Modestas Pitrenas zieht musikalische Bilanz in St. Gallen

Sinfonieorchester St. Gallen, Modestas Pitrenas, Michele Ruggeri, Fagott  Konzert und und Theater St. Gallen, 7. Mai 2026

theatersg portraits Modestas Pitrenas © konzertundtheater.ch

Das Sinfonieorchester St. Gallen wird seit der Saison 2018/2019 von Modestas Pitrenas geleitet, dessen Vertrag nun ausläuft. Seine letzten Konzerte in der schönen Tonhalle können als Bilanz gesehen werden, was Dirigent und Orchester in den vergangenen acht Spielzeiten gemeinsam erreicht haben: vieles!

Othmar Schoeck (1886-1957)  Sommernacht op. 58
Carl Maria von Weber (1786-1826)  Konzert für Fagott und Orchester F-Dur op. 75
Johannes Brahms (1833-1897)  Symphonie Nr. 3 F-Dur op. 90

Sinfonieorchester St. Gallen
Modestas Pitrenas,  Dirigent

Michele Ruggeri,  Fagott

Konzert und Theater St. Gallen, Tonhalle,  7. Mai 2026

von Julian Führer

Das Programm war vor der Pause besonders reizvoll, da es Werke präsentierte, die eher am Rande des Repertoires angesiedelt sind. Othmar Schoeck war jahrzehntelang seinerseits Chefdirigent in St. Gallen. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 komponierte er die „Sommernacht“, als „Pastorales Intermezzo für Streichorchester“ bezeichnet.
Der Anfang klingt wie Programmmusik: ruhige Achtel in den hohen Streichern wie entfernte Bewegungen einer Sense (der Partitur ist ein entsprechendes Gedicht Gottfried Kellers vorangestellt), alternierend mit Triolen. In der zweiten Phase des Stückes wird es melodiöser, es gibt zahlreiche kleine Verzierungen, bevor sich beide Stimmungen vermischen und am Ende wieder der Anfang die Oberhand nimmt, effektvoll verdämmernd.

Carl Maria von Weber ist heute vor allem noch bekannt für den Freischütz, doch hat er in seinem kurzen Leben noch etliche Opern und auch Instrumentalwerke komponiert.

Nicht übermäßig bekannt ist sein erst 1952 in Partitur gedrucktes Fagottkonzert, das Michele Ruggeri als junger Solofagottist des Orchesters vortrug. Der Aufbau der Sätze ist klassisch-frühromantisch, das musikalische Material auch, und doch hat Weber eine ganz unverwechselbare Atmosphäre in seinen Kompositionen. Mit großer Fröhlichkeit umspielt das im Orchestersatz unerlässliche, aber meist im Hintergrund agierende Fagott hier für einmal im Vordergrund die Streicher und stürzt sich in Läufe, die im abschließenden Rondo in hohem Tempo zu nehmen sind und obendrein mal legato, mal staccato notiert sind.

St Gallen Theater Konzert Michele Ruggeri © Jos Schmid

Das Publikum reagierte begeistert auf das Bravourstück, das man gerne häufiger hören würde – und wie bei anderen so jung gestorbenen Komponisten dieser Zeit (Mozart mit 35, Schubert mit 31, Weber mit 39 Jahren) fragt man sich auch hier, was der musikalischen Welt alles durch frühen Tod entgangen ist.

Nach der Pause gab es noch Brahms’ dritte Symphonie, deren Titeltonart F-Dur über weite Passagen gerade des ersten Satzes kaum zu bemerken ist. Man merkt dem Stück seine Entstehungszeit an und auch Brahms’ Ziel, eine eigene, sich von Wagner absetzende Klangsprache zu finden. Im Vergleich zu den Stücken von Schoeck und Weber schien das Orchester passagenweise nicht immer ganz ideal zusammen (doch stets auf hohem Niveau). Der sehr runde, perfekt ausbalancierte Schlussakkord wäre hingegen allein ein Grund gewesen, den Weg nach St. Gallen zu machen. Modestas Pitrenas dirigierte ohne Taktstock, aber als ehemaliger Chordirigent mit sehr plastischen Gesten der Hände bis in die Fingerspitzen.

Wie ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk spielte das Orchester eine Zugabe, den Ungarischen Tanz Nr. 1 in g-Moll von Johannes Brahms – und jetzt passte endgültig alles: der Schmelz der Streicher, die Abstimmung mit dem Holz und ein fast blindes Verständnis zwischen Dirigent und Orchester. Die Zugabe wurde mit großem Jubel quittiert.

Am 29. und 31. Mai wird Modestas Pitrenas in St. Gallen sein Abschiedskonzert dirigieren.

Sein Nachfolger Pietro Rizzo, der aktuell in St. Gallen bereits Così fan tutte dirigiert, hat beste Startbedingungen.

Julian Führer, 10. Mai 2026. für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Wolfgang Amadeus Mozart, Così fan tutte (1790) Theater St.Gallen, 2. Mai 2026 PREMIERE

Lied von der Erde, Modestas Pitrenas, Dirigent Konzert und Theater St.Gallen, Tonhalle, 13. Februar 2026

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