Das Artemis Quartett und Elisabeth Leonskaja reisen auf den Spuren der repressiven Sowjetzeit

Artemis Quartett, Elisabeth Leonskaja,  Wiener Konzerthaus

Foto: (c) Nikolaj Lund
Wiener Konzerthaus, Mozart-Saal, 15. Mai 2018

Artemis Quartett
Vineta Sareika, Violine
Anthea Kreston, Violine
Gregor Sigl, Viola
Eckart Runge, Violoncello
Elisabeth Leonskaja, Klavier

von Jürgen Pathy

Zum Glück bedeutete der Freitod des Bratschisten Friedemann Weigle im Jahre 2015 nicht das Ende der Formation. Nach einer Abschiedstournee entschloss das renommierte Artemis Quartett weiterhin die Welt zu erkunden und landete auf deren bisweilen letzter Station: dem Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses.

Eine teils beklemmende Reise vollzog die mythologische Göttin der Jagd, des Waldes und des Mondes – Artemis – und entführte das Publikum in die Abgründe der beklemmenden Seelenwelt des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. In eine düstere, der Sonne abgewandten, scheinbar hoffnungslosen Welt.

Scheinbar! Selbst in der Tristesse der totalitären Diktatur, der Knechtschaft der repressiven kommunistischen Partei erblickt das Jahrhundert-Genie ein Funkeln des dunkelroten Vollmondes: im Andante des 1952 komponierten Streichquartetts in B-Dur offenbaren die vier feinsinnigen Musiker den nahenden Tod Josef Stalins und tänzeln schelmisch lächelnd auf dem brodelnden Vulkan des Moderato.

Emotional angeschlagen wirkt die Grande Dame des Pianos, die in Tiflis geborene und 1978 nach Wien emigrierte Elisabeth Leonskaja, 72, die damals in einem Interview dankbar verkündete, sie spiele „mit besonders großer Freude im Konzerthaus“, in dem sie 1974 auch ihr Wien-Debüt feierte.

Der Stimmung entsprechend verliert sich ihr Klavierspiel zu Beginn des Klavierquintettes in A-Dur (Antonín Dvořák) hinter den zu lauten Streichern des Quartettes. Der kurzen Disharmonie folgt jedoch ein wohlig warmer Klangzauber. Zärtlich spielt sich das Quintett die melancholische Melodie des hochromantischen zweiten Satzes abwechselnd zu – einer Dumka, einer im slawischen Raum verbreiteten introvertierten Kompositionsart, derer sich neben Antonín Dvořák auch Pjotr Iljitsch Tschaikowski erfolgreich bediente.

Den unangebrachten Buh-Rufen eines übermütigen Gastes stemmen sich geradezu trotzig eine Vielzahl Bravi und lauter Applaus entgegen.

Die georgische Pianistin erwischt zwar nicht ihren besten Tag – auch bei Schostakowitschs bekanntester kammermusikalischer Komposition, dem Klavierquintett in g-Moll, greift das Ehrenmitglied der Wiener Konzerthausgesellschaft anfangs daneben –, dennoch kann sie der gequälten Seele des Komponisten ihre packende musikalische Ausdruckskraft verleihen.

Den verzweifelten Hilferuf des gepeinigten und seit seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ beim Regime als Formalist verpönten Komponisten können die fünf Musiker derart real vermitteln, dass den fokussierten Zuhörern vorrangig ein Gefühl hochkommen muss: pures Mitleid! Dieser Geniestreich gleicht einer Zeitreise in die frühe Sowjetzeit. Das Publikum ist zu Gast bei einer sensiblen, intellektuellen Größe des 20. Jahrhunderts, dessen Leben geprägt war von der ständigen Todesangst, psychischem Terror, Krieg und dem Würgegriff der kommunistischen Partei.

Trotz geringer Unsauberkeiten in den Geigen kann das weltweit gefeierte Quartett dem Urteil des verstorbenen Kritikerpapstes Joachim Kaiser noch immer alle Ehre erweisen: „Die Interpretation des Artemis Quartett steht nicht nur technisch durchaus auf einer Stufe der virtuosesten Konkurrenten – sie bietet auch musikalisch Bewegenderes als alle anderen“.

Neben dem Urgestein und Gründer der Formation, Eckart Runge, verzaubert vor allem der verführerische Klang der Bratsche, dessen elegisches Weinen seit Ende des Jahres 2015 Gregor Sigl zum Erblühen bringt – auf dem Originalinstrument des verstorbenen Artemisten.

Bei der abschließenden Zugabe, deren Ansage durch ein wehleidiges „Jessas Maria!“ eines Gastes kommentiert wird, manifestiert sich der Gedanke des Rezensenten: Leonskajas herzergreifendes Klavierspiel klingt nicht nur wie ein dankbarer Abschied von einem in Ruhe lauschendem Wiener Publikum, sondern wie ein inniges, wehmütiges Adieu, das einer geliebten Person gilt.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 16. Mai 2018, für klassik-begeistert.at

Dmitri Schostakowitsch
Streichquartett Nr. 5 B-Dur op. 92 (1952)
Antonín Dvořák
Klavierquintett A-Dur op. 81 (1887)
Dmitri Schostakowitsch
Klavierquintett g-moll op. 57 (1940)
Zugabe:
Johannes Brahms
Klavierquintett f-moll op. 34 (2. Satz: Andante, un poco Adagio) (1865)

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