Mendelssohns Violinkonzert begeistert als emphatische, elegante Darbietung

Christian Tetzlaff Violine, Jukka-Pekka Saraste Dirigent  Bremer Konzerthaus Die Glocke, 8. Mai 2026

Jukka-Pekka Saraste © Felix Broede

„Wiedersehen mit Christian Tetzlaff“

Magnus Lindberg  Jubilees
Felix Mendelssohn Bartholdy
  Violinkonzert e-Moll op. 64
Johannes Brahms
  Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

Christian Tetzlaff Violine
Jukka-Pekka Saraste  Dirigent
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Bremer Konzerthaus Die Glocke, 8. Mai 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Mendelssohns Violinkonzert gilt, auch wegen seiner eingängigen Melodik, als ausgesprochen populär. Bei seiner Interpretation verdeutlicht Geiger Christian Tetzlaff indes allein schon mit einem sportlich zupackenden Eingangstempo, dass er nicht auf schwelgerische Romantisierung setzt, sondern vielmehr die ausgeprägte Virtuosität und Raffinesse dieser meisterhaften Komposition betonen wird.
Und das tut er mit lupenreiner Intonation und perfekter Bogenführung. Mag es dabei streckenweise durchaus auch wahrhaft ungestüm drängend zugehen, so sorgen markante Akzente und unvermutete deutliche Rücknahmen in Tempo und Dynamik für eine gehörige Beruhigung des Geschehens; der grundlegend romantische Charakter bleibt so dennoch ausreichend erhalten in diesem mitreißenden Wechselspiel aus emphatischem Solo- und Orchestereinsatz und gemütvollen Ausführungen.

Violinistischer Elan und springbogige Elastizität

Im nahtlos anschließenden Mittelsatz wird es zwar deutlich ruhiger, aber niemals schleppend oder gar schwülstig; alles fließt pulsierend leicht, zwar etwas schneller als erwartet, jedoch mit feiner Süße, wenngleich nicht überzuckert. Gelegentlich dominiert das unter der umsichtigen Stabführung von Jukka-Pekka Saraste vif agierende Orchester eine Spur zu kernig gegenüber verhaltener angegangenen Geigenpartien; das berührend einfühlsam dargebotene Pianissimo zum Schluss des Satzes bringt indes auch wunderschöne Momente aquarellös zarter hochromantischer Klangfarbigkeit.

Eine Spur davon findet sich wieder in den Frage- und Antwortmotiven zu Beginn des letzten Satzes Allegro. Doch schon bald überwiegt die temperamentvolle Lebhaftigkeit des „molto vivace“. Mit violinistischem Elan und lockerer springbogiger Eleganz und Elastizität absolviert Tetzlaff die unzähligen filigranen Figurationen; das Orchester hält munter aufspielend dagegen. Der grandiose Sturmlauf steigert sich zum tosenden Fortissimo, so als seien alle dynamischen Schleusen weit geöffnet. Wer Mendelssohn bislang eher als Meister des Schönklangs wahrgenommen hat, erlebt ihn hier in einer wahrhaft packenden, ungemein mitreißenden Darbietung!

Mit seiner Zugabe, der Partita No. 3, II. Loure, erweist sich Tetzlaff anschließend auch noch als äußerst feinfühliger Bach-Interpret.
Etwas schwierig gestaltet sich die Einordnung des eingangs vorgetragenen 6-sätzigen Orchesterwerks „Jubilees“ von Magnus Lindberg. Es scheint, als habe sich der Komponist mit größter Experimentierlust ausgetobt in einer Fülle von Klängen, Motiven, Rhythmen und harmonischen Raffinessen bei ungewöhnlichen Kombinationen orchestraler Klangfarben. Die dezidierte Darbietung der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Sarastes Dirigat ist zweifellos ein überzeugender Beweis für die profunden Qualitäten des Orchesters. Die mutmaßlich für die meisten im Saal unbekannte Komposition bleibt aber hinsichtlich ihres Inhalts und ihrer Aussage bei erstmaligem Hören ziemlich undurchschaubar.

Christian Tetzlaff © Giorgia Bertazzi

Leidenschaftlich befeuertes Spiel

Bekanntes Fahrwasser bietet indes die Sinfonie Nr. 2 von Johannes Brahms. Wer jetzt hingegen das pastorale Werk eines Komponisten aus der idyllischen Sommerfrische von Pörtschach erwartet, wird schnell eines Anderen, eines Besseren belehrt.

Zwischenzeitlich mag die angenehme Wärme österreichischer Sonne am Wörthersee durchscheinen. Doch auch hier setzt Saraste vor allem auf kontrastintensives, von leidenschaftlichen Impulsen befeuertes Spiel, bei dem die kurzen Ruhemomente vorrangig einer zusätzlichen Spannungssteigerung dienen. Auch diesmal kaum eine Spur von Rührseligkeit, kaum ein melancholischer Unterton; allenfalls mal lyrisch kantable Färbungen im 2. Satz Adagio, das Brahms gewiss nicht umsonst mit einem „non troppo“ versehen hat – was von Saraste auch gut nachvollziehbar umgesetzt wird.

Jukka-Pekka Saraste © Felix Broede

Der nur kurze 3. Satz Allegretto grazioso überzeugt mit gefälligem, wie getupftem Spiel bei zurückhaltender Dynamik, aber straffen Tempi und der flirrenden Leichtigkeit eines geradezu Mendelssohn’schen Sommernachtstraums. Die angedeutete geheimnisvolle Note findet sich anfänglich auch im letzten Satz, einem Allegro con spirito. Jedenfalls bis hin zu einem gewaltigen Donnerschlag, dem unüberhörbaren Start in einen dicht strukturierten, von eruptiven Einwürfen angetriebenen, aber ungeachtet aller orchestralen Vehemenz transparent dargebotenen, zunehmend rasanter werdenden Finalspurt.

Und der wird dann konsequent weitergeführt bis hin zu den triumphal aufbrandenden Tutti-Schlussakkorden.

Ein Brahms vom Feinsten, der vom begeisterten Publikum mit tosendem Beifall und Bravo-Rufen bedacht wird.

Saraste und das Orchester verabschieden sich mit der Nr. 1 „Am Schlosstor“ aus der Suite „Pelléas und Mélisande“ von Jean Sibelius, deren wuchtig breite Harmonien sie in nordisch düsteren Klangfarben präsentieren.

Dr. Gerd Klingeberg, 10. Mai 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Anton Bruckner, 9. Sinfonie, Landesjugendorchester Bremen, Stefan Geiger  Bremer Konzerthaus Die Glocke, 5. April 2026

Brahms Doppelkonzert, Tanja Tetzlaff und Christian Tetzlaff MUK, Lübeck, 22. März 2026

CD-Besprechung: Christian Tetzlaff, Violine/Nicholas Collon/Sibelius klassik-begeistert.de, 6. Juni 2025

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