Ein Abend zwischen Musicalgeschichte und augenzwinkernder Selbstironie
Deutsches Haus Flensburg, 31. Oktober 2026
Wer Thomas Borchert als Graf von Krolock aus „Tanz der Vampire“ kennt, weiß, dass er auf der Bühne nicht lange um Aufmerksamkeit bitten muss. Im Deutschen Haus in Flensburg brauchte er am Samstagabend weder ein Schloss noch ein Ensemble, um den Saal in seinen Bann zu ziehen. Ein Flügel, seine facettenreiche Stimme und Geschichten aus 36 Jahren Musicalgeschäft reichten völlig aus. Mit „Der Vampir am Klavier“ präsentierte er einen unterhaltsamen und musikalisch vielseitigen Abend. Das Publikum war begeistert und ließ Borchert erst nach zwei Zugaben ziehen.
von Marc Rohde
Seit 2021 tourt Borchert mit diesem Programm durch Deutschland und Österreich. Der Titel spielt auf seine Paraderolle als Graf von Krolock an, doch der Künstler nimmt sein Publikum mit auf eine Reise durch seine gesamte Karriere. Diese begann mit der Rolle des Rum Tum Tugger in „Cats“ und führte ihn über zahlreiche Hauptrollen durch unterschiedliche musikalische Genres. Dass er fast alle Songs selbst am Klavier begleitet, macht den Abend zu weit mehr als einer Aneinanderreihung bekannter Musicalhits.
Borchert wechselt mühelos zwischen den musikalischen Welten. Seine Stimme verfügt über eine bemerkenswerte Bandbreite an Farben und Ausdrucksmöglichkeiten. Mal dunkel und bedrohlich, dann wieder weich, lyrisch oder kraftvoll. Er erzählt Geschichten, zeichnet Charaktere und verleiht den Figuren hinter den Songs eine eigene Persönlichkeit.
Zu meinen persönlichen Höhepunkten gehörte „Unstillbare Gier“ aus „Tanz der Vampire“. Die dunkle Verführung, innere Zerrissenheit und kaum zu bändigende Sehnsucht finden in Borcherts Stimme einen überzeugenden Ausdruck. Einen ganz anderen Charakter besitzt „Bring ihn heim“ aus „Les Misérables“. Mit großer emotionaler Intensität gestaltet er das Gebet des Jean Valjean. Er verzichtet auf unnötige Effekte und lässt Melodie und Text wirken. Für mich war das einer der bewegendsten Augenblicke des Abends.
Auch „The Phantom of the Opera“ überraschte in einer eigenwilligen Solo-Version. Borchert löste das berühmte Duett aus seinem gewohnten Zusammenhang, veränderte die Textperspektive und gab der Komposition mit jazzigen Elementen einen eigenen Charakter. Statt Christine und das Phantom miteinander singen zu lassen, machte er sich beide musikalischen Welten zu eigen.

Mit den Songs aus „Elisabeth“ und „Mozart!“ konnte ich persönlich weniger anfangen. Sie wirkten im Vergleich zu den dramatisch zugespitzten Nummern etwas beliebig.
Besondere Aufmerksamkeit verdient Borcherts Arbeit am Flügel. Bei fast allen Stücken begleitet er sich selbst. Dabei beschränkt er sich keineswegs auf eine musikalische Untermalung. Er spielt virtuos, setzt Akzente und gibt den Songs ein eigenes Fundament. Gesang und Klavier bilden eine überzeugende Einheit. Dass ein Musicaldarsteller dieses Niveau am Instrument erreicht und gleichzeitig so ausdrucksstark singt, beeindruckt mich besonders.
Mindestens ebenso unterhaltsam wie die Musik sind seine Moderationen. Borchert plaudert aus 36 Jahren Bühnenleben, erzählt von Begegnungen, Rollen und den Eigenheiten des Musicalgeschäfts. Dabei gewährt er Einblicke in eine Branche, deren Arbeitsweise dem Publikum normalerweise verborgen bleibt. Wie kommt man zu einer Rolle? Was passiert hinter den Kulissen? Er erzählt lebendig, selbstironisch und mit Gespür für die Pointe. Dabei nimmt er sich selbst nicht zu wichtig und lässt manche Illusion über das vermeintlich glamouröse Leben eines Musicalstars platzen.
Sein Alter Ego, Graf von Krolock, gibt dem Abend den passenden Rahmen. Der Wechsel zwischen dem erfahrenen Musicalprofi und dem augenzwinkernden Vampir sorgt für eine eigene Dynamik. Borchert bezog mehrfach das Deutsche Haus und die Stadt Flensburg in sein Programm ein.
Flensburg bekam an Halloween für zweieinhalb Stunden einen Vampir, der nicht nur beißt, sondern vor allem begeistert.
Marc Rhode, 1. November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Chicago, Musical-Vaudeville von John Kander, Fred Ebb & Bob Fosse Volksoper Wien, 24. Oktober 2026
“Wir sind am Leben” – Das Berlin Musical Theater des Westens Berlin, 19. Juli 2026
Die Weiße Rose, Musical von Vera Bolten und Alex Melcher Admiralspalast Berlin, 13. Juni 2026
Er war, ist und wird es immer sein – der beste Graf von Krolock der deutsch-österreichischen Musical-Geschichte!!!
Wer Thomas Borchert jemals in dieser Rolle sah – und ich tat es mindestens 3 Mal in Berlin – will eigentlich niemand Anderen darin erleben. Und doch wird es bei der Neuauflage des “Tanzes der Vampire”, ab März 2027 in Stuttgart, bestimmt einen neuen, jüngeren Grafen geben. Lassen wir uns überraschen und zollen ihm Respekt. Doch die Latte hängt verdammt hoch …!
Ralf Krüger