Yoel Gamzou © Karpati Zarewicz
Als ich Yoel Gamzou unweit der Hamburgischen Staatsoper, im Ristorante Favoloso, zum Mittagessen getroffen habe, hätte es etwas zu feiern gegeben. Tags zuvor ging über die Ticker, dass der israelisch-amerikanische Dirigent ab der Spielzeit 2026/27 Musikdirektor des Teatr Wielki (Polnische Nationaloper) wird. Doch statt Champagner zu ordern, haben wir hart gearbeitet. Das Ergebnis lesen Sie bitte hier bei klassik-begeistert.
Jörn Schmidt im Gespräch mit Yoel Gamzou (Teil I)
klassik-begeistert: Kochen Sie gerne?
Yoel Gamzou: Zwei mal im Jahr koche ich, und meistens ist das Ergebnis schlecht. Aber eine einzige, sehr spezielle Pasta-Sauce, die gelingt mir sensationell.
klassik-begeistert: Unsere Leser möchten das sicher mal nachkochen, was gehört auf den Einkaufszettel?
Yoel Gamzou: Das kann ich nicht offenlegen, ist ein Geheimrezept.
klassik-begeistert: Der französische Koch Paul Bocuse meinte, dass ein Rezept keine Seele habe, er arbeitete deshalb zuvörderst mit Instinkt, Lust und Intuition – so wie Sie mit einer Partitur umgehen?
Yoel Gamzou: Nur Intuition funktioniert nicht, das würde der Komplexität der Werke nicht gerecht. Genau so, wie nur Ratio, oder Mathematik, die Seele eines Werkes verfehlen würde. Wichtig ist, Intuition und Ratio in das richtige Verhältnis zu setzen. Die Noten einer Partitur, so wie auch die Buchstaben eines Rezepts, sind eben nur eine Einladung auf eine Reise, gleich einer Landkarte. Das Werk tritt erst mit der Aufführung ins Leben.
klassik-begeistert: Gibt es weitere Zutaten für ein ergreifendes Dirigat?

Yoel Gamzou: Eine gute Kombination von Intuition und Ratio sind mehr als die halbe Miete, vielleicht 80%. Die restlichen 20% sind nicht erklärbar … Ich versuche dennoch, dieses gewisse Etwas zu ergründen, das in der Aufführung stattfindet. Man musiziert ja nicht allein. So wie es keine definitive Fassung eines Werkes gibt, sondern nur Konzepte oder Startpositionen. Daher entsteht das Werk jedes Mal neu und anders – mit jedem Orchester, mit jedem Musiker. Das Wichtigste beim Dirigieren ist, mit den Musikern einen Dialog zu finden. Wenn alle ihre Herzen öffnen und sich verletzbar machen, dann besteht die Chance, dass das Werk am Abend größer wird als die Summe seiner Teile!
klassik-begeistert: Wenn Sie etwas beim Kochen falsch machen – und das scheint ja öfters mal der Fall zu sein – dann schmeckt es nicht. Zu salzig, die Sauce klumpt, oder was auch immer. Vorausgeschickt, dass Sie ganz phantastisch dirigieren, was kann man als Künstler falsch machen?
Yoel Gamzou: Es gibt bei der Interpretation keine Wahrheit. Wenn Kollegen von richtig und falsch sprechen in der Kunst, reagiere ich ganz und gar allergisch. Wir sind alle nur Suchende und sollte jemals der Moment kommen, wo ich meine, die Wahrheit gefunden zu habe – dann höre ich auf. Je mehr man der Partitur ihre Geheimnisse entlockt, um so mehr stellt man fest, wie viel es noch zu entdecken gibt. Ich wünsche mir und jedem Künstler, sich selbst jeden Tag zu hinterfragen und den Mut zu haben, alles was man gestern als richtig befunden hat, heute wieder falsch zu finden.
klassik-begeistert: Als Schüler waren Sie nicht immer brav?
Yoel Gamzou: [guckt erstaunt] Mit Systemen hatte ich immer schon meine Schwierigkeiten. Ich war auf sehr vielen Schulen, musste viel wechseln. Entweder aus eigenem Antrieb oder es wurde mir stark angeraten. Zum Beispiel, weil ich gemobbt wurde oder eben nicht ins System gepasst habe.
klassik-begeistert: Wie kann das sein?
Yoel Gamzou: Ich habe immer alles hinterfragt, vor allem Autorität bzw. Autoritäten. Wenn also die Antwort des Lehrers war: „Es ist richtig so, weil ich es sage“ – damit konnte ich nicht gut umgehen …
klassik-begeistert: Wo Sie doch als Dirigent selber eine Autorität sein müssen?
Yoel Gamzou: Ich war als Kind sehr still, aber auch sehr eigenwillig mit sehr starken Meinungen, wollte immer nur lesen und so meinen Weg gehen. Damit konnte nicht jeder Lehrer umgehen … aber ich hatte das große Glück, immer wieder Förderer gefunden zu haben, die mir Platz gegeben haben, meinen eigenen Weg zu finden. Auch wenn dieser oft unkonventionell war. Es ging, wie später auch in der Musik, immer um Vertrauen statt um Autorität.

klassik-begeistert: So wie den großartigen Carlo Maria Giulini, dessen letzter Schüler Sie waren. Genau genommen hatte Giulini in seinem Leben nur drei Schüler angenommen.
Yoel Gamzou: Wenn man so will waren wir keine Schüler, weil Giulini kein Lehrer war. Besser: Er war ein Lehrer, wie alle Lehrenden sein sollten – Giulini hat mich nie belehrt, sondern wir haben Gespräche über Musik geführt.
klassik-begeistert: Das mag ich kaum glauben …
Yoel Gamzou: Dann lassen Sie mich präzisieren – zu 98% bestanden die Gespräche aus Fragen, die Maestro Giulini mir gestellt hat. Er hat mir beigebracht, welche Fragen ich der Partitur stellen soll. Und mir selbst. Diese Fragen helfen mir bis heute, und ich verstehe einiges davon erst jetzt, viele Jahre nach seinem Tod. Es ging nie darum, ob meine Antworten richtig oder falsch waren. Nur darum, dass ich lerne, welche Fragen ich mir selbst stellen soll, und welche Konsequenzen sie haben.
klassik-begeistert: Was waren das für Fragen?
Yoel Gamzou: Was ist für Dich hier die wichtigste Stimme, wo führt sie hin? Was musst Du tun, um dies oder jenes hörbar zu machen? Was sagt uns das hier über das Tempo? Welche innere Stimme ist die Wichtigste? Wie schnell verändert sich der harmonische Rhythmus? Was bedeutet das für das Tempo, für die Rubati? Wenn Du das tust, was passiert dann? Die viele Fragen können einen jungen Menschen schon sehr verunsichern und frustrieren – aber rückblickend war das das Beste, was mir in meiner Laufbahn je passiert ist.
klassik-begeistert: Wie sind Sie zu Giulini gekommen?
Yoel Gamzou: Ich bin zu ihm gegangen, weil er für mich der letzte große lebende Dirigent war. Aber wenn Sie gleich fragen, warum er mich erhört hat? Das war ein Wunder, das ich schon oft erzählen musste …

klassik-begeistert: Wer waren die weiteren großen Dirigenten in Ihrem Leben?
Yoel Gamzou: Wilhelm Furtwängler – für mich der allergrößte Dirigent und das größte Vorbild. Er hat meine Stilistik am stärksten geprägt, aber auch die Auseinandersetzung mit dem „Warum“ hinter der Musik. Warum wir überhaupt Kunst machen. Dann Leonard Bernstein – zuvörderst als Künstlerperson. Er war eben ein Renaissance-Mensch und kein Spezialist. Die vielen Zusammenhänge, die viele Tätigkeiten, sein Interesse für viele Welten außerhalb der Musik. Das hat sehr stark inspiriert und tut es immer noch … Und Carlos Kleiber – wenngleich seine fast sektenartige Vergötterung durch viele Dirigenten mir manchmal unheimlich vorkommt.
klassik-begeistert: Ich hätte jetzt gedacht, Carlos Kleiber hätte Ihre ästhetische Prägung am stärksten beeinflusst?
Yoel Gamzou: Das ehrt und wundert mich zugleich! Ich bewundere Kleiber sehr für seine sanften, unmerklichen Übergänge zum Beispiel. Ich suche oft viel abruptere, radikale Tempowechsel in der Musik, was mir aber auch regelmäßig Kritik einbringt.
klassik-begeistert: [Der Autor Jörn Schmidt guckt etwas betreten]. Ich dachte wegen des Umgangs mit Blech, gerade die Trompete, und Pauke … wie wichtig diese Instrumentengruppen für Kleibers künstlerische Aussage waren.
Yoel Gamzou: In der Tat, das ist auch für mich sehr wichtig! Pauke und Trompete, aber vor allem die Kontrabässe – diese beeinflussen den Klang des Orchesters wie nichts anderes. So wie Sie sagen, suche ich häufig eine kontrastreiche Grundästhetik, sehr perkussiv und scharf.
klassik-begeistert: Warum findet sich so wenig Bernstein in Ihrem Dirigat?
Yoel Gamzou: Ich weiß nicht, das müssen Sie sagen! Um ehrlich zu sein, versuche ich eigentlich nie, andere Dirigenten nachzumachen oder Interpretationen zu imitieren. Ich höre auch so gut wie nie Aufnahmen von Werken, die ich gerade dirigiere. Ich bewundere Bernstein sehr, und er ist eindeutig einer der größten Mahler-Interpreten, die es je gab! Gerade aber bei seinen Mahler-Dirigaten habe ich manchmal Zweifel, ob es der Form guttut, wenn alle 5 Minuten ein noch größerer Höhepunkt gestaltet wird. Aber wer bin ich um Bernstein zu kritisieren – er ist ein Gigant, ohne den es Mahler in der Form heute nicht geben würde.
klassik-begeistert: Die Sinfonien von Gustav Mahler haben Sie inspiriert, zu dirigieren. Warum hätte Mozart – bei Ihnen – nicht die gleiche Wirkung entfalten können?
Yoel Gamzou: Ich finde, Musik muss Menschen sehr direkt bewegen. Ich bewundere Mozart zutiefst, wer nicht! Aber als ich Mahler zuerst gehört habe, hatte ich das Gefühl, ich höre die gleiche Stimme, die in meiner Seele spricht. Bei Mozart dagegen ist es die Bewunderung von etwas, das eindeutig genial, aber mir fremd ist. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass mich mein Weg später zu Mozart führt. Vielleicht sogar auch zu Bruckner! Obwohl, der ist mir schon sehr fremd …

klassik-begeistert: Dann stimmt es also doch, was man sagt: Wenn man Mahler liebt, kann man Bruckner nicht mögen?
Yoel Gamzou: Dieser Spruch ist so abwegig wie zu sagen, dass man nicht gleichzeitig Stravinsky und Schönberg mögen kann … Mir liegt Bruckner einfach nicht, andere Kollegen lieben beide. Ich finde solche Sprüche immer ziemlich banal … man kann alles lieben, was man halt liebt.
klassik-begeistert: Warum hat Mahler keine gescheite eigene Oper zu Papier gebracht?
Yoel Gamzou: Mahler hat vor seiner 1. Sinfonie zwei und eine halbe Oper geschrieben, die Noten dann aber vernichtet.
klassik-begeistert: Dabei war Mahler doch ein großer Operndirigent?
Yoel Gamzou: Ja, vermutlich wenn wir Aufnahmen von ihm gehabt hätten, wäre er, ähnlich wie von Bülow und später Furtwängler, als einer der Giganten der Dirigiergeschichte verewigt worden. Indes, komponieren und dirigieren sind zwei sehr verschiedene Geisteszustände. Mahler hat nur im Sommer komponiert, wenn er keine Verpflichtungen als Dirigent hatte. Da ich selber komponiere, kann ich das sehr gut nachvollziehen: Zum Ende der Saison, nach meiner letzten Vorstellung, brauche ich Distanz zu der Musik anderer Komponisten. Detox sozusagen … Erst dann kann ich wieder anfangen, meine eigenen, bescheidenen Motive im Kopf zu hören.
klassik-begeistert: Sie waren bis 2022 Generalmusikdirektor am Theater Bremen. Was hat Hamburg, also die Hansestadt, was Bremen nicht hat?
Yoel Gamzou: The Beatles.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Jörn Schmidt, 5. April 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Den zweiten und letzten Teil unseres Interviews mit Yoel Gamzou lesen Sie Montag, 6. April 2026, hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.
Interview: kb im Gespräch mit Maestro Carlo Goldstein, Teil I klassik-begeistert.de, 7. Februar 2026