Das Macbeth-Ensemble beim Schlussapplaus: Colin Aikins (Malcom), Alexander Vinogradov (Banco) Tomas Hanus (musikalische Leitung), Rainer Sellmaier (Bühne und Kostüme), Nino Machaidze (Lady Macbeth), Tobias Kratzer (Inszenierung), Kartal Karagedik (Macbeth), Dovlet Nurgeldiyev (Macduff) (Foto: RW)
Hamburgische Staatsoper +++ PREMIERE +++ 12. September 2026 +++
Tobias Kratzer zeigt, warum die Lady dem Wahn verfällt, sie wird sichtbar von der Erkenntnis ihres mörderischen Tuns niedergedrückt. Macbeth versucht sie, während sie ihre Wahnsinnsarie singt, händeringend aus den Fängen des Todes zu befreien. Es gelingt ihm nicht, er ergibt sich seinem Schicksal.
Macbeth, Oper von Giuseppe Verdi
Ein Opernthriller über die Macht des Schicksals und die Verlockungen der Macht
Inszenierung: Tobias Kratzer
Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Leitung: Tomas Hanus
von Dr. Ralf Wegner
Wenn man so will, es gab ein düsteres Einheitsbühnenbild in Form eines griechischen Theaters. Auf den Stufen saß der Chor, im vorderen Halbrund spielen sich die Geschehnisse ab. Zwischendurch regnet es auch feinnieselig auf die Bühne und zu oft blendet eine am unteren Bühnenrand angebrachte Lichtbatterie das Publikum. Die musikalische Seite war durchwachsen. Hat es sich trotzdem gelohnt? Vom Ende aus gesehen, ja.

Tobias Kratzer fühlt mit den Mördern und den Gemordeten. Macbeth und die Lady erscheinen in einem etwas besseren Licht, Macduff schlitzt dagegen dem Macbeth zugedichteten Sohn als Rache die Kehle auf. Es ist ein klug inszeniertes, immer von den Hexen, den Choristen und Statisten beobachtetes Kammerspiel, das sich vor unseren Augen abspielt. Kratzer lässt Macbeth morden, aber auch leiden; im vierten Akt schauen er und seine Lady mit zunehmender Verzweiflung und von Reue geplagt auf die Not ihrer Untertanen und empfinden mit Macduff, der um seine tote Frau und seine gemordeten Kinder trauert.
Kratzer zeigt, warum die Lady dem Wahn verfällt, sie wird sichtbar von der Erkenntnis ihres mörderischen Tuns niedergedrückt. Macbeth versucht sie, während sie ihre Wahnsinnsarie singt, händeringend aus den Fängen des Todes zu befreien. Es gelingt ihm nicht, er ergibt sich seinem Schicksal.
Tobias Kratzer hat mit Nino Machaidze als Lady und Kartal Karagedik als Macbeth glaubwürdige Darsteller. Und im vierten Akt überzeugen beide auch musikalisch. Über weite Strecken wirken sie allerdings stimmlich überfordert. Vor allem fehlt Machaidze für die Briefzene die nötige voluminöse Tiefe sowie die notwendige farbliche Modulationsfähigkeit in der Mittellage. Die ausgeprägten Tonhöhensprünge klingen bei ihr wenig ausgeglichen und im Forte neigt die Stimme zum grellen Klang.
Im Programmheft wird die gesangliche Voraussetzung für die Partie der Lady ganz gut beschrieben: Wilde Ausbrüche…extrem anspruchsvolle, dramatische Partie….. rasche Registerwechsel, längere Passagen in tiefer Lage gekoppelt an exponierte Höhen und Koloraturen. Insoweit ist Nino Machaidzes immer noch lyrischer Sopran für die dramatische Partie der Lady Macbeth fehlbesetzt. Höllenglut, das rasend Böse vermag sie stimmlich nicht auszudrücken.
Und hier zeigt sich auch ein Haken der Inszenierung von Kratzer. Sie hat einen Sohn, der neben ihr spielt. Es ist wenig glaubwürdig, dass eine sich um ihr Kind sorgende Mutter den Gatten zu entsetzlichen Morden anstiftet, zumal sie ja schon gehört hat, dass ihr (bei Verdi nicht vorhandener) Sohn nicht der Nachfolger auf dem Königsthron werden wird. Aber bei Kratzer kann das Böse, so scheint es, auch mit dem Guten in derselben Person um die Vorherrschaft ringen oder sogar gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Die Wahnsinnsarie gelingt Machaidze schöner, allerdings ist sie auch technisch nicht so anspruchsvoll wie die Briefszene. Dass der ihr entgleitende Geist stimmlich nicht so zum Ausdruck kommt, fällt nicht weiter auf, denn die von Tobias Kratzer angedachte szenische Gestaltung erklärt ihren Zustand, die Lady verliert sich im Schöngesang.

Kartal Karagedik muss sich natürlich an seinen Vorgängern auf der hiesigen Bühne messen lassen, und da ist der Schatten von Franz Grundheber gewaltig präsent. Allein wie Grundheber die geistige Verwirrung während des Banketts und auch die Arie im dritten Akt mit Stimmglut, Farbreichtum und Höhenglanz gestaltete, bleibt wohl allen im Gedächtnis, die diesen Ausnahmebariton jemals als Macbeth erleben durften. Karagediks Stimme fehlt es oft an Durchschlagskraft und an Glanz, vor allem in der Höhe, um die Verdischen Töne voll zum Klingen zu bringen. Im vierten Akt gelang ihm das besser. Zu wünschen wäre, dass er sich im Laufe dieser Serie weiter frei singt.
Dovlet Nurgeldiyevs (Macduff) Arie O figli, o figli miei erwies sich als gesanglicher Höhepunkt des Abends. Wie er um seine hingemordete Familie trauerte, ging tief zu Herzen. Es ist nicht nur seine Stimmfarbe und das freie Fließen seines Tenors, sondern vor allem die emotionale Durchdringung dessen, was er singt. Von Alexander Vinogradov hätte ich als Banco noch etwas mehr Bassgewalt erwartet; Colin Aikins beeindruckte mit sehr schönem Tenormaterial als Duncans Sohn Malcom. Die Nebenpartien waren mit Mariana Poltorak als Dame der Lady, Chao Deng als ihr Arzt, Christopher Jähning als Double Macbeths und Ines Lopez Fernandez als Double der Lady stimmschön besetzt.

Zu loben ist auch die Leistung des Chores unter der Leitung von Alice Meregaglia sowie das Dirigat von Tomas Hanus. Das Publikum schien mir am Ende überwiegend begeistert gewesen zu sein. Tobias Kratzer und sein Bühnenbildner Rainer Sellmaier holten sich einzelne, in meinen Augen völlig unberechtigte (wenn man von den ständigen Blendungen absieht) Buhrufe ab. Die letzte Frage, würde ich es mir noch einmal ansehen? Die Antwort lautet ja, unbedingt.
Dr. Ralf Wegner, 13. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Giuseppe Verdi, Macbeth Hamburgische Staatsoper, PREMIERE, 12. September 2026
Giuseppe Verdi, Macbeth, Musikalische Leitung Riccardo Muti Teatro Regio Torino, 26. Februar 2026
Giuseppe Verdi, Macbeth Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus, 29. August 2025