Mit Hingabe und Leidenschaft

450 Jahre Staatskapelle Berlin, Impressionen,  Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim

Symbolfoto: Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Berlin.

Die Staatskapelle Berlin feiert 450 Jahre Bestehen – Impressionen von der Jubiläumswoche

von Kirsten Liese

Der Anblick des halbleeren Saals der Berliner Staatsoper erscheint beim Betreten noch ungewöhnlich. Nur knapp 500 Zuschauer sind zugelassen. Und damit nicht etwa jemand auf die Idee kommt, sich umzusetzen, wurden alle Stühle, die mit Rücksicht auf die Abstandsregeln nicht verkauft wurden, nach Museumspraxis mit einem Sperrband markiert.

Aber unübersehbar brachten die Musiker ihre unbändige Freude zum Ausdruck, erstmals seit dem Lockdown in großer Formation wieder spielen zu dürfen. Abend für Abend musizierten sie mit einer Hingabe und Leidenschaft, als ginge es ums Überleben.

Dieses Phänomen ist nicht neu. Zeitzeugen, die 1945 nach Kriegsende Konzerte im Berliner Titania-Palast oder Vorstellungen in Neu-Bayreuth besuchten, berichteten ähnlich, dass in Krisenzeiten emotionaler musiziert werde als sonst. Nur mit dem Unterschied, dass die Säle damals gerammelt voll waren und die kulturell ausgehungerten Menschen an den Kassen Schlange standen.

Die Berliner Staatskapelle hat nun bewiesen, dass in Krisenzeiten auch bei wenig anwesendem Publikum genauso mitreißend musiziert wird. Zumal die Musiker wissen, dass da nur wegen Corona-Auflagen so wenige Leute sitzen. Zum Festkonzert selbst überließ Daniel Barenboim die Redebeiträge, wie es nun so Usus ist, der Politik. Aber was er am Ende des ersten Abends sagte, an dem er mit den ersten beiden Sinfonien seinen Beethoven-Zyklus einleitete, war eigentlich das Beste: Dass er dem Publikum für das Kommen danke, weil es so wichtig sei zu begreifen, dass Musik nun mal nicht virtuell im Internet entstehe, sondern im Raum!

Eben das drückte sich bei den Wiedergaben aus, egal bei welcher Sinfonie Beethovens, besonders freilich bei den großen Prüfsteinen, der Eroica, der Fünften und der Siebten, die auch beim Festkonzert noch einmal auf dem Programm stand: Das kraftvolle Musizieren wirkte wie ein Aufbäumen gegen die Zersetzung des Musik- und Konzertbetriebs, dem finanziell die Mittel auszugehen drohen, wenn das alles so weitergeht.

An den teils sehr raschen Tempi, die Barenboim insbesondere in den Finalsätzen vorgab, nehme ich deshalb auch keinen Anstoß, verband sich damit doch energetisch eine sagenhafte Wucht.

Daniel Barenboim © Warner Music Germany / Ricardo Davila

Aber auch alle anderen Qualitäten, mit denen das Orchester einen Rang unter den europäischen Spitzenorchestern behauptet, wurden in der Jubiläumswoche hörbar: die zärtlich schöne Tongebung der Holzbläser in ihren Soli und der berühmte warme, volle Klang in den Streichern,  den einst schon Richard Strauss und Wilhelm Furtwängler pflegten, und  den Daniel Barenboim in seiner mittlerweile drei Jahrzehnte währenden Ära weiter so bewahrt und kultiviert hat. – Anders als Simon Rattle, der sich mit den Berliner Philharmonikern sehr weit von ihren Traditionen fortbewegte.

Jedenfalls habe ich in Berlin einen vergleichbar packenden Beethoven-Zyklus lange nicht mehr gehört.

Staatsoper Unter den Linden, Berlin. Foto: Kirsten Liese

Wenn ich an dieser Stelle nicht über die Aufführung von Beethovens Neunter unter freiem Himmel auf dem Bebel-Platz schreibe, mit 2000 Zuschauern wohl das größte musikalische Berliner Großereignis der vergangenen Tage, dann nur deshalb, weil ich diesen Abend leider aus terminlichen Gründen auslassen musste. Lese ich einige Facebook-Einträge von Mitwirkenden, muss dieser Abend ebenfalls eine Wucht gewesen sein.

Das Programm des vom ZDF aufgezeichneten Festkonzerts am 11. September stand in klaren Bezügen zur langen Geschichte des Orchesters, das sich 1570 mit einem kleinen Pulk von 13 Musikern formierte und  1742 als Königlich Preußische Hofkapelle weiterentwickelte.

So wie sich die Berliner Staatskapelle seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend auch der zeitgenössischen Musik verpflichtete, was sich etwa  in der Uraufführung von Alban Bergs  Wozzeck durch Erich Kleiber (1925) oder Paul Hindemiths Sinfonie Mathis der Maler (1934) durch Wilhelm Furtwängler ausdrückte, erscheint es nur konsequent, dass ein Auftragswerk zur Uraufführung kam:  Zeitensprünge – 450 Takte für ein Orchester  hat Jörg Widmann, an den dieser Auftrag erging, seinen Spaziergang durch die Orchesterhistorie überschrieben.

Er beginnt mit dem Zitat eines Chorsatzes seines Namensvetters Erasmus Widmann aus dem 16. Jahrhundert, also jener Zeit, in der die Staatskapelle ihre Anfänge hatte. Freilich verbinden sich diese Klänge bald mit Dissonanzen und allerhand Clustern, die dann mit leichten Entfremdungen auf ein weiteres Zitat des vielleicht berühmtesten Werks der Romantik anspielen, das die Kapelle 1821 uraufführte, Carl Maria von Webers Freischütz. In der programmatischen Idee dieses, mit exakt 450 Takten auf das Jubiläum der Kapelle zugeschnittenen Stücks, liegt denn auch sein Reiz. Die Cluster, die Widmann zwischen seinen Stilkopien aufbaut, erschienen mir doch etwas nichtssagend und beliebig.

Freilich durfte auch das Vorspiel zu Wagners  Meistersingern  nicht fehlen. Unter allen Wagneropern, die seit vielen Jahrzehnten zum Kernrepertoire des Orchesters gehören, nehmen sie eine besondere Stellung ein. Gleich zwei Mal ertönten sie zur Eröffnung der wiederaufgebauten Staatsoper 1942 und 1955. Feierlich und majestätisch ließ Barenboim das Vorspiel erstrahlen.

Am Ende war der Saal zwar immer noch halbleer, aber so wie er nach der Siebten herzlich mit Beifall gefüllt wurde, fühlte er sich anders an. So schön habe der Applaus zuvor nie geklungen, merkte Barenboim, dies allerdings schon nach seinem Auftritt am ersten Beethovenabend, augenzwinkernd an. Nicht zuletzt mit einer Prise Humor haben er und seine Kapelle aus diesem Jubiläum das Beste gemacht.

Kirsten Liese, 13. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Ein Gedanke zu „450 Jahre Staatskapelle Berlin, Impressionen,
Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim“

  1. Hören gerade die 9. Es ist unglaublich schön, diese Aufführung im Fernsehen zu hören. Wir bedanken uns, dass dieses Konzert übertragen wird. VIELEN DANK!

    Ursula Beuscher

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