Sommereggers Klassikwelt 7/2019: Der Friedhof der verschwundenen Primadonnen

Sommereggers Klassikwelt 7/2019,  klassik-begeistert.de

Eine der ganz großen ihrer Zunft war zweifellos Mathilde Mallinger (1847-1920) , die 1868 in der Münchner Uraufführung von Richard Wagners “Die Meistersinger von Nürnberg“ die Rolle der Eva kreierte. Später wurde sie der Star der Berliner Hofoper, an der sie ein breites Repertoire verkörperte. Ein zerbrochenes Fragment ihrer Grabstele ist erhalten, befindet sich aber nicht mehr am originalen Standort.

von Peter Sommeregger

Der Bau der Berliner Mauer 1961 hat nicht nur unendliches Leid über viele Menschen der geteilten Stadt gebracht, er hat auch in vielen Bereichen wertvolle kulturgeschichtliche Substanz zerstört. Ein trauriges Beispiel dafür ist der St. Hedwigs-Friedhof an der Liesenstraße, welche die Bezirke Mitte und Wedding trennt. Dadurch wurde die Friedhofsmauer automatisch zur Grenzlinie. Sie wurde abgerissen, und ein breiter Streifen des Geländes eingeebnet. Dieser Aktion fielen unzählige historische Grabmale zum Opfer, einige wenige Steine konnten in den hinteren, weiter bestehenden Teil des Friedhofs gerettet werden, der Großteil aber wurde vernichtet, oder ist seither verschollen.

Beginnen wir mit dem von Schadow gestalteten Grabmal der Luise Margarethe Schick. Sie starb 1809 mit nur 36 Jahren, nachdem sie jahrelang der gefeierte Star der Berliner Hofoper gewesen war, und selbst Mozart mit ihrer Stimme begeisterte. Der Grabstein trug die Inschrift: „Kann auch, was unsterblich ist, verblühen?“ Wir müssen es immer wieder schmerzlich erfahren!

Erfreulicherweise erhalten, aber durch Verwitterung kaum mehr leserlich ist der 1927 an Stelle des originalen Grabsteins gesetzte Gedenkstein für Anna Milder-Hauptmann. 1785 in Konstantinopel als Kind österreichischer Eltern geboren, studierte sie in Wien u.a. bei Salieri Gesang. 1805/06 kreierte sie beide Fassungen von Beethovens “Fidelio“. Nach erfolgreichen Jahren in Wien und Berlin – hier sang sie 1829 unter Mendelssohn in der denkwürdigen Aufführung der Matthäus-Passion – ließ sie sich endgültig in Wien nieder. 1828 bestellte sie bei Schubert die Konzertarie „Der Hirt auf dem Felsen“. Es sollte Schuberts letztes Werk werden.

Verschwunden ist erst vor wenigen Jahren der prächtige Marmorengel, der das Grab der Mezzosopranistin Leonore de Ahna zierte. Aus Angst vor Vandalismus wurde die Skulptur in die Krypta der Aussegnungskapelle gebracht, wo sie öffentlich nicht zugänglich ist. Eine Kennzeichnung der Grabstelle für die nach schneller Karriere an der Berliner Hofoper nur 27-jährig im Jahr 1865 gestorbenen Künstlerin gibt es nicht. Erhalten und erst in den letzten Jahren wieder freigelegt ist der Stein für Louise Horina, gestorben 1918, und eine bewährte Kraft eher im zweiten Glied des Hofopern-Ensembles.

Fragment der Grabstele Mathilde Mallinger.

Eine der ganz großen ihrer Zunft war zweifellos Mathilde Mallinger (1847-1920) , die 1868 in der Münchner Uraufführung von Richard Wagners “Die Meistersinger von Nürnberg“ die Rolle der Eva kreierte. Später wurde sie der Star der Berliner Hofoper, an der sie ein breites Repertoire verkörperte. Privat stieg sie durch Heirat zur Baronin auf. Ein zerbrochenes Fragment ihrer Grabstele ist erhalten, befindet sich aber nicht mehr am originalen Standort.

Am schwersten wiegt vielleicht der Verlust der Grabstätte des Musiker-Ehepaares Josef und Rosa Sucher. Josef Sucher, zu seiner Zeit auch als Komponist erfolgreich, machte als Dirigent große Karriere. Wagner selbst war voll des Lobes für seine Leipziger “Walküre“, in der seine spätere Gattin Rosa als Sieglinde brillierte. Später wurde sie die erste Bayreuther Isolde und sang während der 1890er Jahre fast alle Sopran-Partien bei den Festspielen, wie auch in Berlin.

Von dem Doppelgrab, einer steinernen Lyra im Jugendstil mit zwei Medaillons der Eheleute, existiert nur noch ein verwaschenes Foto. Am authentischen Ort der Grabstelle befindet sich heute ungepflegter Rasen. Ob sich wohl eines Tages ein Mäzen findet, der für eine Restitution der Grabstelle sorgt?

Peter Sommeregger, Berlin, 29. Oktober 2019

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Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

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