Märchenhaft: die graziöse Anmut dieser Cinderella

Sergej Prokofjew, Cinderella, Inszenierung Christopher Wheeldon,  Bayerische Staatsoper, 19. November 2021

Foto: Cinderella-Ensemble © Serghei Gherciu
Bayerische Staatsoper, München, 19. November 2021 (PREMIERE)

Ensemble des Bayerischen Staatsballetts
Bayerisches Staatsorchester

Sergej Prokofjew, Cinderella

von Frank Heublein

An diesem Abend wird in der Bayerischen Staatsoper in München Cinderella mit der dazugehörigen Musik von Sergej Prokofjew aufgeführt. Christopher Wheeldon hat dieses Ballett 2012 in Amsterdam inszeniert. Am diesem Abend ist die deutsche Erstaufführung. Es tanzt das Bayerische Staatsballett.

Der durchscheinende Wolkenvorhang öffnet sich. Ich sehe die junge Cinderella mit ihren Eltern. Ihre Mutter stirbt an Tuberkulose, die Tränen Cinderellas am Grab ergrünen, es erwächst ein Baum: welch schöner Einfall sind die aufspringenden grün leuchtenden Schirme.

Den ersten Teil empfinde ich über längere Strecken langatmig. Das Orchester hat für mich – noch – nicht die richtige Spannung. Dazu kommt die Entwicklung der Geschichte, die entsprechend der Musik drei für mich handlungstechnisch dünne und eher lange Szenen zeigt und die ich auch tänzerisch wenig intensiv empfinde. Die Gebrüder Grimm, so scheint es mir, haben das Märchen aufs Relevante und Ergreifende gekürzt. Die humorigen choreografischen Einwürfe der schauspielerisch außergewöhnlichen Stiefschwestern Edwina getanzt von Elvina Ibraimova und Clementine getanzt von Bianca Teixeira sorgen für unterhaltsam aufleuchtende Momente.

Mit der Langatmigkeit hat es sich tänzerisch mit der ersten Küchenszene erledigt. Madison Young als Cinderella bewegt mich von da mit jeder einzelnen ihrer Bewegungen. Welche Anmut strahlt sie aus! Ein Bettler vor der Türe. Ihre Herzensgüte tanzt sie vollkommen, bittet den Bettler – es ist der verkleidete Prinz – hinein ans wärmende Küchenfeuer.

Die letzte Szene des ersten Teils ist für mich die schönste und inszenatorisch gelungenste des ganzen Abends. Ein tänzerisch, choreografisch wie auch inszenatorisch hervorragender Einfall: Cinderella werden vier blauschwarz gekleidete Schicksale anheimgestellt, die sie umschwirren, sie führen. Zu Recht ist der abschließende Applaus für Nikita Kirbitov, Vladislav Kozlov, Sergio Navarro und Robin Strona spürbar aufbrandend. Sie sind einfach immer da und tauchen zugleich urplötzlich zum richtigen Zeitpunkt auf, gute Geister eben!

Hier führen die vier Cinderella zum mittlerweile prächtig gewachsenen Baum an des Mutters Grab. Persönlicher Flash! Magie! Märchen! Die Geister der Jahreszeiten in grün, gelb, rot und blau zeigen Cinderella die Tanzschritte, mit denen sie Prinz und Gesellschaft in Atem hält. Denn heute Abend ist der Ball der heiratsfähigen Frauen, aus denen eine die Frau des Prinzen werden soll.

Cinderella staunt und lernt, die getanzten Gruppierungen der Jahreszeiten sind abwechslungsreich. Ich mag jede Jahreszeitengruppe so sehr, dass ich mir wünschte, sie mögen weitertanzen. Harmonisch, jede für sich außergewöhnlich und märchenhaft schön.

Cinderella bekommt vom Baum ein goldenes Gewand. Der durchscheinende Wolkenvorhang neigt sich. Die durch die Tänzerinnen und Tänzer gebildete Kutsche scheint sich schnell wie der Wind auf dem Weg zum königlichen Ball zu machen. Diese Szene brennt sich in meine Erinnerung ein.

Nach der ersten Pause stimmt die Spannung im Orchester. Der königliche Ball. Das Corps de Ballet entzückt mich ein weiteres Mal nach den Jahreszeiten hier als Ballgesellschaft. Wunderschön choreografierte und getanzte Szenen. Choreografisch besonders spannend immer dann, wenn das Paar Cinderella und der Prinz die Formierung des Corps aufbrechen und der gleich einem Fischschwarm daraus sofort eine neue Formation gebiert.

Auch dieser Teil enthält eine unterhaltsame humoristische Szene. Diesmal in Form Cinderellas Stiefmutter Hortensia getanzt von Prisca Zeisel, die dem Alkohol im Übermaß zuspricht, sich vom Gatten im Pas de deux nicht davon abbringen lässt. Er nimmt ihr das eine Glas aus der linken, sie schnappt sich ein weiteres mit der rechten Hand. Bis sie – pardauz – sich nicht mehr auf den Beinen hält und mitten im Bühnenzentrum flach liegt.

CINDERELLA – Madison Young, Jinhao Zhang (c) Serghei Gherciu

Im tänzerischen Zentrum des Teils sehe ich drei Pas des deux. Der erste des Prinzen mit Cinderella ist exzellent getanzt, schwierig, anmutig. Und doch wird er getoppt durch den zweiten Pas de deux des Paares. So eine Hebefigur-Pirouette habe ich selten gesehen. Cinderella Madison Young wird vom Prinzen Guillaume Jinhao Zhang getragen. Er dreht dabei eine langsame dreifache Pirouette, sie bewegt sich auf seinem Rücken grazil. Welch Stabilität die beiden in diesem Augenblick beweisen. Unglaublich. Dazwischen nähern sich Prinzenfreund Benjamin – Jonah Cook – und Stiefschwester Clementine – Bianca Teixeira – im zweiten Pas des deux des Teiles tänzerisch eindrucksvoll an.

Dieser zweite Teil lässt mich musikalisch wie tänzerisch ganz in die Märchenwelt hineinfallen und mich so wohl fühlen, dass ich die Glockenschläge bedaure, die das Ende von Cinderellas Verwandlung ankündigen. Eine wunderschöne choreografische Idee zeigt die hektische Flucht Cinderellas, die einen Schuh zurücklässt im dem Pulk des Corps des Ballet, das sie umringt, bevor ihr die Flucht gelingt. Der liebestrunkene Prinz zeigt sich gegenüber den elterlichen Königspaar entschlossen, durch den Schuh seine Liebe aufzustöbern.

Der dritte Teil ist erstaunlich kurz und ebenso kurzweilig. Die einleitende Schuhprobe ist eine weitere humorige Szene, in dem die Frauen höchst unterschiedlich aber immer dramatisch den unpassenden Schuh verfluchen. Blende: die Stühle werden Richtung Schnürboden nach oben gezogen. Cinderellas Zuhause. Madison Young tanzt verträumt im blauen schmucklosen Kleid der Cinderella noch graziöser, noch anmutiger, noch ergreifender als zuvor beim Ball im leuchtenden Gold in mich hinein.

Der Prinz kommt mit dem Schuh ins Haus. Wieder ein lustiger Einfall. Die Mutter will zu guter Letzt per Hammer den Schuh auf den Fuß pressen. Doch keiner der Stiefschwestern passt er, so wirft sie ihn schnell entschlossen geradewegs ins Feuer. Geschwind und handlungstechnisch schwupp-di-wupp holt Cinderella den zweiten hervor. Er passt. Der Prinz hat sein Glück gefunden! Sein Freund Benjamin schleppt Clementine ab. Doppelhochzeit. Kurz, schnell und ohne viel Gedöns wird das gezeigt. Der Fokus liegt auf dem ausgedehnten Pas de deux des Paares Cinderella und der Prinz unter dem mütterlichen Grabesbaum. Ein weiteres einfühlsames Duett der beiden.

Humor, ein bestens aufgelegtes beeindruckendes Corps de Ballet mit tollen Szenen. Ein Orchester, das ab dem zweiten Teil musikalisch überzeugt in einer bunten, unterhaltsamen, an einigen Stellen fantasievoll beeindruckenden Choreografie. Ein sehr schöner Märchenballettabend. Mit einer all das überstrahlenden Hauptperson: außergewöhnlich macht diesen Abend Madison Young, deren anmutige Cinderella mich tief berührt.

Frank Heublein, 21. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Programm

Cinderella Ballett von Christopher Wheeldon

Besetzung
Choreographie   Christopher Wheeldon
Musik   Sergej Prokofjew
Musikalische Leitung   Gavin Sutherland

Libretto   Craig Lucas
Bühne und Kostüme   Julian Crouch
Bühnenbildmitarbeit   Frank McCullough
Kostümbildmitarbeit   Oliver Haller
Baum- und Kutschenszene   Basil Twist
Licht   Natasha Katz
Projektionen   Daniel Brodie
Einstudierung Charles Andersen, Jason Fowler, Jonathan Howells

Cinderella   Madison Young
Prinz Guillaume   Jinhao Zhang
Stiefmutter Hortensia   Prisca Zeisel
Stiefschwester Edwina   Elvina Ibraimova
Stiefschwester Clementine   Bianca Teixeira
Benjamin   Jonah Cook
Cinderellas Vater   Javier Amo
Cinderellas Mutter   Rhiannon Fairless
König Albert   Krzysztof Zawadzki
Königin Charlotte   Séverine Ferrolier
Kammerdiener Alfred   Jeremy Rucker
Tanzmeisterin Madame Mansard   Polina Bualova
Vier Schicksale   Nikita Kirbitov, Vladislav Kozlov, Sergio Navarro, Robin Strona
Solo Frühling   Marina Duarte
Solo Sommer   Shale Wagman
Solo Herbst   António Casalinho
Solo Winter   Kristina Lind
Ensemble des Bayerischen Staatsballetts
Bayerisches Staatsorchester

Die Verurteilung des Lukullus von Paul Dessau, Staatsoper Stuttgart, 13. November 2021

Dmitri Schostakowitsch, Die Nase (Nos), Bayerische Staatsoper, 2. November 2021

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