Schweitzers Klassikwelt 46: Operntexte und Operninhalte kritisch betrachtet

Schweitzers Klassikwelt 46: Operntexte und Operninhalte kritisch betrachtet

Foto: Anna Netrebko, Turandot, Bayerische Staatsoper, Quelle: Instagram

„ …dieser ruhige Wolkenzug an diesem hohen, unendlichen Himmel. Und wie kommt es, dass ich diesen hohen Himmel vorhin gar nicht wahrgenommen habe? Und wie glücklich bin ich, dass ich ihn endlich doch noch kennen gelernt habe!“ Diese Gedanken Fürst Andrej Bolkonskijs, als er schwer verwundet auf dem Schlachtfeld liegt und nichts anderes sehen kann, gehören zu den Schlüsselstellen von Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ und werden sogar in einer sowjetrussischen Verfilmung nicht verschwiegen.

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Fürst Andrej wird im Feldlazarett von Liebe und Mitleid für einen schwerverwundeten jungen Mann neben ihm ergriffen und erkennt in ihm den Nebenbuhler seiner Braut, den er ergebnislos verfolgt hatte, um ihn zum Duell zu fordern. Liebe für die Feinde. Jene Liebe, die seine Schwester ihn lehren wollte und die er nicht verstehen konnte.

Jahrzehnte nach der letzten Lektüre dieses umfangreichen Romans sind uns diese beiden Stellen in besonderer Erinnerung geblieben. In Prokofjews Oper „Krieg und Frieden“ vermissen wir die beiden Szenen unter den dreizehn Bildern. Es ist die große Frage, ob sich ein Roman, der in Taschenbuchformat über eintausendfünfhundert Seiten enthält, dramatisieren lässt. Es handelt sich bei Tolstoi weder um einen reinen historischen Roman, noch allein um ein gesellschaftliches Sittenbild der Zeit. Viele militärstrategische und geschichtsphilosophische Betrachtungen sind eingestreut. Auch merkt man schon Tolstois wachsendes Interesse an religiösen Themen, das als roter Faden seinen Roman durchzieht. Er wurde später ein radikaler Verfechter eines Reformchristentums, weg von zu viel Ritual.

Zwei Seelen leben in unsrer Brust bei György Ligetis „Der große Makabre“. Wir kennen großartige Aufführungen im Wiener Konzerthaus, im Opernhaus Zürich, von den Salzburger Festspielen und aus der Oper Graz. Interessant die Stimmen der SängerInnen mit der Partitur zu verfolgen. Da gibt es enorme Stimmumfänge, halsbrecherische Passagen, extreme Auslotung der jeweiligen Stimmlage. Die menschliche Stimme wird fast schon instrumentalisiert. Überhaupt eine interessante Musik. Aber sollen wir das absurde Theater mit seiner Orientierungslosigkeit und einer Philosophie nicht nur der subjektiv empfundenen Sinnlosigkeit, sondern der Sinnfreiheit der Welt fördern?

„Der große Makabre“am Opernhaus Zürich

Weder eine Glanzbesetzung noch eine unkonventionelle, aber schlüssige Inszenierung können uns in eine „Turandot“ locken. Dabei haben wir diese Puccini-Oper erst zweimal erlebt. Vor Jahrzehnten in der Wiener Staatsoper mit der Nilsson. Mehr brauchen wir nicht zu sagen. Ein zweites Mal in einer sehr guten Inszenierung in der Wiener Volksoper. Das Regie- und Ausstattungspaar Renaud Doucet und André Barbe vermeidet in ihren Turandot-Produktionen ostasiatisches Flair und Jee-Hye Han bewies, dass die Turandot keine Hochdramatische sein muss.

Was stört uns an der Oper? Es handelt sich um ein altes orientalisches Märchen in entfernter Verwandtschaft mit unserem „Dornröschen“, das durch den persischen Dichter Nizami im 12. Jahrhundert veredelt wurde. Der Venezianer Carlo Gozzi war bestrebt, die Novelle zu dramatisieren, musste jedoch den Theatergesetzen folgend neue Personen mit zusätzlichen Verwicklungen einführen. Dieses Stück bildet die Grundlage für Puccinis Oper. In der Nachdichtung Schillers wurden, um das Publikum in Spannung zu halten, immer wieder neue spitzfindige Rätsel erfunden, die Prinz Calaf beantworten muss, um sein Leben zu retten.

Wir stellen den LeserInnen ebenfalls eine Frage. Was zeichnet den Prinzen Calaf vor den früheren Werbern aus, sodass er die Fragen richtig beantwortet? Die Empathie. Es dreht sich nämlich im Original nicht um intellektuelle Fragen, sondern um den feinfühligen Austausch von Geschenken. Und als zuletzt die Prinzessin ihre Perlenkette zerreißt, ihm eine der Perlen mit seinem kostbaren Perlengeschenk gemeinsam zurückschickt und er darauf die beiden mit einer Glasmurmel ihr zum Geschenk macht zum Zeichen, eine dritte Gleichwertige kann es nie geben, ruft sie: „Bereite unsre Hochzeit, Vater!“

Der Prinz schlägt bei Nizamis Geschichte beim ersten Anblick der Prinzessin nicht operndramatisch wirksam auf den Gong, sondern überlegt, was die unglücklichen früheren Werber falsch gemacht haben. Für ein Jahr ging er in die Schule weiser Männer. Einer von ihnen rät ihm, sein hauptsächliches Bestreben müsse sein, der Tragik der vielen jungen Männer ein Ende zu bereiten. Nizamis Erzählung zielt einzig und allein auf die Pointe: Persönliches Glück lässt sich nicht erzwingen. Alle anderen Fragen bezüglich des Charakters der Prinzessin werden nicht betrachtet und in der Dichtung näher ausgeführt und die jungen Männer sind zu vergleichen mit Abenteurern auf gefährlichen Seefahrten.

Bleiben wir bei dem von uns verehrten Nizami, der neben dem finnischen Novellisten und Romancier Tito Colliander (siehe Schlussabsatz in „Orlando: Welturaufführung einer Grand Opéra in Wien“, Klassik begeistert, 8. Dezember 2019) zu unseren Lieblingsschriftstellern gehört. Die Novelle „Turandocht“ (persisch, das Mädchen aus Turan) ist eine der „Sieben Geschichten der sieben Prinzessinnen“. Vor der Liebesnacht erzählt dem König Behram eine seiner sieben Frauen – wir befinden uns im islamischen Kulturraum – eine Geschichte. Diese Geschichten sind voller Erotik und gleichzeitig Verkünder einer hohen Ethik, was Treue, Verzicht und Aufforderung zur Selbstbeherrschung betrifft. Ein Zwiespalt, wie er sich bei Richard Wagners „Tannhäuser“ auftut – eine typische Eigenschaft deutschsprachiger Literatur? –,  ist dieser Dichtung fremd.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 16. Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Schweitzers Klassikwelt 45: Opern und Werbefotos

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