Theater an der Wien: Klaus Florian Vogt hinterlässt als Florestan Fragezeichen

Theater an der Wien, 19. März 2018
Ludwig van Beethoven, Fidelio,
Giovanni Antonini,
Musikalische Leitung
Klaus Florian Vogt, Florestan
Emma Bell, Leonore/Fidelio
Regula Mühlemann, Marzelline
Sebastian Holecek, Don Pizarro
Stefan Cerny, Rocco
Matthias Winckhler, Don Fernando
Patrick Grahl, Jaquino
Kammerorchester Basel

von Jürgen Pathy

Mit einer exquisiten Solisten-Riege und dem Kammerorchester Basel unter der Leitung des Mailänders Giovanni Antonini hat Intendant Roland Geyer, 65, den „Fidelio“ in einer konzertanten Aufführung zurück an die Stätte seiner Anfänge geholt.

Die Uraufführung der „Leonore“ – wie die Oper ursprünglich hieß –  am 20. November 1805 im Theater an der Wien floppte gewaltig. Erst mit der zweiten, gekürzten Version gelang am 29. März 1806, am selben Ort, der erfolgreiche Durchbruch. Streitereien am Hause führten jedoch dazu, dass Beethoven seine Oper zurückzog.

Acht Jahre zogen durchs Land ehe die neuerlich umgearbeitete Version nun des dritten Librettisten, Friedrich Treitschke, im Mai 1814 dieses Mal im Kärntnertortheater uraufgeführt wurde. In dieser endgültigen Fassung eroberte die Freiheitsoper alle wichtigen europäischen Bühnen und wurde neben den Werken Wolfgang Amadeus Mozarts zu einer der ersten Repertoireopern.

Rezitative wie der verzweifelte, weinende Urschrei des Florestans – Gott! welch dunkel hier! – lassen das Herz eines jeden Opernliebhabers höherschlagen, die steigende Dramaturgie der einleitenden Musik den Zuhörer in hoffnungsvoller Vorfreude im Stuhl erstarren – doch die knabenhafte, engelsgleiche Stimme des deutschen Tenors Klaus Florian Vogt, 47, passt nicht zu dieser Rolle. Diese Partie verlangt nach einem tieferen, erdigeren Timbre, das aus der dunklen Kälte des unterirdischen Kerkers emporsteigt in die lichten Höhen der Freiheit und der Hoffnung. Die technischen Hürden dieser Partie – das hohe G gleich zu Beginn, die sich wiederholenden hohen Bs der darauffolgenden Arie – meistert der deutsche Tenor in dieser Zwischenfachpartie ohne große Mühen.

Klaus Florian Vogt zählt ohne Zweifel zu den großen Wagner-Tenören unserer Zeit, davon zeugen seine Engagements am Royal Opera House Covent Garden, der Wiener Staatsoper oder auf dem Grünen Hügel in Bayreuth, wo er 2018 neuerlich den Walther von Stolzing in Barry Koskys „Die Meistersinger von Nürnberg“ geben wird. Er ist ein genialer Lohengrin, ein sehr guter Parsifal – davon konnte man sich per Livestream aus der New Yorker Met im Februar 2018 überzeugen, wo der Echo-Klassik-Gewinner in einem Jahrhundertcasting neben Herlitzius, Mattei und Pape brillierte – aber als Florestan hinterlässt er bei seinem Hausdebüt einen gespaltenen Eindruck und einige Fragezeichen.

Für die erkrankte Annette Dasch springt als Ersatz die Britin Emma Bell in die Bresche – eine im ersten Akt im hohen Register kreischende Leonore (Fidelio), die bei ihrem Hausdebüt nervös wirkt und ständig in der Partitur klebt. Im zweiten Akt plötzlich keine Spur mehr von diesen Unzulänglichkeiten: Unter der Aura und Präsenz ihres Gesangspartners Klaus Florian Vogt erblüht die Sopranistin und beschert dem Publikum wunderschöne Momente.

Zum Höhepunkt des Abends entfaltet sich der Don Pizarro des Baritons Sebastian Holecek, 53. Trotz der konzertanten Aufführung kann der Wiener seinen Enthusiasmus nicht verstecken und erweckt den teuflischen Gouverneur sowohl gesanglich als auch darstellerisch voller Elan zum Leben. Die ausgiebigen Studien dieser Rolle, in der er bereits an der Volksoper Wien als auch an der Oper Köln auftreten durfte, tragen ihre Früchte. Der mit Abstand lauteste Schlussapplaus gebührt dem Ensemblemitglied der Volksoper Wien.

Darstellerisch weniger exponiert, aber stimmlich genauso großartig beeindrucken zwei weitere Sänger im tiefen Stimmfach: der Rocco des Volksopern-Ensemblemitglieds Stefan Cerny und der Don Fernando des Münchners Matthias Winckhler, 28.

Bis auf das Herz ergreifende Quartett Mir ist so wunderbar halten sich der Leipziger Patrick Grahl als Jaquino und die in der Schweiz geborene lyrische Sopranistin Regula Mühlemann, 32, als Marzelline, ihren Rollen entsprechend dezent im Hintergrund.

Im Gegensatz zu „Armida“ (Joseph Haydn) – klassik-begeistert berichtete – musiziert das Kammerorchester Basel beim „Fidelio“ nicht auf historischen Instrumenten. Mit Ausnahme der Blechbläser, die im 1. Akt unüberhörbar patzen, berauscht das Ensemble unter dem energischen, teils lautstarken Dirigat des Grammy-Gewinners Giovanni Antonini.

Der Besuch im kleinsten, aber charmantesten der drei Wiener Opernhäuser gestaltete sich ein weiteres Mal zu einem bleibenden Erlebnis. Wenn auch gejammert wird in Wien, dann wie üblich auf hohem Niveau – dessen sollten sich die Leser bewusst sein! Ein stürmisch klatschendes Publikum verließ das Theater an der Linken Wienzeile auf jeden Fall mit frohem Gemüt.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 20. März 2018,
für klassik-begeistert.at

Foto (Emma Bell, Klaus Florian Vogt): Renate Wagner
(der-neue-merker.at)

Ein Gedanke zu „Ludwig van Beethoven, Fidelio,
Theater an der Wien“

  1. Vogt ist, mit Verlaub, kein Heldentenor, auch wenn er gelegentlich solche Rollen singt. Nichts an seiner Stimme ist heldisch. In das Fach gehört er nicht. Sein Aussehen ist es allemal.
    Die Stimme ist weiß, ohne Biss.
    Das Wort Heldentenor sollten Sie also vermeiden.
    Richard Clark
    voice agent

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