Mit „Chicago“ gelingt der Wiener Volksoper ein umjubelter Coup

Chicago, Musical-Vaudeville von John Kander, Fred Ebb & Bob Fosse  Volksoper Wien, 24. Oktober 2026

Ensemble © Marco Sommer/Volksoper Wien

Frech, provokativ und lasziv singen und tanzen sich Protagonisten und Ensemble durch die beißende Satire auf Justiz, Korruption, Manipulation und Gier nach Ruhm. Die hundert Jahre alte Vorlage zeigt im Zeitalter der Social Media und der Influencer verblüffende Aktualität. Darsteller, Regie, Choreographie und Musik reißen das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. 

Chicago
Ein Musical-Vaudeville von John Kander, Fred Ebb & Bob Fosse

In deutscher Sprache mit englischen Songs

Libretto:  Fred Ebb & Bob Fosse
Musik:  John Kander
Liedtexte:  Fred Ebb

Musikalische Leitung:  Maayan Franco
Regie:  Lotte de Beer
Choreographie:  Arielle Smith
Bühnenbild:  Christof Hetzer
Kostüme:  Jorine van Beek
Licht:  Alex Brok
Choreinstudierung:  Roger Díaz-Cajamarca
Stunt coordinator:  Ran Arthur Braun
Dramaturgie:  Lisa Kerlin

Chor, Statisterie und Orchester der Wiener Volksoper
Wiener Staatsballett

Volksoper Wien, 24. Oktober 2026

von Dr. Rudi Frühwirth

Vor hundert Jahren dauerte es noch eine ganze Nacht, bis die Rotationsmaschinen die Schlagzeilen von Mord und Totschlag in Riesenlettern aufs Papier druckten und die Kolporteure die Zeitungen auf die Straßen brachten. Heute bekommen wir solche Nachrichten minutenschnell auf den Bildschirm geliefert. Weniger empfänglich für mediale Aufregung sind wir deswegen allerdings nicht geworden.

Chicago erzählt die Geschichte zweier Frauen, die des Mordes angeklagt sind und denen ein skrupelloser Rechtsanwalt durch geschickte Manipulation der sensationsgierigen Medien und der Justiz den Freispruch verschafft. Eine von ihnen steigt kurzfristig zum Star auf. Doch der Traum vom Ruhm ist rasch vorbei, sobald ein neuer Mord alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Andy Warhol wusste es schon vor fast sechzig Jahren: „In Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein.“

Unter der Regie der Hausherrin Lotte de Beer kommt die Geschichte schnörkellos, mit viel Witz und überschäumendem Temperament auf die Bühne. Die Ästhetik einer Varieté-Show macht dabei deutlich, dass das Geschehen nicht bloß realistisch nachgestellt, sondern zugleich als öffentliches Spektakel vorgeführt wird. Auch das Bühnenbild von Christof Hetzer in der subtilen Beleuchtung von Alex Brok und die fabelhaften Kostüme von Jorine van Beek unterstreichen die Doppeldeutigkeit der Inszenierung: nüchtern-farblos in den Gefängnisszenen, theatralisch-überdreht in den Songs, beim Auftritt des Rechtsanwalts Billy Flynn über die beleuchtete Treppe, vor Gericht und am Schluss, als die beiden freigesprochenen Mörderinnen als Showduo ihre zweifelhaften Künste zeigen. Die vierte Wand durchbrechen nicht nur die Songs, sondern auch drei entzückende Kinder, die das Publikum mit entwaffnender Unbeschwertheit über die kriminellen Machenschaften auf dem Laufenden halten.

Bettina Mönch als Roxie Hart © Marco Sommer / Volksoper Wien

Bettina Mönch als Roxie und Myrthes Monteiro als Velma überzeugen mit beeindruckender Bühnenpräsenz in Gesang, Schauspiel und Tanz. Arielle Smith hat die Choreographie fein an das tänzerische Können der beiden Protagonistinnen angepasst. Besonders brillant setzt Myrthes Monteiro die Szene um, in der Velma Roxie dazu bewegen will, mit ihr als Schwestern-Duo aufzutreten. Ihren großen Auftritt hat Bettina Mönch als Roxie vor Gericht: Perfekt von Billy Flynn gecoacht, versteht sie es, die Geschworenen von ihrer Unschuld zu überzeugen. Lionel von Lawrence gibt den schmierige Rechtsanwalt, der mit strahlender Stimme versichert, nur für die Liebe zu leben, und der doch nur auf das Geld seiner Klientinnen aus ist.

Myrthes Monteiro als Velma Kelly, Bettina Mönch als Roxie Hart und Katia Ledoux als Mama Morton © Marco Sommer/Volksoper Wien

Eine Nummer für sich ist Katia Ledoux als Mama Morton, die Gefängniswärterin, die sich keineswegs uneigennützig um das Wohl ihrer Schützlinge kümmert. Stimmgewaltig und imposant von Statur, legt sie in ihrem Auftrittssong freimütig ihr Geschäftsmodell offen: do ut des – eine Hand wäscht die andere. Jakob Semotan als Roxies betrogener Ehemann hat einen rührenden Auftritt mit „Mister Cellophane“. Als Mensch, den seine Mitmenschen schlichtweg übersehen, bleibt er selbst musikalisch auf der Strecke: Nicht einmal eine Abgangsmusik ist ihm vergönnt. Den Reigen der skurrilen Figuren beschließt Ursula Pfitzner als Mary Sunshine, jene Journalistin, die stets nur das Gute im Menschen sieht – und dies mit wunderbar opernhaftem Ausdruck zum Besten gibt.

Lionel von Lawrence als Billy Flynn und Ursula Pfitzner als Mary Sunshine © Marco Sommer / Volksoper Wien

Großen Anteil am Erfolg hat auch die Choreographin Arielle Smith. Die Tänzerinnen und Tänzer werden ausgiebig gefordert und können neben klassischen Figuren auch mit originellen Posen und kunstvollen Verrenkungen aufwarten. Die Choreographie entwickelt eine durchwegs eigenständige Handschrift, aber natürlich dürfen gelegentliche Anspielungen an den Tanzstil des genialen Bob Fosse nicht fehlen: gespreizte Jazz Hands, eingedrehte Knie und die charakteristischen Hüte.

John Kanders Musik vereint Jazz und Swing mit Vaudeville und der typischen Klangsprache des Broadway-Musicals. Im Orchestergraben brachte Dirigent Maayan Franco diese stilistische Vielfalt mit viel Gespür für Rhythmus zur Geltung. Gemeinsam mit dem Chor und dem Orchester der Volksoper sorgte er für eine packende musikalische Interpretation. Das Publikum spendete schon im Laufe des Abends nach den Songs reichlich Applaus und belohnte am Ende die Mitwirkenden und das Regieteam mit lautstarkem Beifall. Mit dieser höchst unterhaltsamen Produktion hat die Volksoper ihre Kompetenz im Musicalgenre einmal mehr eindrucksvoll bewiesen.

Dr. Rudi Frühwirth, 25. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Besetzung:

Velma Kelly:  Myrthes Monteiro
Roxie Hart:  Bettina Mönch
Billy Flynn:  Lionel von Lawrence
Amos Hart:  Jakob Semotan
Mama Morton:  Katia Ledoux
Mary Sunshine:  Ursula Pfitzner
Liz:  Maura Oricchio
Annie:  Jamie Petutschnig
June:  Isabel Saris
Hunyak:  Anneka Dacres
Mona:  Katharina Gorgi

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