Große Interpreten bei den Salzburger Festspielkonzerten

Salzburger Festspielkonzerte / Salzburg Festival Concerts, 6 DVD im Schuber Unitel/Cmajor (Vertrieb Naxos) – Rezension

Foto: (c) https://naxosdirekt.de
Salzburger Festspielkonzerte / Salzburg Festival Concerts
6 DVDs im Schuber Unitel/Cmajor (Vertrieb Naxos)

von Peter Sommeregger

Die soeben erschienene, insgesamt 6 DVDs umfassende Box ist eine Reminiszenz an große Konzerte der Salzburger Festspiele zwischen 2007 und 2013.

Vier der Eröffnungskonzerte, die Jahrgänge 2008 bis 2011 sind darin enthalten, sowie 2 DVDs mit Konzerten des West-Eastern Divan Orchestra und des National Children’s Symphony Orchestra of Venezuela. Erstere präsentieren große Dirigenten am Pult der Wiener Philharmoniker, die beiden letzteren zeigen die Resultate der Aufbauarbeit, die Daniel Barenboim und Simon Rattle diesen Jugendorchestern gewidmet haben.

Im Konzert des Jahres 2008 können wir den damals noch ungemein agilen und jugendlichen Pierre Boulez erleben, der inzwischen leider verstorben ist. Er entschied sich für ein Programm mit Werken ausschließlich des 20. Jahrhunderts, beginnend mit Ravels Valses nobles et sentimentales, dekorativen, kurzen Miniaturen. Es folgt Bartoks erstes Klavierkonzert, vom Komponisten für seine eigene Konzerttätigkeit gedacht, ist es ein klassisches Virtuosenkonzert,  von Daniel Barenboim eher routiniert als beseelt interpretiert. Finaler und umfangreichster Programmpunkt ist Strawinskys L’Oiseau de feu, die Musik zu dem erfolgreichen Ballett wird in gesamter Länge, nicht nur als Suite gespielt. Vielleicht wäre weniger mehr gewesen. Das Publikum dankt nach dem doch etwas sperrigen Programm mit starkem, aber keineswegs enthusiastischem Applaus.

Im Konzert des Jahres 2009 begegnen wir dem inzwischen ebenfalls verstorbenen Nikolaus Harnoncourt. Schuberts 6 Deutsche Tänze erklingen in einer interessanten Bearbeitung von Anton Webern, gefolgt von Polkas und einem Walzer von Josef Strauß, die Harnoncourt betont gegensätzlich zur Wiener Aufführungstradition gestaltet. Höhepunkt des Konzertes bildet die „große“ C-dur Symphonie Franz Schuberts, die der Dirigent sehr breit und betont langsam interpretiert.

2010 erleben wir Daniel Barenboim als Dirigent und Pianisten. Das Klavierkonzert G-dur von Beethoven dirigiert er vom Flügel aus und spielt es technisch souverän, aber weit entfernt vom Feuer der Jugend, wie es in seiner frühen Einspielung unter Klemperer aufleuchtet. Die Notations I-IV und VII von Boulez sind offenbar eine Herzensangelegenheit Barenboims, der auch in diesem Konzert Boulez‘ bekanntestes Werk aufführen lässt. Den Abschluss bildet Bruckners kurzes aber gewaltiges Te Deum. Für das geistliche Werk wird eine prominente Sängerbesetzung aufgeboten: Dorothea Röschmann, Elina Garancia, Klaus Florian Vogt und Rene Pape. Röschmann  führt das Solistenquartett mit ihrem leuchtenden Sopran sicher an, in Vogts weißem, völlig timbrelosen Tenor findet er aber nicht seinen vom Komponisten so gedachten Widerpart, auch Garanca und Pape bleiben erstaunlich blass. Durchaus auf der Haben-Seite schlägt die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor zu Buche.

In dem Konzert von 2011 tritt noch einmal Pierre Boulez ans Pult der Wiener Philharmoniker. In diesem Konzert widmet er sich Alban Berg und Gustav Mahler, Komponisten, zu denen er Zeit seines Lebens eine große Affinität besaß. Bergs Lulu-Suite, deren Uraufführung Berg im Gegensatz zu jener der unvollendet gebliebenen Oper noch erlebt hatte, erklingt mit der ganzen Kompetenz, die das Wiener Orchester von je für die Komponisten der so genannten zweiten Wiener Schule mitbringt. Die Sopranistin Anna Prohaska singt das Lied der Lulu und die Schluss-Szene mit ihren halsbrecherischen Interwallsprüngen äußerst virtuos, lediglich die Koloraturen gelingen nicht ganz sauber. Im Anschluss ist Dorothea Röschmann mit der selten aufgeführten Konzertarie „Der Wein“ zu hören. Ihre warme, nuancenreiche Stimme scheint ideal für dieses anspruchsvolle Stück. Entsprechend stark ist der Beifall.

Höhe-und Schlusspunkt des Konzerts ist Gustav Mahlers Frühwerk „Das klagende Lied“, eine Art Oratorium, dessen Text Mahler selbst geschrieben hat. Das Werk erfordert einen großen Apparat, neben dem Orchester in großer Besetzung und einem gemischten Chor noch einen Alt, einen Sopran und einen Tenor. Anna Larsson, die den umfangreichsten Gesangspart vortragen muss, kann mit ihrer etwas monochromen Altstimme nur bedingt befriedigen. Dorothea Röschmann und Johan Botha wirken dagegen überzeugender, verfügen über die schöneren Stimmen. Auch Botha ist leider inzwischen verstorben. Das musikalisch abwechslungsreiche und bewegte Stück kommt beim Publikum sehr gut an und erhält lange anhaltenden Applaus.

Die DVD aus dem Jahr 2007 zeichnet zwei Konzerte des West Eastern Divan Orchestra, einer Gründung Daniel Barenboims auf. Beim Konzert im großen Festspielhaus stehen Werke von Beethoven (Ouvertüre Leonore III). Schönberg (Variationen für Orchester op.31) und Tschaikowski (Symphonie Nr.6 „Pathetique“ B-moll op.74) auf dem Programm, im großen Saal des Mozarteums spielt das Orchester die Sinfonia Concertante KV 297b von Mozart. Technisch ist das Orchester auf sehr hohem Niveau, was man aber doch noch vermisst, ist eine kollektive Identität, einen spezifischen Klang, der wahrscheinlich erst über einen längeren Zeitraum entwickelt werden kann.

Ähnlich liegen die Dinge im Fall des Konzertes von El Sistema, dem National Children’s Symphony Orchestra of Venezuela mit seinem Mentor Sir Simon Rattle. Die Cuban Overture von Gershwin, die Estancia Suite von Ginastera ebenso wie der Mambo aus der West Side Story von Bernstein mögen noch für sehr junge Musiker geeignet sein, mit Gustav Mahlers erster Symphonie ist aber ein Orchester aus halben Kindern intellektuell doch deutlich überfordert. Sir Simons Interpretation dieses Werkes kann auch insgesamt nicht recht gefallen, zu breit und zu wenig pointiert geraten ihm weite Passagen.

Insgesamt bietet die Box ein weites Spektrum und zum Teil herausragende Momente, zumal man auch Künstler erleben kann, die inzwischen nicht mehr am Leben sind. Verzichtbar wären vielleicht die beiden DVDs mit den Nachwuchsorchestern, die im Vergleich mit den Wiener Philharmonikern doch noch in einer anderen Liga spielen.

Peter Sommeregger, 13.September 2018
für klassik-begeistert.de

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