Schweitzers Klassikwelt 15: Aus dem Zeitalter der LP – der Liedersänger Heinrich Schlusnus

Schweitzers Klassikwelt 15, Heinrich Schlusnus  klassik-begeistert.de

von Lothar Schweitzer

Angefangen hat es mit einem Geschenk für meine Großmutter. Auf Schellackplatten besaß sie viele neapolitanische Lieder, da mein Großvater italienischer Muttersprache war. Darunter gab es eine Aufnahme des „Ave Maria“ von Bach-Gounod mit Beniamino Gigli. Ich schenkte ihr eine Single eines Zeitgenossen Giglis, des Baritons Heinrich Schlusnus, mit dem „Ave Maria“. Etwas ungewohnt die baritonale Version. Auf der Rückseite war Händels berühmtes „Ombra mai fu“ aus seiner Oper „Serse“. Das Larghetto (Originalbezeichnung!) ist eine Bearbeitung einer Bearbeitung italienischer Provenienz.

Der Sänger Heinrich Schlusnus begann mich zu interessieren. Seine „Lieder eines fahrenden Gesellen“ klangen weniger manieriert als die mit Dietrich Fischer-Dieskau. Aber etwas wundert mich heute, dass ich seine schon sehr reife Stimme, die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1950, also im Abendrot seiner Sängerlaufbahn, wie auch sein Foto auf dem Cover zeigt,  mit einem jungen Wandergesellen verbinden konnte. Es muss bei meinem Anhören zu einer seltsamen Zweigleisigkeit gekommen sein, die mir heute unbegreiflich ist. Auf der einen Seite die Faszination seines Timbres, auf der anderen Seite das Seelenleben eines jungen Liebenden, das so gar nicht zu der Stimme passen will.

Es war ein schöner Herbsttag. „Wie in einem Bilderbuch“, kommentierte meine junge Beifahrerin, die ich als Autostopperin aufgelesen hatte. „Wie schön, die Vögel singen, die Sonne scheint, und da gibt es Leute, die setzen ihrem Leben ein Ende.“, setzte sie fort. Ich überlegte. War meine Begleiterin, eine College-Studentin, noch nie wirklich unglücklich gewesen? Und ich fragte mich, ob die Schönheiten der Natur wirklich ein Ersatz sein können, wenn eine menschliche Beziehung in Brüche geht.

Die vier Lieder dieses Zyklus sind ein Kampf zwischen dem Liebesleid eines Menschen und der  Natur, die sich mit ihren Schönheiten verschwenden will.

Wenn im ersten Lied „sein Schatz Hochzeit macht“ und der Gesell in weinerlichen Tönen „seinen traurigen Tag hat“, wendet er sich zunächst von der Welt ab, „geht (mit schwerer werdender Stimme) in sein Kämmerlein, dunkles Kämmerlein“. Doch von irgendwo her kommt in der zweiten Strophe eine blaue Blume, aber es ist die Sorge da, dass sie „nicht verdorre“. Gleich geht es in volksliedhafter Weise mit süßen Vöglein und grüner Heide weiter und schließt mit dem wunderbaren Gefühl: „Ach, wie ist die Welt so schön!“ Doch das Lied ist nicht zu Ende. Kein rasches Happy End.  Nach einer kurzen Stille „Singet nicht! Blühet nicht!“ „Lenz ist ja vorbei!“ Die Natur hat sich nach dem menschlichen Empfinden zu richten. Die Farbe in der Stimme verschwindet. „Alles Singen ist nun aus!“ Selbst die Rufzeichen im Text fehlen im resignierenden Gesang. „Des Abends, wenn ich schlafen geh´, denk´ ich an mein Leide!“

Gänzlich anders die Stimmung im zweiten Lied „Ging heut´ Morgen übers Feld“.  Ein hoffnungsfroher Morgen beginnt. Er vernimmt die Stimme des Finken wie die eines Freunds. Und immer wieder der Refrain, die Frage, die man nur mit Jubel bejahen kann: „Wird´s nicht eine schöne Welt?“ „Ist´s nicht eine schöne Welt?“ „Schöne Welt!“ Glockenblumen, Vögel, Sonnenschein, eine vom Tau funkelnde Welt.

Schlusnus kommt gerade bei diesem Lied sein ungekünstelter Naturgesang zugute. Als Einunddreißigjähriger bereits erfolgreich, fing er bei dem Gesangspädagogen Louis Bachner noch einmal von vorne an. Durch übertriebenes Decken war sein Instinkt für freieres Singen verschüttet worden. Durch die Bachnersche Methode schälte sich erst sein unverwechselbares Timbre heraus, die Höhe wurde müheloser, er konnte natürlich und deutlich singen, wie man spricht.

Nach der Hochstimmung in diesem Lied der bedächtigere Satz: „Nun fängt auch mein Glück wohl an“, aber dahinter ein Fragezeichen gesetzt. Und unser Geselle fällt abermals in ein schwarzes Loch. „Nein, nein, das ich mein´, mir nimmer blühen kann.“

Dramatisch beginnt das dritte Lied mit „Ich hab´ ein glühend Messer, ein Messer in meiner Brust.“ Jetzt kann ich mir den Lyriker als Rigoletto und Vater Germont vorstellen. Nur scheinbar beruhigt sich die Stimmung in der zweiten Strophe. „Wenn ich in den Himmel seh´, seh´ ich zwei blaue Augen stehn!“ Und zum Schluss nahezu tonlos: „Könnt´ nimmer die Augen aufmachen!“

Im vierten Teil „Die zwei blauen Augen von meinem Schatz“ werden die blauen Augen der unglücklich Geliebten wieder zum Brennpunkt. Sie haben ihn in die weite Welt geschickt. Weil sie ihn angeblickt haben, hat er nun „ewig Leid und Grämen“. Der Gesang erinnert an eine Trauerfeier. Einzig der Vers mitten drin „Da musst ich Abschied nehmen vom allerliebsten Platz!“ lässt neben der gedrückten Stimmung eine letztlich heilbringende Entschlossenheit spüren. Wenn der Sänger das „Ich bin ausgegangen in stiller Nacht“ der zweiten Strophe singt, so klingt der Vers mystisch, bedeutungsvoll, auch wenn darauf die Klage ertönt, dass dem Unglücklichen „niemand Ade gesagt hat“.

In der Schlussstrophe hebt der uns bereits lieb gewordene Gesell´ an mit „Auf der Straße steht ein Lindenbaum“. In dieser Phrase spüre ich auf einmal nichts Elegisches mehr. Unser Wanderer erinnert sich merklich gern daran, „da hab´ ich zum ersten Mal im Schlaf geruht“. Und noch einmal wird der Lindenbaum gleichsam als Deus ex Machina in tieferer Lage besungen und hinaufsteigend: „Der hat seine Blüten über mich geschneit“ und weiter im Jubelton: „Da wusst´ ich nicht, wie das Leben tut“ und erlöst: „War alles, alles wieder gut! Alles! Alles, Lieb und Leid und Welt und Traum!“

Etwas war geschehen. Etwas Unvorhergesehenes. Nicht die Blumen, nicht der Vogelgesang, nicht die Strahlen der Sonne, nein, ein Baum, der mit seinen Blüten sachte seinen Körper bedeckte, hatte mit dieser Gestik die heilende Kraft.

Der Liederzyklus ist ein typisches Produkt der Tradition der Romantik. Leid als Folge von Verlust. Wir denken an Mahlers Kindertotenlieder, an die vielen Interpretationen der „Schönen Müllerin“. Ein einziges Mal erlebte ich einen Liederzyklus und zwar des  Komponisten Peter Zwetkoff nach Gedichten von Theodor Kramer,  in dem Existenznot in Form von Armut, Kampf ums Überleben und schweren Arbeitsbedingungen zum Inhalt wird und unser Mitgefühl erweckt.

Die Schallplatte mit den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ enthält auch drei Lieder von Richard Strauss. Bei Liederabenden gern als Zugabe gebracht wird „Morgen“. Der Liedtext von John Henry Mackay beginnt „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“ und der letzte Vers setzt den Schluss mit „und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen“. Da spitze ich die Ohren. Ich habe von keinem anderen Interpreten nach Heinrich Schlusnus dieses Wort „Schweigen“ mit einer voller Gemütsbewegung ganz zart zitternden Stimme singen gehört.

Lothar Schweitzer , 6. Oktober 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Schweitzers Klassikwelt 14: Corona und der Babyelefant klassik-begeistert.de

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Lothar und Sylvia Schweitzer

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