Fotos: Copyright by Diana Hillesheim
Ein gehöriges Maß an britischem Selbstbewusstsein gehört schon dazu, um dem Frankfurter Publikum beim Saisonauftakt der Museumskonzerte gleich zwei Komponisten von der eigenen Insel auf die Pulte zu legen. Alexander Soddy hat dieses Selbstbewusstsein. Mehr noch: Er besitzt die Gabe, den Großen Saal der Alten Oper nicht in ein staubiges Musentempel-Archiv zu verwandeln, sondern in eine Werkstatt für historische Gerechtigkeit. Wer geglaubt hatte, nach den Sommermonaten erwarte den abonnierten Musikfreund das gewohnte Aufwärmen bekannter Repertoire-Schlager, sah sich bereits in den ersten Minuten eines Besseren belehrt.
Alte Oper Frankfurt, 21. September 2026
Dorothy Howell
Lamia – Sinfonische Dichtung
Edvard Grieg
Klavierkonzert a-Moll op. 16
Sir Edward Elgar
Sinfonie Nr. 1 As-Dur op. 55
Martin Stadtfeld, Klavier
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Alexander Soddy, musikalische Leitung
von Dirk Schauß
Den Beginn machte eine Unbekannte, die zu Lebzeiten immerhin als „weiblicher Richard Strauss“ firmierte – ein Etikett, das ihrer kühlen Architektur der Orchesterfarben freilich nur unzureichend gerecht wird.
Dorothy Howells sinfonische Dichtung über die mythologische Schlangenfrau Lamia aus dem Jahr 1919 ist ein opulentes Stück Spätromantik, ein dichtes Gewebe aus Sehnsucht, Angst und schillernden Farben. Es braust und rauscht ungeniert durch die Reihen. Howell war allerdings keine bloße Effekthascherin, sondern eine präzise Baumeisterin klanglicher Räume.

Soddy fächerte diesen spätgründerzeitlichen Stoff mit Akribie auf. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester folgte ihm mit einer Wucht und Sonorität, die staunen machte. Dazwischen schob sich ein fein aushorchendes Violin-Solo (wunderbar: Konzertmeister Dimiter Ivanov) , spinnwebfein gewoben, ein luftiges Gegengewicht zum mächtigen Wogen des Tuttis. Dass Howell nach solch einer erfolgreichen Uraufführung später nur noch sakrale Töne anstimmte und jahrzehntelang an der Royal Academy das Kontrapunkt-Einmaleins lehrte, wirkt wie eine historische Ungerechtigkeit. In Frankfurt bewies das Orchester unter Soddys aufmerksamer Hand, dass diese Partitur einen Stammplatz im Konzertsaal verdient hätte.

Dann trat Martin Stadtfeld an den Flügel. Man kennt die Gefahr bei Edvard Griegs a-Moll-Konzert: Zu oft wird dieses Prachtstück norwegischer Naturromantik als virtuose Sprungbude missbraucht, in der Tastenhacker ihre Muskeln spielen lassen und der mittlere Satz in klebriger Larmoyanz versinkt. Stadtfeld verweigert sich diesem Zirkus konsequent. Er trat auf, setzte sich und spielte. Punkt. Kein pathetisches Augenrollen zum Publikum, keine inszenierte Ekstase. Was folgte, war eine Lektion in Sachen dramatischer Ökonomie.
Stadtfeld wählte einen herben, bisweilen knappen Ansatz. Seine Artikulation wirkte glasklar, die Architektur des Dreisätzers lag offen wie eine Kathedrale. Kein Weichzeichner, nirgends. Die berühmte Kadenz des ersten Satzes geriet nicht zum lauten Spektakel, sondern zur inneren Einkehr, durchsetzt von klaren, kraftvollen Trillern, die ohne künstlichen Glanz in den Raum schnellten. Das Adagio folgte ohne metaphysisches Gehabe oder das typische künstliche Beiwerk, das Interpreten gern um langsame Sätze machen – samtig abgetupft und von einer wohltuenden, trockenen Wärme. Im finalen Springtanz, diesem ungestümen norwegischen Halling, zelebrierten Pianist und Orchester eine knackige Rhythmik.

Soddy erwies sich am Pult als wendiger Partner, der den Solisten nie zudeckte, sondern die Akzente präzise parierte. Der Applaus fiel stürmisch aus. Stadtfeld wählte als Zugabe das Siciliano aus Johann Sebastian Bachs zweiter Flötensonate, leise, durchsichtig und vollkommen unprätentiös. Ein kühles Glas Wasser nach dem nordischen Tanz.
Nach der Pause folgte die eigentliche Mutprobe des Abends: Edward Elgars erste Sinfonie As-Dur. Ein Koloss von gut fünfzig Minuten Spieldauer, in Deutschland noch immer argwöhnisch beäugt und oft fälschlicherweise als dröhnendes Empire-Pathos abgetan. Soddy, der das Werk bereits für die Tonträgerindustrie eingespielt hat, weiß es besser. Er entkleidete die Partitur von jedem falschen Stolz und legte das intellektuelle Gerüst frei.
Der majestätische Marsch zu Beginn, dieses leise, unerbittlich wiederkehrende Hauptthema, schlich sich mit unheimlicher Ruhe in den Raum. Soddy verstand es ausgezeichnet, die feinen Verästelungen dieser Tonfolge durch die Folgesätze zu schleusen und zu modulieren. Nichts wirkte gepresst, die Proportionen scharf. Im virtuosen Scherzo feuerte das Orchester punktgenaue rhythmische Salven ab, ohne die Balance des Gesamtklangs zu gefährden. Den Höhepunkt bildete das ausladende Adagio.

Hier ließ Soddy die Bögen atmen, ohne ins Schwülstige abzugleiten. Die Musik wuchs langsam, schier unaufhaltsam zu einer beachtlichen Pracht heran, die ihren Nährboden aus der disparaten Harmonik Elgars zog. Das Finale geriet zum stilistisch gefestigten Triumphgesang, bei dem das Frankfurter Opern- und Museumsorchester königlichen Glanz entfaltete. Besonders die Blechbläser setzten die wiederkehrenden Fanfaren mit metallischer Klarheit und zugleich nobler Zurückhaltung, während die Streicher ein Fundament von bemerkenswerter Dichte legten. An allen Positionen waren Bestleistungen zu erleben.
So endet ein Konzertabend, der keine Wünsche offenließ. Keine Mogelpackungen, keine lauen Kompromisse, sondern ein Einstand nach Maß. Wer die musikalische Saison mit einer derartigen Schärfe und Hingabe beginnt, darf den kommenden Aufgaben gelassen entgegenblicken.
Die Frankfurter Museumsgesellschaft hat bewiesen, dass man auch ohne die ausgetretenen Pfade des Standardrepertoires einen Abend gestalten kann, der im Gedächtnis haftet.
Dirk Schauß, 22. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Martin Stadtfeld Klavier, Bachs Goldberg-Variationen Sendesaal Bremen, 12. September 2026
Gewandhausorchester Leipzig, Andris Nelsons Alte Oper Frankfurt, 17. Mai 2026
London Symphony Orchestra, Denis Kothukhin, Sir Antonio Pappano Alte Oper Frankfurt, 30. April 2026