Sommereggers Klassikwelt 129: Kunst und Politik- verträgt sich das?

Sommereggers Klassikwelt 129: Kunst und Politik- verträgt sich das? klassik-begeistert.de

Friedenstaube am S-Bahnhof Hochdahl gestaltet vom Hochdahler Künstler Jan Masa

von Peter Sommeregger

Die Nähe zwischen Politik und Künstlern war zu allen Zeiten ein umstrittenes Thema. So gerne sich die Politiker auch mit erfolgreichen Künstlern schmücken und sie vereinnahmen, für die Künstler selbst bedeutet eine zu deutliche Nähe zu Machthabern aber auch ein Risiko.

Nicht wenige Schauspieler, Sänger und Dirigenten scharten sich während der NS-Zeit um die Größen des Regimes. Man erhoffte sich wohl ganz offensichtlich Vorteile für die eigene Karriere, füllte auch nur allzu gerne die Lücken, die Emigration und Vertreibung unliebsamer Kollegen geschaffen hatten.

Wenn ein verbrecherisches Regime wie jenes der Nazis aber ein Ende findet, geraten seine Nutznießer gerechterweise in Erklärungsnot. Das Urteil der Geschichte fällt dabei manchmal ungerecht aus. Schriftsteller und Komponisten, die talentfreie Huldigungswerke geschrieben hatten, verschwanden praktisch von selbst in der Bedeutungslosigkeit. Anders gelagert waren die Fälle tatsächlich bedeutender Künstler wie etwa eines Wilhelm Fürtwängler, eines Herbert von Karajan. In deren Fällen war wohl der Wunsch, weiter auftreten zu können, der Grund für eine Anbiederung an das Regime. Furtwängler war mit Sicherheit kein Nazi, schon gar kein Antisemit. Es ist bekannt, dass er jüdischen Künstlern und auch seiner Sekretärin zur Flucht ins Ausland verhalf.

Wenig bekannt ist, dass Herbert von Karajan in dieser Zeit mit der Fabrikantentochter Anita Gütermann verheiratet war, die er wie ein Löwe beschützte. Im Zuge seines Entnazifizierungsverfahrens war ihm allerdings die Ehe mit einer Frau von teilweise jüdischer Abstammung durchaus hilfreich.

Bis heute werden immer wieder Vorwürfe gegen Künstler jener Zeit erhoben, die inzwischen verstorben sind. Teilweise sind sie berechtigt, teilweise auch eher konstruiert. Oft wird dabei vergessen, dass die freie Entscheidung in Diktaturen massiv eingeschränkt war, auch können die heutigen Kritiker nicht wissen, wie sie sich selbst in ähnlicher Situation verhalten hätten.

Grundsätzlich ist es wohl klüger, wenn irgend möglich den zu direkten Kontakt zu Machthabern zu vermeiden, gerade autoritäre Regimes haben bekanntlich ein schnelles Verfalldatum.

Gerade erleben wir wieder die Entlarvung eines Politikers als Diktator, der sämtliche Grenzen der Humanität und des Anstandes über Bord geworfen hat. In seinem etwas zweifelhaften Glanz hatten sich in den letzten zwanzig Jahren nicht wenige russische Künstler gesonnt. Ihnen allen jetzt mit Boykott zu drohen wäre unfair. Was man aber nach den Ereignissen der letzten Wochen verlangen kann, wäre eine deutliche Distanzierung von dem das Völkerrecht verhöhnenden Angriffskrieg gegen die Ukraine und damit auch von Vladimir Putin selbst.

Der Dirigent Valery Gergiev und die Sopranistin Anna Netrebko haben von ihrer Nähe zu Putin über Jahre profitiert, beide wurden nicht müde, ihn zu loben und sogar im (Schein-) Wahlkampf zu unterstützen. Selbst nach der Annexion der Krim unterzeichneten sie Ergebenheits-Adressen. Dass sich beide nun weigern, eindeutig gegen Putin Stellung zu beziehen, mag aus ihrer Sicht verständlich sein, kann außerhalb Russlands aber beim besten Willen nicht toleriert werden.

Anna Netrebko hat erst vor wenigen Monaten ihren 50. Geburtstag im Kreml gefeiert, was ihr aktuell die Bühnen und Konzertpodien außerhalb Russlands verschließt. Sorgen um eine finanzielle Notlage wird man sich bei ihr nicht machen müssen. Bald wird sich wohl auch die Möglichkeit ergeben, bei Benefizkonzerten zugunsten russischer Soldatenwitwen aufzutreten. Wie heißt es so schön: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Das gilt auch im Umkehrschluss, liebe Anna Netrebko!

Peter Sommeregger, 8. März 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen’. Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

 

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.