Schweitzers Klassikwelt 39: Oper als Katharsis?

Schweitzers Klassikwelt 39: Oper als Katharsis?

Foto: „Tri Sestri“ (Drei Schwestern), Wiener Staatsoper, März 2016

Anlässlich der Produktion „Tri Sestri“ von Péter Eötvös an der Wiener Staatsoper verfocht der Regisseur Yuval Sharon die These, wenn eine Opernaufführung eine Botschaft bringt, hört sie auf Kunst zu sein. Das erregte meinen Widerspruch und ich begann mit der Assistenz meiner Frau  diese apodiktische Meinung nachzuprüfen.

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Seine These mag bei Werken des Naturalismus gelten. Die Stücke bleiben bei einer allgemein gehaltenen Gesellschaftskritik stecken. Jetzt ein Opernlexikon herzunehmen und Oper für Oper inhaltlich durchzugehen, erschien uns zu umfangreich und wir entschieden uns für die Methode, das Selbsterlebte bzw. unsre Lieblingsopern zu hinterfragen.

Beginnen wir bei „Rigoletto“. Hass und Rachsucht führen zu nichts Gutem. Während seines Entstehens gab Verdi dem Werk den Arbeitstitel „Der Fluch“. Das Ende ist schrecklich, aber ohne direkt angesprochene „Moral der Geschichte“. „La Traviata“, „Macbeth“, „Aida“ „Otello“, „Cavalleria rusticana“, „Tosca“: Überall finden wir gesteigerten Realismus und durch Leidenschaft bestimmtes Handeln der Personen. Aber wir werden nicht durch einen Imperativ in der zweiten Person angesprochen. „Pagliacci“ und „Carmen“ erinnern uns an den Lokalteil der Tagespresse.

Anders Verdis „Don Carlos“. Beim Besuch der Wiederaufnahme der französischen Urfassung wurden wir wieder einmal durch die Lebensweisheit bestärkt, auch wenn sich Hoffnungen nicht erfüllen, die Sinnhaftigkeit des Lebens bleibt.

Im Gegenstrom zu Sharon versucht das moderne Regietheater oft Opern, die ein individuelles Lebensschicksal schildern, in ein soziologisches Prokrustesbett zu zwängen. Unter diesem Blickwinkel gesehen geht bei uns zum Beispiel bei der „Toten Stadt“ viel an Emotionen verloren. Dabei müssen wir nicht unbedingt an einen Witwer denken. Es könnte sich auch um eine unerfüllte oder verlorengegangene Liebe handeln.

Reste des antiken Theaters in Myra, Foto © Lothar Schweitzer

Aus Richard Wagners Schriften erfährt man Aufschlussreiches, welche Gedanken er sich bei seinen Dichtungen und Kompositionen gemacht hat. Von seinem Wissen über das antike Griechenland kann der Leser lernen. Aber weder ein befreiendes Erlebnis, noch eine pessimistische Botschaft bieten  „Der fliegende Holländer“ oder „Die Götterdämmerung“. Über eine eindeutige Aussage im „Parsifal“ beginnt man durch das schöpferische Einwirken der RegisseurInnen zu zweifeln.

Antikes Theater in Myra, Foto © Lothar Schweitzer

In „Feuersnot“ ist Richard Strauss mit sich als Künstler zu sehr beschäftigt. Von „Salome“ und „Elektra“ erwarten wir keine Botschaft. „Der Rosenkavalier“, „Die schweigsame Frau“, ja sogar das kunstphilosophisch gehaltene „Capriccio“ sind eher im Stil eines Genrebilds gehalten. Auch in der geistreichen „Ariadne auf Naxos“ ist keine Message enthalten, die einfach und klar gehalten werden müsste. Eine Ausnahme bildet „Die Frau ohne Schatten“, es versinkt aber die Botschaft in der üppigen Symbolik des Dramas. Nur in der „Arabella“ steht im Finale ein wunderschöner Satz, der im Wohllaut der Orchesterstimmen nicht untergehen soll, vom Verlobt- und Verbunden-Sein auf Wehtun und Verzeihn.

Bei Paul Hindemiths „Cardillac“ irritiert die „Apotheose eines Mörders“ (zit. Maximilian Wichtl). „Mathis der Maler“ kehrt das Biografische und Historische, auch das Zwiespältige im Künstlerdasein hervor. „Die Harmonie der Welt“ hat philosophische aber introvertierte Züge.

Auch bei Benjamin Brittens Opern, so sehr sie uns beeindrucken, fehlt eine reinigende Kraft. Anders bei der klugen Bauerntochter vom heute in Ungnade gefallenen Carl Orff: „Verstellung war’s. Klug sein und lieben kann kein Mensch auf dieser Welt.“ Oder ist die Essenz des Stücks heute bloß eine Diskussionsgrundlage? Robert Braunmüller von der Münchner Abendzeitung sieht die Oper als suggestive Komposition mit Kalendersprüche-Raps.

Eher bei Opern vor dem Verismus und Naturalismus lässt sich eine „Lehr’ aus der G’schicht’“ ziehen. Rossinis „La Cenerentola“ trägt den bezeichnenden Untertitel „La bontà in trionfo“.  In der „Entführung“ wird ein Herrscher aus einem fremden Kulturkreis zum Vorbild menschlichen Verhaltens. In „Figaros Hochzeit“ soll der Adel zum Nachdenken gebracht werden. Die Höllenfahrt und das Schlussensemble in „Don Giovanni“ kann in der Art und Weise wie dargestellt heute nicht zu ernsten Gedanken Anlass geben. Wobei die katholische Tradition sehr wohl geglücktes Leben in Form von Heilig- oder Seligsprechungen bestätigt, sich aber nicht anmaßt, das gnadenlose Gegenteil von einem Verstorbenen zu behaupten. Das Resümee von „Così fan tutte“ ist zynisch. Schon der Titel „La clemenza di Tito“ spricht für sich und die hehren Gedanken der „Zauberflöte“ stellen schon eine Botschaft dar. Es ist nur verwunderlich, dass nach so einem glanzvollen Abschluss Dichter wie Goethe noch an einer Fortsetzung arbeiteten.

Eigenartig, in Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ befällt die Zuschauer am Ende des Liebesduetts der Zweifel, ob das Paar auf Dauer glücklich sein kann. Ist das als unausgesprochene Kritik an den ehebrecherischen Sitten der Zeit zu werten? Kommt hier der Priester Monteverdi und das seelsorgliche Denken zum Vorschein?

Eine Oper vergibt die Chance einer wesentlichen Botschaft, nämlich Puccinis „Turandot“, welche nicht auf dem Märchen des persischen Dichters Nizami aufbaut, sondern auf Gozzis Dramatisierung, in der die Einfügung verschiedener zusätzlicher Personen die ursprüngliche Absicht des Dichters zerstört, zu zeigen, dass persönliches Glück sich nicht erzwingen lässt, fernab von Gedanken, ob die chinesische Prinzessin traumatisiert ist und ob die aufopfernde Liebe Liùs sie heilt.

Oper kann auch ganz individuell dem Besucher die Augen öffnen. So schrieb uns ein Freund noch in der Nacht nach dem Erlebnis einer „Pelléas et Mélisande“: „Jetzt erst erkenne ich, dass wir in meiner gerade gescheiterten Ehe zu wenig miteinander gesprochen haben.“

Cover vom Album der Firma Columbia

Damit kommen wir zu einem Musikstück, bei dem meine Frau und ich nach einer Aufführung das Gefühl hatten, viel aufgewühlter den Saal zu verlassen als die anderen. Auch die Rezensionen enttäuschten uns. Wir sprechen von Leonard Bernsteins „Mass“. Das Werk handelt von einer katholischen Messe, in der in den Gesängen des Confiteor, des Gloria und des Credo immer mehr Zweifel der Feiernden auftauchen. Als beim Agnus Dei die Bitte um Frieden sich zur geradezu gewalttätigen Forderung danach auswächst, kommt es zum abrupten Zusammenbruch der Gemeinde. Da steht unter den buchstäblich Darniederliegenden ein Knabe auf, nimmt den einen und den anderen bei der Hand und beginnt wieder die Lauda anzustimmen. Die Gemeinde sammelt sich wieder und beendet würdig die Feier. Nicht die Dialektik ist das Bestimmende, sondern ein schicksalhaftes Ereignis. Da ist versteckt eine Botschaft herauszuhören.

In jungen Jahren war Bernsteins „Mass“ für mich persönlich ein Kultstück. Ich lud Freunde und Bekannte zu mir nach Hause ein, um ihnen das Album des Labels Columbia Records zu präsentieren. Das steigerte sich oder verstieg sich dazu, dass ich zufällige Bekanntschaften aus dem Kaffeehaus mit nach Hause nahm. Ein Werk also mit missionarischer Kraft.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 9. Juli 2021, für
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Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

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