Grandios! Maestro Mehta dirigiert das Bayerische Staatsorchester: Welch musikalische Dichte und Intensität

Sehnliches Verlangen (3. Akademiekonzert),  Bayerische Staatsoper, München, Live-Stream am 25. Januar 2021

„Wie schön ist dieser Gedanke, den mir der Sopran hier stimmlich und körperlich so intensiv vermittelt. Dazu ein mich sehr berührendes Geigensolo inmitten des Liedes. Ich bin emotional eingefangen.“

Fotos: Was für ein wunderbares Licht-Bild von Wilfried Hösl (c), einem der besten Konzert- und Opernfotografen der Welt: Montagsstück XI: Sehnliches Verlangen: Camilla Nylund (Sopran), Zubin Mehta (Musikalische Leitung), Bayerisches Staatsorchester

Bayerische Staatsoper, München, Live-Stream am 25. Januar 2021

Videostream: Montagsstück XI: Sehnliches Verlangen (3. Akademiekonzert)

Musikalische Leitung: Zubin Mehta
Sopran: Camilla Nylund
Bayerisches Staatsorchester

von Frank Heublein

Das erste der vier letzten Lieder Strauss‘ beginnt, obwohl Frühling benannt, sehr passend zu meiner aktuellen Situation. Schneegestöber draußen und Coronalockdown drinnen, die Musik dunkel, Orientierung suchend beginnt das Lied mit der Liedzeile „In dämmrigen Grüften / träumte ich lang“. Das Lied wendet sich als verheißendes Signal des ganzen Abends positiv mit „Von Licht übergossen / Wie ein Wunder vor mir.“ So empfinde ich diesen Abend.

Das zweite Lied überschrieben mit „September“ enthält die Zeile „Sommer lächelt erstaunt und matt / in den sterbenden Gartentraum.“ Ich empfinde das als passende Assoziation zu meiner Situation, auch damit als positives Signal des Wiedererkennens meiner Selbst in der Musik.

Camilla Nylund singt diese beiden ersten zwei Lieder mit klarem und verständlichen Sopran auch in sehr hohen Lagen. Eher nüchtern, ich empfange noch nicht allzuviel Emotion.

Im dritten Lied „Beim Schlafengehen“ endlich! geht Camilla Nylund körperlich aus sich heraus und schon erwischt mich ihre Performance tiefergehend. „Stirn, vergiß du alles Denken, / […] / Und die Seele unbewacht / will in freien Flügen schweben, / […] tief und tausendfach zu leben.“ Wie schön ist dieser Gedanke, den mir der Sopran hier stimmlich und körperlich so intensiv vermittelt. Dazu ein mich sehr berührendes Geigensolo inmitten des Liedes. Ich bin emotional eingefangen.

Das vierte und letzte der Lieder „Im Abendrot“ enthält den Text „zwei Lerchen nur noch steigen / nachtträumend in den Duft.“ Diese Poesie und der jetzt physische Gesang Camilla Nylunds umfangen mich wohlig und gleichzeitig geheimnisvoll. Trotz der gedämpften Stimmung entwickle ich ein positives Gefühl. Die Kraft, die die Musik und deren Interpretation verströmt, überträgt sich mir. Das Dirigat Zubin Mehtas hält die Spannung im Orchesterklang großartig.

Es folgt Schuberts „Große“ C-Dur Symphonie Nr. 8. Zubin Mehta kann die Partitur auswendig, keine liegt vor ihm. Der Kontakt zu den Musikern ist damit direkter, intensiver. Sehr interessant und ungewöhnlich auch die Anordnung des Orchesters. Die Holzbläser sitzen in der ersten Reihe vor dem Dirigenten, dann die zwei Hörner mittig zwischen den Streichern, dahinter das Blech und die Pauken.

Es ertönt ein Hornsignal. Ich empfinde dieses Signal als Aufruf zur Hoffnung, das den Anfang des ersten Satzes durchzieht. Welch warmer Klang. Zugleich Spannungsgeladen. Mehrere Spannungsbögen. Ausgang sind die Holzbläser, übergehend zu den Streichern, dann die Blechbläser, zuletzt die Pauke. Ein mehrfaches lebendiges Crescendo. Das Ende des ersten Satzes ist majestätisch festlich.

Der zweite Satz beginnt mit einem spitzbübischem Thema der Streicher. Die Oboe übernimmt, dann die Klarinette. Dieses Thema wechselt sich mit einem marschartigen Thema ab, dass von nun an durch die Streicher geprägt wird. Gemessen, doch voller Spannung. Zugeneigt. Lauschig und dann wieder der Marsch. Welch Wesen durchschreitet diesen lauschigen Ort? Gesteigerte Dramatik. Eine Atem- und musikalische Generalpause. Piano. Die Streicher, ein Aufblicken ein Blätterrascheln,  ein Vogelflügelschlag? Ist’s ein tierischer Räuber? Ein Mensch? Perspektivwechsel durch die Holzbläser und deren spitzbübischem Thema. Das Bild tierischer Lauschigkeit der zarten Geschöpfe voller fröhlicher Lebendigkeit entsteht in mir.

Der dritte Satz ist ein markantes Gegeneinander von Streichern und Holzbläsern. Nach wenigen Takten finden sie zusammen. Ein forsches entdeckungsfreudiges Thema. Die Holzbläser klingen, als spechte da ein Lebewesen so spitzbübisch wie im Satz davor. Die Streichern setzen ein Schreiten dagegen, nicht elegant, eher tapsig, doch voll Kraft und Dynamik. Im Zusammenfinden beider musikalischen Gruppen entsteht ein fröhliches Dahinschreiten mit ein bisschen Umhertollen dazwischen.

Das Horn kündigt eine Zäsur an. Einen neuen Aus-Blick. Um die musikalische Ecke gebogen erstaunt mich etwas Empfindsames, Schönes Beindruckendes. Das Hornsignal kehrt zurück zum thematischen Gegensatz des Beginns des dritten Satzes zwischen Streichern und Holzbläsern und der forschenden Entdeckerfreude.

Fanfarenartige Streicher eröffnen den vierten Satz. Nach den ersten beiden zweiten Takten werden diese Fanfanrenklänge von den physischen Blechbläsern unterstützt. Die Streicher üben die Kontrolle aus in diesem letzten Satz der Symphonie. Der Eindruck erfüllender Natur zieht in radelnder Schnelligkeit vorüber.

Nun tritt die Musik nicht mehr in die Pedale und rollt musikalisch aus. Doch nur kurz, gleich wieder nimmt die Musik Fahrt auf über die Holzbläser und Streicher. Hell und strahlend. Die fortlaufenden Crescendi – Decrescendi sind spannungsgeladen. Ein letztes Mal fanfaren die tiefen Streicher, das gesamte musikalische Corpus schwingt sich ins helle Register zum fulminanten Schlussakkord auf!

Ich bin begeistert ob dieser spürbaren permanenten Spannung im Orchester. Ohne Hektik und Nervosität, konzentriert auf den Punkt folge ich der agilen Vitalität des Orchesters. Ein wunderbares Dirigat des Maestro Mehta, das diese musikalische Dichte und Intensität aus dem Bayerischen Staatsorchester herausholt. Grandios!

Frank Heublein, 26. Januar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Strauss (1864–1949)
Vier letzte Lieder
nach Gedichten von Hermann Hesse und Joseph v. Eichendorff

  1. Frühling (Text: Hermann Hesse)
  2. September (Text: Hermann Hesse)
  3. Beim Schlafengehen (Text: Hermann Hesse)
  4. Im Abendrot (Text: Joseph v. Eichendorff)Franz Schubert (1797–1828)
    Symphonie Nr. 8 C-Dur D 944 Die Große
  1. Andante – Allegro, ma non troppo – Più moto
  2. Andante con moto
  3. Scherzo. Allegro vivace – Trio
  4. Allegro vivace

 

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