Kölner Philharmonie: Scharfe Klänge aus Estland wissen zu überzeugen

Viktoria Mullova, Estnisches Festivalorcher, Paavo Järvi,  Kölner Philharmonie

Kölner Philharmonie, 21. Januar 2018
Viktoria Mullova
Violine
Estnisches Festivalorchester
Paavo Järvi Dirigent
Johannes Brahms – Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77 (1878)
Arvo Pärt – Cantus in memoriam Benjamin Britten (1977, rev. 1980) für Streichorchester und Glocke
Dmitrij Schostakowitsch – Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 54 (1939)

von Daniel Janz

Zum Jahr des 100-jährigen Bestehens Estlands bietet das Estnische Festivalorchester in der Reihe der „Meisterkonzerte“ in Köln eine ganz besondere Gastvorstellung. Mit großen Werken der Vergangenheit und Gegenwart im Gepäck verbreiten die Musiker neben einem Hauch estnischen Patriotismus auch große Leidenschaft in der Metropole am Rhein. Dabei zeichnet sie neben einem herausragenden Ruf auch ein ganz besonderer Klang aus.

Einen regelrechten Klassiker des Konzertwesens wählt das Ensemble in der Kölner Philharmonie zum Einstieg. Das Violinkonzert von Johannes Brahms ist eines seiner bekanntesten Werke und zugleich das einzige Violinkonzert, das der Komponist hinterlassen hat.

Zur Aufführung steht keine Geringere als die weltbekannte Violinistin Viktoria Mullova bereit. Mit dem Unabhängigkeits-Thema des heutigen Abends verbindet die heute 58 Jahre alte Russin eine ganz persönliche Geschichte: Im Alter von 26 Jahren floh sie in einer Nacht- und Nebelaktion aus der Sowjetunion. Auch Estland sollte acht Jahre später seine Unabhängigkeit von diesem Staat zurückerlangen.

Für ihre Interpretation von Brahms’ Werk wählt sie einen ungewöhnlichen Ansatz. Die ersten Töne zu einem langen Paukenwirbel wirken sehr scharf angestrichen.

Dieser Eindruck zieht sich durch die ganze Aufführung. Dadurch gelingt es Mullova mühelos, das Orchester selbst im Tutti zu überstrahlen. Leise, einfühlsame Phasen vermögen stattdessen nicht zu bezaubern. Besonders ihre Doppelgriffe wirken, als wolle sie damit die Luft zerschneiden. Dadurch erscheint ihr Spiel an diesem Abend etwas harsch, obwohl sie technisch perfekt ist.

Besonders bei den langsamen, einfühlsamen Passagen im zweiten Satz ist Mullovas Spiel ein zu großer Kontrast zum sanft tragenden Streicherchor. Immerhin gelingt das Finale. Hier kann die Goldmedaillen-Gewinnerin des Tschaikowsky-Wettbewerbs von 1982 mühelos das Publikum mitreißen. Da passt einfach alles – ihre doch sehr eigene Spielweise und die ebenfalls scharf herausgearbeiteten Kontraste aus dem Orchester ergänzen sich in voller Güte.

Nicht zuletzt deshalb nötigt das Publikum sie im Anschluss auch mit anhaltendem Applaus zu einer Zugabe. Hierfür wählt sie die Sarabande aus der Partita von Johann Sebastian Bach. Und tatsächlich kann sie in derselben ihre technischen Stärken noch einmal zur Vollkommenheit demonstrieren.

Die Komposition von Arvo Pärt wirkt im Vergleich zu den anderen beiden Hauptwerken des Abends geradezu minimalistisch. Ausschließlich Streicher und eine Glocke schreibt der estnische Komponist vor. Eine einzige Melodie zieht sich durch diese Musik. Und trotzdem zaubert das Orchester daraus eine kaum zehn Minuten lange musikalische Verklärung. Geradezu himmlisch gelingt dieses Denkmal.

Das liegt auch daran, dass Pärt einen eigens entwickelten Tintinnabuli-Stil verwendet. Würde sich der 64 Jahre alte Ausnahmekomponist vermehrt größeren Arrangements widmen, könnte er ohne weiteres die Stellung des estnischen Nationalkomponisten übernehmen. Einen beeindruckenden Ausdruck seiner Musik transportiert dieses Orchester jedenfalls vollkommen.

Nach dieser tadellosen Performance wünscht man dem in Tallinn geborenen Dirigenten etwas mehr Mut. Anstatt den Eindruck von Pärts Werk mit störendem Applaus zu überdecken, hätte sich ein nahtloser Übergang zu Schostakowitschs Symphonie regelrecht aufgedrängt. Stattdessen wählt Järvi die übliche Variante, verneigt sich und betritt einige Male erneut die Bühne, bevor es weitergeht. Schade – ein direktes Anknüpfen hätte beide Kompositionen noch aufgewertet.

Dennoch gelingt dem von Järvi im Jahr 2011 gegründeten Orchester Großes. Den ersten Satz von Schostakowitschs 6. Symphonie durchdringen die Musiker in einer Tiefe, wie sie sich wohl nur der Komponist selber hat vorstellen können.

Diese Musik zittert so sehr vor Spannung, dass selbst die ruhigen Stellen Gänsehautgefühl auslösen. Der Eindruck von „Frühling, Freude und Jugend“, den der Komponist zu Lebzeiten selber heraufbeschworen hat, mag sich zwar nicht einstellen. Dafür wirken häufige Tremoli der Streicher und tiefe Basseinwürfe zu bedrohlich. Einige Blechmotive mag man gar als Angstschreie oder Aufbruchssignale interpretieren. Dem Orchester gelingt hier ein Beispiel künstlerisch vollendeter Klasse. Besonders beeindrucken können die beiden Flöten, die in einem sehr schwer zu blasenden Solo-Spiel zu Höchstleistungen auflaufen.

Zum langen und eher in sich gekehrten ersten Satz bieten die zwei darauffolgenden kurzen Sätze einen krassen Kontrast. Übertrieben tänzerische Motive kippen immer wieder in brachiale Marschrhythmik. Schrille Kontraste der Trompeten und Holzbläser überdecken stellenweise das ansonsten sehr virtuose Spiel des Orchesters. Hier ist sie wieder, diese Schärfe im Klang, die schon im Violinkonzert von Brahms ambivalent gewirkt hat.

Leider schadet das an einigen Stellen dem Gesamtklang. Motive und Signale schmettern regelrecht aus dem Orchester hervor, im Tutti aber verwaschen die Stimmen. Besonders schade ist es um den fast zu schnell gespielten dritten Satz. Die Details verlieren sich im hastigen Spiel. So gehen einzelne Akzente in den Nebenstimmen, aber auch die Schläge des Tamtams im Gesamtklang ungehört unter. Schade – ein bisschen mehr Detailverliebtheit hätte hier geholfen.

Vielleicht war das aber auch die Absicht des 55 Jahre alten Dirigenten, der dadurch dem grotesken, fast schon platten Ausgang der Komposition Kontur verleiht. Der Ausdruck erreicht jedenfalls das Publikum des unverdient nur halb vollen Saals. Die Zuschauer schenken dem estnischen Vorzeige-Ensemble Standing Ovations, woraufhin die Musiker aus dem landeseigenen Repertoire schöpfen. Den Walzer von Lepo Sumera zum Film „Die Frühlingsfliege“ sowie von Hugo Alfvén den „Tanz des Bergmädchens“ aus „Der Bergkönig“ spendieren sie als Zugabe und werden dafür ebenfalls gefeiert. Scheinbar gehört es zum guten Ton, in der Reihe der „Meisterkonzerte“ mehr für sein Geld zu bekommen, als man bezahlt hat.

Daniel Janz, 24. Januar 2018, für
klassik-begeistert.de

Foto: Julia Baier

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.