Schweitzers Klassikwelt 23: Der Sängerfürst - Gottlob Frick und seine Zeit

Schweitzers Klassikwelt 23: Der Sängerfürst – Gottlob Frick und seine Zeit  klassik-begeistert.de

Der berühmte Bass war sich in zunehmendem Alter nicht zu schade auch an kleineren Theatern Rollen zu übernehmen. Mit Anerkennung bemerkte er, er habe bei den Proben noch einiges profitieren können.

Foto: Umschlaggestaltung © Elser Druck GmbH. Gottlob Frick im Kostüm des Boris Godunow.

von Lothar Schweitzer

Gottlob Frick ist zumindest im deutschsprachigen Raum dank seines unverkennbaren Timbres zum Idealtypus der tiefsten Männerstimmlage geworden. Wir lesen, welche Bedeutung der Ex-Zar von Bulgarien für die Karriere Fricks gewann, und wir erfahren, was seine Verkörperung des Hagen an Besonderheit bietet.

Die von Klaus Günther verfasste Biografie ist im Jahre 2007 herausgekommen und nach meinen Recherchen nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Würde sich eine Neuauflage auszahlen? Auch wenn der legendäre Bass  (*1906 †1994) als „Caruso der Bässe“ bezeichnet wurde, ist das aus vielen Quellen genährte Werk vor allem für Opernliebhaber reizvoll, die über ein halbes Jahrhundert mit dieser schönen Kunstform Erfahrungen gesammelt haben und denen auch die beschriebenen SängerkollegInnen und -partnerInnen zumindest zum Teil akustisch bekannt sind.

Zum Beispiel ist es erstaunlich, dass in einer Gesamtaufnahme des „Don Giovanni“ aus dem Jahr 1943 Gottlob Frick noch den Bauern Masetto übernehmen musste und der leichte Bassbuffo Heinrich Pflanzl, mir als Schweinezüchter Zsupán im Ohr, die mit ruhigem Ernst vorzutragende Partie des Komturs singen durfte.

Für mich als Ohrenzeuge in der Oper nicht mehr überprüfbar die Qualitätsunterschiede zwischen dem sieben Jahre älteren Ludwig Weber und Gottlob Frick. Erlebte ich Ludwig Weber nur mehr als Sechzigjährigen als eindrucksvollen Komtur und zwei Jahre später in der bescheidenen Partie des Boten des Lajos (Orff, Ödipus der Tyrann), so ist mir der Mittfünfziger Frick als Rocco („Gut, Söhnchen, gut, hab immer Mut“) und Daland mit herrlichem tiefem F bei „mir ist nicht bang“ gegenwärtig.

Als Gurnemanz, als welcher Frick Lobeshymnen erhält, kenne ich Kurt Rydl, Matti Salminen (Zürich) und als ersten Eindruck anlässlich eines Gesamtgastspiels der Württembergischen Staatsoper in Wien Otto von Rohr, der für mich durch seine Ausgewogenheit von Wort und Ton der ideale Gurnemanz blieb.

Die klassische Frage lautet: Wie wird das Talent einer Sängerin, eines Sängers entdeckt? Das Quartett des Ölbronner Liederkranzes wurde zu einem Halali eingeladen. Regierungsrat Dr. Paul, Verwaltungschef der Staatsoper in Stuttgart, kannte sich mit Stimmen aus und unter den vier frischen, kräftigen Stimmen stach der schlanke junge Mann mit dem ausdrucksvollen Kopf deutlich hervor.

Der 1918 abgedankte Zar Ferdinand von Bulgarien aus dem Hause Coburg widmete sich fortan den schönen Künsten, war bei vielen Proben des Theaters Coburg anwesend und zeigte besonderes Interesse für den Sängernachwuchs. Gut dass sich Frick, 2. Bass im Chor der Württembergischen Staatsoper, 1934 als Solist für das Theater Coburg beworben hatte!

Seine vorherige Stuttgarter Zeit war eine schicksalhafte Fügung, denn dort begann ebenfalls im Chor Margarete Bayen, die in der Rolle einer Brautjungfer im „Freischütz“ und als Barbarina in Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ ihre ersten Erfolge feierte. Wenige Jahre nach ihrer Eheschließung gab Margarete Frick ihre Gesangskarriere auf, was ihr nicht leicht gefallen war, denn sie hatte gern gesungen. Der Lohn war eine 65 Jahre dauernde Ehe.

Der Autor der Biografie Klaus Günther hat sich bereits 2002 durch sein Werk „Auf den Flügeln des Gesanges – Wege und Stationen Solinger Gesangssolisten aus zwei Jahrhunderten“ einen Namen gemacht. Sorgfältig und gründlich ist er dem Leben und den Leistungen dieses großen Basses nachgegangen. Eine Fülle von Pressestimmen wird zitiert. Ein vorbildliches Namensverzeichnis beschließt den Text, wo man immer wieder die Möglichkeit hat nachzuschlagen, wer mit dem Sängerfürsten in Verbindung gebracht werden kann. Danach folgen als besonderer Abschluss eine gute Anzahl und Auswahl gelungener Fotos in Schwarz-Weiß

Das Ehepaar Margarete und Gottlob Frick, Gottlob-Frick-Gesellschaft, Ölbronn-Dürrn (c)

Der Stil bleibt meistens trocken und etwas eintönig. Hin und wieder rütteln einen treffende Bemerkungen auf. So war die Chefredakteurin der Opernzeitschrift „Der neue Merker“, Frau Dr. Sieglinde Pfabigan, nach einer „Götterdämmerung“ am Bühnentürl von Fricks nur mittelgroßer Statur überrascht. Mit seiner mächtigen Stimme erschien er ihr auf der Bühne überdimensional. Ich kann diese optische Täuschung gut nachvollziehen. So hatte ich einmal mit einer großen Persönlichkeit ein Gespräch und glaubte nachher mich zu erinnern, dass er beim Höhepunkt des Themas sich vom Schreibtisch erhob und ich auf ihn aufschaute, was sich nicht zugetragen haben kann.

Der Londoner „Times“ zufolge ist Frick als Hagen nicht einfach der opernpathetische Bösewicht, sondern bleibt auf selbstverständlichste Weise überzeugt, dass sein Handeln moralisch gerechtfertigt sei. Da kommt der Charakter vom Hagen dem originalen Nibelungenlied sehr nahe.

Was mir unangenehm auffällt ist die Kleinmachung Hans Hotters, mit Ausnahme seines Wotans, neben Gottlob Frick. Hans Hotter war ein Bass-Bariton nicht als Zwischenfach, sondern in Personalunion (siehe Schweitzers Klassikwelt 2, „Hommage an Hans Hotter“) und daher in Aufführungen oft Alternative und nicht Partner von Gottlob Frick. Gurnemanz und nicht Amfortas, König Marke und nicht Kurwenal. Zwischen den Zeilen lässt sich lesen, dass Hotter mit mehr „Durchsetzungskraft“ arbeitete, was mich als Hotter-Fan ein wenig desillusionierte.

Und wieder zwischen einer Reihe von umfangreichen Besetzungsangaben seiner Bayreuther Abende der originelle Gedanke, was gewesen wäre, wenn es diese Liebe auf den ersten Blick zwischen Stolzing und Eva nicht gegeben hätte. Wäre sie wirklich mit Beckmesser unglücklich geworden? Klaus Günther hat Zweifel. Vielleicht ist er da durch die noble Gestaltung von Karl Schmitt-Walter beeinflusst, den ich ebenfalls als Gast in der Wiener Staatsoper vor sechzig Jahren bewundern konnte (siehe Schweitzers Klassikwelt 1).

Gottlob-Frick-Gesellschaft, Ölbronn-Dürrn (c)

Frick war in der Oper besonders als sogenannter seriöser Bass gefragt, bei Konzerten konnte er mehr darauf Einfluss nehmen komische Rollen wie den Falstaff und den Van Bett neben seine allzu bekannten und doch immer wieder gern gehörten Opernschlager einzubauen. Nach der Lektüre dieser Biografie verstehe ich jetzt besser seinen Wiener Daland, den er meines Erachtens übertrieben komisch anlegte, so dass ein Zuhörer hinter mir etwas schubladisierend die vernehmbare Bemerkung fallen ließ: „Ein Bassbuffo.“

Der berühmte Bass war sich in zunehmendem Alter nicht zu schade auch an kleineren Theatern Rollen zu übernehmen. Mit Anerkennung bemerkte er, er habe bei den Proben noch einiges profitieren können. Das bestätigt wohltuend meine Ansicht, dass auch kleine Theater mit bescheidenen finanziellen Mitteln ohne selbsternannte Meisterregisseure die Chance haben durch originelle und gute Inszenierungen aufzufallen, was ich anhand einer Cardillac-Produktion des Salzburger Landestheaters erläutert habe.

Womit wir bereits bei einem zusammenfassenden Überblick angelangt sind. Es ist nicht leicht, das Leben eines so begnadeten Sängers spannend darzustellen, wenn vieles in seinem Leben ohne retardierende Momente und ohne dramatische Zuspitzungen, ich wage zu sagen, etwas sehr bieder verläuft. Keine Konfrontationen mit GesangspädagogInnen, keine gesangstechnischen Probleme, keine Zweifel an gefällten Entschlüssen, keine allzu großen, über Bord werfende Überraschungen. Da lesen sich oft Lebensbeschreibungen weniger prominenter SängerInnen anregender. Die Frage bleibt, was lebendiger wirkt, Biografie oder Autobiografie, wobei bei häufiger Heranziehung persönlicher Erinnerungen eine Biografie wie eine von eigener Hand verfasste Darstellung des Lebens zu wirken beginnt.

„Kommt und hört!“ ist bei der reichhaltigen Diskografie dieses „Schwärzesten aller Bässe“ ein guter Rat.

Lothar Schweitzer, 1. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „Schweitzers Klassikwelt 23: Der Sängerfürst – Gottlob Frick und seine Zeit
klassik-begeistert.de“

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    mit großer Freude lasen wir Ihre gelungene Rezension über die Biografie von Gottlob Frick. Herzlichen Dank für Ihre Veröffentlichung. Es gibt noch eine früher erschienene kleine Biografie über den Sänger. Con Amore und mit weit mehr persönlichen Details und Erlebnissen geschrieben. Neu herausgegeben: Die 4er-Box „Gottlob Frick der schwärzeste Bass“. Darin sind noch nicht veröffentlichte Aufnahmen enthalten. Nie wurde Frick schöner porträtiert.

    Mit besten Grüßen
    Hans A. Hey, Ehrenpräsident der Gottlob Frick Gesellschaft

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