Omer Meir Wellber foppt das Hamburger Publikum – Die Große Stille, eine Mozart-Premiere

PREMIERE: Die Große Stille, In fernen Welten, Mozarts Musik neu entdecken  Hamburgische Staatsoper, 15. März 2026

Omer Meir Wellber vor den Mitgliedern des Philharmonischen Staatsorchesters (Foto: RW)

Die ersten 40 Minuten ähnelten einer Oberstufen-Klassenaufführung, die gestandene Sängerinnen und Sänger unter die Knute des Mikrophons zwang. Aus Operngängersicht eigentlich eine Unverschämtheit. Der Orchestergraben war bis dato völlig verdeckt, so dass kaum eine Besserung zu erwarten war, was zum vorzeitigen Abgang einiger Zuschauer führte. Hätten sie Omer Meir Wellbers Fopperei doch abgewartet!!!


Die Große Stille, In fernen Welten, Mozarts Musik neu entdecken

Musiktheaterprojekt von Christopher Rüping, Omer Meir Wellber und Malte Ubenauf mit Musik von Wolfgang Amadeus Mozart, u.a. Apollo et Hyacinthus, KV 37, 1767

Inszenierung: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme; Lene Schwind

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Leitung: Omer Meir Wellber

Hamburgische Staatsoper, Premiere, 15. März 2026

von Dr. Ralf Wegner

Der Star des Abends war das Orchester unter der Leitung seines Generalmusikdirektors. Welche Durchsichtigkeit der Instrumente, was für dynamische Abstufungen und welche innere Beseeltheit erreichten aus dem schließlich doch noch teilgeöffneten Orchestergraben den Saal. Das war fesselnd von Anfang bis zum Ende, so dass die ersten vierzig Minuten, während der einige Premierengäste ob der Verkaraokung Mozartscher Weisen bereits den Zuschauerraum verließen, im Nachhinein vergessen werden konnten.

Die zweite Überraschung des Abends gelang dem Mitglied des Hamburger Internationalen Opernstudios Marie Maidowski als Melia in Mozarts Frühwerk Apollo et Hyacinthus. Anders als Ana Durlovski (Aliena), deren Koloraturen eher flach und spitz gerieten, führte Maidowski ihren farbreichen, kraftvollen und in der Höhe wie in der Mittellage vollrund ohne jede Schärfe klingenden Sopran durch die Partie der angebeteten Melia. Ihr nicht nach stand, mit klangvoller Tiefe, die bereits arrivierte Mezzosopranistin Kayleigh Decker als lügnerischer Zephyrus. Gregory Kunde sang mit unverändert strahlkräftigem, trotz seines Alters nach wie vor kaum vibratogetrübtem Tenor Oebalus bzw. den Kommandeur des Wellber’schen Raumschiffs. Optisch ähnelte er sehr dem Schauspieler Lorne Green, dem Commander Adama der Science Fiction Serie Kampfstern Galaktica.

Damian Rebgetz (Hyacinthus), Marie Maidowski (Melia), Kayleigh Decker (Zephyrus), Ana Durlovski (Aliena), Omer Meir Wellber (musikalische Leitung), Gregory Kunde (Oebalus), Hubert Kowalczyk (Telon) (Foto: RW)

Damit zur Handlung: Etwa 40 Reisende (Chor, Sänger, Komparserie) verbringen ihr Leben auf einem ferne Galaxien zusteuernden Raumschiff. Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende sind vergangen und niemand erinnert sich mehr an den Sinn der Requisiten, die einst dem Schiff mitgegeben wurden, so ein riesiger Modellfuß, eine modellierte Hand mit erhobenem Zeigefinger und vor allem das intensiv von dem Schauspieler Damian Rebgetz besprochene Giorgione-Gemälde Das Gewitter. Blitz, Donner und Regen erinnerten ihn an uralte Zeiten, Mann und Frau seien nur noch Legenden, die Körperflüssigkeiten ausgetauscht hätten.

Wie sich das auf dem Schiff gefangene Bühnenpersonal vermehrt hat, blieb bis zum Schluss, als ein auf die Bühne gehievtes riesiges weißes Ei zu bersten begann, unklar. Im Zentrum der Vergnügungen der Reisenden stand allerdings ein Bildschirm, der verschiedene Texte (u.a. Goethes Veilchen, Mozart KV 476) zwecks Karaokeeinlagen zum Besten gab.

Bis dahin ähnelte alles einer Oberstufen-Klassenaufführung, die gestandene Sängerinnen und Sänger unter die Knute des Mikrophons zwang. Eigentlich eine Unverschämtheit, die noch dadurch erweitert wurde, dass Omer Meir Wellber sich noch an eine Art Digitalpiano setzte und von dort sein Bestes dazugab. Der Orchestergraben war bis dato völlig verdeckt, so dass aus Publikumssicht kaum eine Besserung zu erwarten war, was zum oben genannten Abgang einiger Zuschauer führte. Hätten sie doch abgewartet.

Aus dem Hintergrund, also von außerhalb des Raumschiffs, erscholl eine Stimme, die zum Schrecken der Reisenden um Einlass bat. Es hätte Doctor Who aus der gleichnamigen, seit 1963 unverändert laufenden britischen Sci-Fi-Serie sein können (der in der Lage ist, sich mit einer Police-Box in weit entfernte Raumschiffe beamen zu lassen). Es handelt sich aber nicht um David Tennant oder Peter Capaldi, zwei Darsteller des Doctors, sondern um Ana Durlovski als göttliche Abgesandte Aliena (bzw. Apoll).

Giorgione: Das Gewitter, 1508, Öl auf Leinwand, 82×73 cm, Venedig: Accademia (Foto: RW)

Damit begann die etwas gekürzte, von dem erst elfjährigen Mozart komponierte Oper Apollo et Hyacinthus, in der der eifersüchtige Zephyrus den Bruder der von ihm angebeteten Melia tötet und die Tat Aliena in die Schuhe schiebt. Aliena muss daraufhin das Raumschiff verlassen. Hyacinthus ist aber noch nicht ganz wirklich tot und kann die Sachlage aufklären. Aliena kehrt zurück und hinterlässt auf dem Schiff das riesige weiße Ei. Die Schale knackt, das Licht erlischt. Was sich aus dem Ei hervorpellt oder welches Schicksal den Raumschiff-Reisenden blüht, bleibt offen.

Das ist aber auch nicht so wichtig, denn unter Wellber spielte das Orchester zum Ende hin noch einmal rasant auf. Geboten wurden Auszüge aus dem Adagio des IV. Satzes des Streichquintetts g-Moll, KV 516, in der von Keren Kagarlitsky bearbeiteten Fassung für Kammerensemble bzw. Orchester.

Dr. Ralf Wegner, 16. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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