Sommereggers Klassikwelt 5/2019:
Von der Kunst des richtigen Hustens

Sommereggers Klassikwelt 5/2019,  klassik-begeistert.de

Der unsterbliche Humorist Loriot führte bereits 1982 einen als Hustensymphonie bezeichneten Sketch in der Philharmonie Berlin auf. Erstaunlich, wie weit die Evolution des Hustens seither voran geschritten ist. Der frühere Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle, reagierte besonders genervt auf diese Störung der Konzentration. Unvergesslich sind mir einzelne Gelegenheiten, wo er vom Pult aus einem hartnäckigen Huster einen Blick zuwarf, der hätte töten können.

von Peter Sommeregger

Jeder Mensch kennt die Situation: auch in den unpassendsten Momenten kann es passieren, dass sich ein plötzlicher Hustenreiz einstellt. Der kultivierte Mensch hält sich die Hand vor den Mund, räuspert sich eventuell, um den Hustenreiz zu stoppen. In den meisten Fällen hilft das.

Besonders unangenehm ist es natürlich, wenn  besagter Hustenreiz während eines Konzerts oder einer Opern/Theateraufführung auftritt. Der sozial denkende Mensch versucht, die Störung der ebenfalls  Anwesenden möglichst gering zu halten. In einem großen Konzertsaal wie der Berliner Philharmonie, die über eine ausgezeichnete Akustik verfügt, wird nicht nur der Vortrag der Künstler sehr gut hörbar, sondern leider auch alle Arten von akustischen Beimischungen, von denen Husten das störendste und unangenehmste ist.

Speziell in erkältungsreichen Wintermonaten steigt der Hustenpegel beträchtlich, und es ist interessant, die Hustengewohnheiten des Philharmonie-Publikums einmal zu analysieren.

Der kühne Bau Hans Scharouns verfügt über mehr als 2400 Plätze. Irgend jemand ist da immer erkältet, verschluckt sich – oder langweilt sich. Man kann beobachten, dass die Hustenfrequenz gegen Ende langatmiger Stücke erheblich steigt. Es gibt da diesen nervösen, kurzen Hustenstoß, der sich von dem aus den Tiefen der Bronchien kommenden deutlich unterscheidet. Dieser wird manchmal großflächig zelebriert und gibt teilweise alarmierende Aufschlüsse über den Zustand der betreffenden Atemwege. Ein Höhepunkt der Hustenfrequenz wird zumeist in den Pausen zwischen zwei Symphoniesätzen erreicht. In dem lobenswerten Bestreben, das Husten während der Musik zu vermeiden, versucht manch einer sozusagen prophylaktisch zu husten. Keine gute Idee, denn dabei entwickelt sich oft eine Husten-Kakophonie, die nicht selten zum Gelächter von nicht hustenden Gästen führt.

Der unsterbliche Humorist Loriot führte bereits 1982 einen als Hustensymphonie bezeichneten Sketch in der Philharmonie Berlin auf. Erstaunlich, wie weit die Evolution des Hustens seither voran geschritten ist. Der frühere Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle, reagierte besonders genervt auf diese Störung der Konzentration. Unvergesslich sind mir einzelne Gelegenheiten, wo er vom Pult aus einem hartnäckigen Huster einen Blick zuwarf, der hätte töten können. In dieser Zeit wurde ein Sponsor gewonnen, der kostenlose Hustenbonbons im Haus verteilte. Der Erfolg dieser Aktion hielt sich in Grenzen. Zuweilen fühlt man sich in die Lungenheilstätte aus Thomas Manns Zauberberg versetzt.

Dabei wäre es gar nicht so schwierig, dem Problem beizukommen. Bei einer Erkältung sollte man Konzertsäle und Theater meiden. Auch nicht erkältete Menschen sollten in jedem Fall ein Taschentuch (nein, keinen dünnen Papierlappen) bei sich haben. Dessen dämpfende Wirkung auf sämtliche pulmonalen Geräusche ist erheblich. Die Mitführung eines Hustenbonbons kann auch hilfreich sein, aber das wirksamste Mittel gegen die Störung der Mithörer führt jeder Mensch mit sich: das Vorhalten der Hand hilft ungemein, setzt allerdings so etwas wie eine gute Kinderstube voraus!

Peter Sommeregger, Berlin, 16. Oktober 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

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