes Frackhemd und Brille, zudem ein auffälliges Kleben am Notenpult machten jegliche Illusion eines jungen Siegfried zunichte. Gesanglich scheint der Tenor inzwischen dieser Rolle auch deutlich entwachsen zu sein, man könnte sich ihn eher im Charakterfach, zum Beispiel als Herodes vorstellen. Auch er wurde durch die von Donald Runnicles furios entfesselte Fülle des Orchesterklanges zeitweise in arge Bedrängnis gebracht.

Letzteres betraf in noch stärkerem Maße Allison Oakes, die als Einzige an diesem Abend ihre Rolle komplett präsentieren konnte. Leider konnten auch die wogenden Orchesterfluten deutliche Defizite ihrer Stimme nicht kaschieren. Einer angenehmen und kräftigen Mittellage steht ein fast völliges Fehlen der tieferen Register entgegen. Da wurde vieles einfach verschluckt und blieb unhörbar. Im äußersten Forte wird die Stimme leider hart und schrill, das finale C missglückte völlig. Die Sängerin erweist sich in Rollen des hochdramatischen Faches als deutlich überfordert.

Orchester und Dirigent konnten mit ihrer großen Wagner-Kompetenz punkten, eindeutige Schwachstelle war die Besetzung der Gesangssolisten. Trotzdem zeigte sich das Publikum in der längst nicht ausverkauften Philharmonie befriedigt und sparte nicht mit Beifall.

Peter Sommeregger, Berlin, 6.September 2018 für
klassik-begeistert.de

 

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