Sommereggers Klassikwelt 167: Der Tenor Max Alvary und seine Schicksalsrolle Siegfried

Sommereggers Klassikwelt 167: Der Tenor Max Alvary und seine Schicksalsrolle Siegfried  klassik-begeistert.de, 3. Januar 2023

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Max_Alvary.jpg

von Peter Sommeregger

Der am 3. Mai 1851 in Düsseldorf geborene Maximilian Achenbach erlebte unter seinem Künstlernamen Max Alvary eine bedeutende, internationale Karriere als Opernsänger.

Der Vater des Künstlers, Andreas Achenbach, war ein höchst erfolgreicher Landschaftsmaler. Das zeichnerische Talent hatte er an seinen Sohn vererbt, der sich zu einem Architekturstudium entschloss, das er in Aachen erfolgreich abschloss. Nachdem er sich bereits in Düsseldorf als Architekt niedergelassen hatte, begann er gegen den erklärten Willen seines Vaters mit einem Gesangsstudium. Bereits nach einem ersten Vorsingen wurde er an das Hoftheater in Weimar engagiert, wo er sich rasch eine größere Zahl von Tenor-Partien erarbeitete. Um den Zorn seines Vaters zu besänftigen, trat er nicht unter dem Namen Achenbach auf, sondern wählte den Künstlernamen Alvary.

Bereits im Alter von 29 Jahren wurde ihm durch einen Agenten ein Engagement an der Metropolitan Opera New York angeboten, das er allerdings erst 5 Jahre später, 1885 antrat. In New York sang er anfangs auch noch kleinere Partien, die großen Wagner-Partien sang dort zu diesem Zeitpunkt noch der legendäre Albert Niemann. Am 9. November 1887 sang er seinen ersten Siegfried in New York, der zu seiner dortigen Glanzrolle werden sollte, in der er insgesamt 25 mal auftrat. Das Besondere seiner Darstellung war die Tatsache, dass er diese Rolle bartlos und ohne fleischfarbene Kostüme sang. Sein blendendes Aussehen kam ohne Bart und die sonst üblichen Trikots besser zur Geltung. Schnell avancierte er zum Liebling vor allem des weiblichen Publikums der Met. Bis 1889 sang er an dem Haus, danach setzte er triumphal seine Karriere in Europa fort. In Hamburg war er als Siegfried und Stolzing, in München 1890 als Lohengrin und Siegfried zu hören. Cosima Wagner verpflichtete Alvary 1891 für die Bayreuther Festspiele als Tristan. Die Eigenwilligkeit des Sängers führte aber dazu, dass Cosima Wagner von weiteren Engagements Alvarys absah. Einen weiteren Triumph feierte der Sänger 1892 im Londoner Opernhaus Covent Garden, wo er als Tristan und Siegfried gastierte.

Im Oktober 1894 erlitt er während Proben zu einer Siegfried-Aufführung am Nationaltheater Mannheim einen schweren Bühnenunfall. Er stürmte in Fafners Höhle, die allerdings keinen Boden hatte, so stürzte der Sänger unkontrolliert in die Tiefe. Auch nach langer Genesungspause blieb Alvary danach schwer angeschlagen, musste sich immer wieder Operationen unterziehen. In der Folge schränkte der Sänger seine Auftritte immer mehr ein, 1896 sang er in Amsterdam den Tristan, aber bereits am 25. Mai 1896 beendete er seine Karriere als Siegfried in der Götterdämmerung in einer Hamburger Aufführung.

Danach zog sich Max Alvary in ein von ihm selbst gestaltetes Haus im Thüringischen Tabarz zurück, das er für sich, seine Frau und die neun gemeinsamen Kinder erbaut hatte. Er starb dort am 7. November 1898, nur 47 Jahre alt.

Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg. Später wurden auch seine Witwe Thekla und zwei Töchter des Ehepaares dort bestattet. Es existiert eine Reihe von frühen Photographien Alvarys als Siegfried, Stolzing und Tannhäuser, die tatsächlich einen sehr gut aussehenden Mann zeigen. Über seine stimmlichen Qualitäten geben nur zahlreiche Rezensionen Auskunft, Schallplatten seiner Stimme existieren keine, für dieses Medium kam sein Tod zu früh.

Peter Sommeregger, 3. Januar 2023, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Sommereggers Klassikwelt (c) erscheint jeden Mittwoch.

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen’. Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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