Tausend Dank für so viele berührende Jahre mit Ihnen am Lautsprecher

Interview Hans-Jürgen Mende, Klassik auf Wunsch  klassik-begeistert.de, 1. November 2026

Hans-Jürgen Mende © Foto privat

Hans-Jürgen Mendes Hörfunksendung „Klassik auf Wunsch“ im Norddeutschen Rundfunk (NDR) war 25 Jahre DIE
Klassiksendung in Deutschland. Der gebürtige Wiesbadener, wohnhaft vor den Toren Kiels, führte mit seiner virilen Stimme und seinem enzyklopädischen Wissen galant durch die Samstagvormittage. Vergangenen Halloween- und Reformations-Samstag moderierte der 66-Jährige seine letzte Sendung. Er hinterlässt eine Schar unzähliger, treuer Fans.

Interview: Andreas Schmidt

klassik-begeistert: Moin moin, Herr Mende, wie geht der Wind bei Ihnen an der Kieler Förde?

Hans-Jürgen Mende: Mal so, mal so. Mal zuviel, mal zuwenig, manchmal so, wie man es sich wünscht und warum man den ganzen Aufwand treibt. Wenn es aber zu einer Harmonie von Wind, Welle und Boot kommt, dann ist es einfach herrlich. 

klassik-begeistert: Ich höre Sie und Ihre samtene Stimme gefühlt seit Jugendbeinen auf NDR Kultur. Sie sind der Inbegriff intelligenter und empathischer Radio-Moderation. Warum ist jetzt Schluss damit?

Hans-Jürgen Mende: Zum einen bin ich ab 1. November Rentner. Und es ist in der ARD durchaus üblich, sich dann von Freien Mitarbeitern zu trennen, auch um Raum für Jüngere zu schaffen. Das macht schon Sinn. Ich wäre allerdings auch bereit gewesen, noch einige Zeit, auch in reduzierter Form, den Sonnabend weiterhin zu moderieren. Auch wurde ich von vielen HörerInnen ermuntert. Ein Hörer schrieb: „Machen Sie bitte den Blomstedt …!“ Ich habe meine Bereitschaft mehrmals auch gegenüber NDR Kultur formuliert, allerdings keine Antwort erhalten. Damit war die Sache klar. Und betteln liegt mir nicht. Manchmal sage ich deshalb: Ich werde in den Ruhestand getreten. Immerhin muss ich anerkennen, dass mir mit einer Reihe von Liveveranstaltungen – gemeinsam mit meinem Kollegen Philipp Schmid – in Güstrow, Lüneburg, Hamburg und in Dithmarschen die Möglichkeit gegeben wurde, Spenden für Gute Zwecke zu sammeln und mich persönlich von vielen zu verabschieden. Dennoch wird es für mich ein großer Einschnitt sein. Denn ein Moderator ohne Mikrofon ist halt wie ein Fußballer ohne Fußball.

Hans-Jürgen Mende © Foto privat

klassik-begeistert: Einige Ihrer treuen Hörer haben eine sehr enge Beziehung zu Ihnen aufgebaut …

Hans-Jürgen Mende: Es ist schon ein Phänomen, dass nur über die Stimme und die Persönlichkeit, die sich durch die Stimme übermitteln kann, eine solche Verbindungen entstehen kann. Und wir verbringen live eine gemeinsame Zeit miteinander, ich im Studio, die Menschen wo auch immer. Natürlich spielen auch Gewohnheit und der Charakter der Sendung auch eine große Rolle. Denn ich war ja wie ein Lottobote, wenn ich Musik-Wünsche erfüllt habe. Aber vielleicht haben die Menschen auch gemerkt, dass ich sie einfach mag. Ich habe diese Sendung immer als die „Gute Nachricht“ der Woche empfunden, inmitten so viel schlechter Nachrichten. Aber auch traurige Anlässe beweisen ja, dass Menschen miteinander in echter Verbindung gewesen sind.

Besonders hat mich berührt, dass eine ältere Dame sich regelmäßig erkundigt hat, wann ich die nächste Sendung habe. Ich habe sie dann mal angerufen und mit ihr gesprochen. Sie hat mir erzählt, sie habe eine Tochter, die ein Pflegefall ist und sie sich um sie 24 Stunden am Tag kümmert. Und nur, wenn ich eine Sendung moderiere, könne sie in Ruhe mal einkaufen gehen. Sie würde das Radio am Bett der Tochter einschalten und ihr sagen: „Du musst keine Angst haben, Hans-Jürgen passt auf Dich auf!“.

klassik-begeistert: Hatten sie auch mit Leidensgeschichten, mit Schicksalsschlägen zu tun?

Hans-Jürgen Mende: Ich habe oft erfahren, wie viel Einsamkeit es vor allem bei älteren Menschen gibt. Es gab einmal eine Frau aus Hamburg, die mir täglich mehrere Briefe und Postkarten geschickt hat. Sie hat sich in einer Liebesbeziehung mit mir hineingedacht. Wenn vor ihrem Haus Blumen blühten, war sie ganz sicher, dass ich die für sie gepflanzt habe, oder ich hätte die Herzen in der Kaufhaus-Deko zum Valentinstag für sie hingehängt. Nach einige Monaten und hunderten von Briefen und Postkarten hat sie sich dann von mir verabschiedet. Unser Altersunterschied sei doch zu groß und so hätten wir keine Chance mehr, eine Familie zu gründen, ich solle nicht traurig sein. Ich hatte nie geantwortet und dennoch schrieb sie immer weiter. Irgendwie dachte ich, das ist vielleicht ihr letztes Lieben.

Olga Peretyatko und Hans-Jürgen Mende © Foto privat

klassik-begeistert: Man könnte den Eindruck haben, dass es vor allem ältere Menschen sind, denen „Klassik auf Wunsch“ etwas bedeutet.

Hans-Jürgen Mende: Das mag ein Eindruck sein, wenn man nur von denen ausgeht, die sich aktiv mit ihren Wünschen beteiligen, aber auch da gibt es Ausnahmen. Diejenigen, die die Sendung hören, sind keineswegs nur Ältere. Das hat auch mit Familientraditionen zu tun. Vor einiger Zeit bekamen wir den Wunsch einer jungen Frau, die uns schrieb, ich hätte zu ihrer Geburt einen Wunsch der Eltern erfüllt. Nun sei sie 18 geworden und wollte ihre Eltern grüßen. Bei den Benefizkonzerten, zu denen mein Kollege Phillip Schmid und ich seit gut 10 Jahren kostenlos kommen, sind wir immer wieder selbst erstaunt, wie viele jüngere Menschen auch „Klassik auf Wunsch“-Fans sind. Sehr gefreut hat mich neulich ein junger Filmemacher. Der sagte, es sei ganz egal, was in der Woche so alles gewesen sei, wenn er am Sonnabend das Radio anmacht und ich am Mikrofon sei, dann habe er das Gefühl, manches in der Welt sei doch noch in Ordnung.

klassik-begeistert: Woher kam das Feedback, das Sie erreichte?

Hans-Jürgen Mende: Es ist ja ein Phänomen, dass, obwohl letztlich niemand mehr ein Wunschkonzert braucht, um Musik zu hören, eine solche Sendung noch immer so beliebt ist und das in ganz Deutschland. Aber auch weltweit. Wir hatten Wünsche von wirklich allen Kontinenten und das trotz der Zeitverschiebung. Diese Sendung verbindet Menschen, wo immer sie auch wohnen.

2008 hat meine Frau, die Sopranistin Manuela Uhl, auf einer Tournee der Deutschen Oper Berlin die Elisabeth in Richard Wagners Tannhäuser gesungen. Genau zwei Wochen vor der ersten Vorstellung in Peking schrieb ein Niederländer aus Peking und wünschte sich das Vorspiel von Tannhäuser. Er lebte seit Jahren in Peking als Englischlehrer. Und ich schwöre, er wusste nichts von dieser Aufführungsserie in Peking. Es war Zufall. Ich habe ihm geschrieben: Wie wäre es denn, wenn wir in zwei Wochen gemeinsam in den Tannhäuser gehen. Er war natürlich total überrascht. Tatsächlich haben wir uns getroffen und sind gemeinsam in eine der Vorstellungen gegangen. Er hat uns im Gegenzug dann viel interessantes in Peking gezeigt. Bis heute sind wir befreundet.  

klassik-begeistert: Bleibt die Sendung erhalten, und wer wird Ihr Nachfolger?

Hans-Jürgen Mende: Viele hatten die Sorgen, die Sendung würde mit meinem Weggang zu Ende gehen. Daran ist zum Glück nicht gedacht und ich freue mich, dass Tim Helssen, ein junger Mann auf Hamburg und ein echtes Radiotalent, der theoretisch mein Enkel sein könnte, die Sendung regelmäßig moderieren wird. Er hat seit einiger Zeit die Sendung vorbereitet und mich auch oft in der Sendung begleitet und ich bin davon überzeugt, dass er der Richtige ist, denn er ist nicht nur ein guter Moderator, sondern er versteht das Besondere dieser Sendung und darauf kommt es an. Ich gebe die Sendung mit ihm in gute Hände, und das erleichtert mir den Abschied.

Hans-Jürgen Mende © Foto privat

klassik-begeistert: Sie haben Musikwissenschaften in Mainz und Gesang in Bern und Zürich studiert … Warum sind Sie kein Sänger geworden?

Hans-Jürgen Mende: Meine stimmliche Begabung hätte sicher gereicht, aber – obwohl ich lange Klavierunterricht hatte – habe ich mich musikalisch gesehen doch schwerer getan. Heute braucht man einfach eine hohe musikalische Sicherheit, einen Instinkt, der sich wohl vor allem in frühen Jahren bildet. Und dann habe ich bei einem Meisterkurs meine Frau kennengelernt. Mir war dann rasch klar, dass sie eben nicht nur eine tolle Stimme hat, sondern eben diese große Grundmusikalität. In eine Konkurrenz wollte ich nicht treten und so habe ich ihr dann gesagt: Mach Du doch mal, ich suche mir was anderes. Das war eine gute Entscheidung. Ich habe dennoch sehr genossen, durch Manuela und ihre internationale Karriere in der Opernwelt zu bleiben. Und so konnten wir auch „Familie leben“. Unser drei Jungs sind oft mit Manuela und mir gereist, ob in die USA, nach Südamerika, Asien und in viele Städte Europas. Die Reisepässe der Kinder sind vollgestempelt.  

klassik-begeistert: Wohin wehen sie die Winde im nächsten Jahr, in den nächsten Jahren?

Hans-Jürgen Mende: Der Ruhestand hat natürlich auch seine Vorteile, so kann ich, ohne Sendungen schwänzen zu müssen, reisen und Freunde besuchen, die ich lange vernachlässigt habe, musste ich doch auf jeden Fall samstags zur Stelle sein. Mit Manuela stehen Reisen nach Johannesburg, Peking, Riga und Shanghai auf dem Plan. Wir wollen natürlich wieder im Sommer in Dänemark segeln, das ist die Zeit, in der auch unsere Jungs und unsere Enkelin wieder mitkommen und wir gemeinsame Zeit miteinander haben. 

klassik-begeistert: Also nur noch Freizeit?

Hans-Jürgen Mende © Foto privat

Hans-Jürgen Mende: Nein. Ab und zu werde ich wohl noch gelegentlich Sendungen wie HR Kultur Doppelkopf und das SWR Kultur Forum moderieren, aber meine Herzenssache ist mein Projekt www.lebendige-erinnerung.de. Nach unzähligen Interviews in Fernsehen und Radio und sehr vielen Trauerreden, möchte ich diese Erfahrungen zusammenführen und Audio- und Videointerviews produzieren für Menschen, die so eine lebendige, authentische Erinnerung und ihre Sicht der Dinge hinterlassen wollen. Darauf freue ich mich.

klassik-begeistert: Lieber Herr Mende, tusind tak für so viele berührende Jahre mit Ihnen am Lautsprecher. Ich wünsche Ihnen allzeit achterlichen Wind und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.

Andreas Schmidt, 1. November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Interview: kb im Gespräch mit Prof. Manuela Uhl, Sopranistin klassik-begeistert.de, 29. Mai

kb im Gespräch mit Maestro David Afkham, Dirigent, Teil II klassik-begeistert.de, 20. Oktober 2026

kb im Gespräch mit dem Tenor Michael Schade klassik-begeistert.de, 4. Oktober 2026

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