Foto: theatersg portraits Modestas Pitrenas (c) konzertundtheater.ch
Sinfonieorchester St. Gallen
Modestas Pitrenas / Dirigent
Martynas Levickis / Akkordeon
Arturs Maskats (*1957) / Tango op. 58
Daniel Nelson (*1965) / The Ghost Machine Treatise für Akkkordeon und Orchester
Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) / Symphonie Nr. 5 d-Moll op. 47
Konzert und Theater, Tonhalle St. Gallen, 31. Mai 2026
von Julian Führer
In St. Gallen endete die langjährige Zusammenarbeit des Sinfonieorchesters St. Gallen mit dem Dirigenten Modestas Pitrenas. Die Qualität des Orchesters und die Reaktion des Publikums zeigten deutlich, was hier erreicht wurde.
Das durchaus anspruchsvolle Programm begann mit Arturs Maskats „Tango“. Der erste Takt hätte auch von Dmitri Schostakowitsch stammen können: alle Violinen hart und dissonant, aber nicht atonal. Die Komposition wird dann ruhiger, wobei gerade in die Violinen große Höhen und starke Lautstärken gelegt werden. Ruhigere Momente werden dem Akkordeon übertragen. Die komplexe Rhythmik des Stückes lässt den Tango nicht immer in den Vordergrund treten, aber gerade dies macht die Komposition reizvoll. Die beeindruckende Dynamik und Reaktionsschnelligkeit des Orchesters wurden bereits hier deutlich.
Daniel Nelsons „Ghost Machine Treatise“ beruft sich auf eine Erfindung Edisons, der meinte, er habe ein Gerät entwickelt, um mit Geistern zu sprechen – der Spiritismus war gerade in den USA längere Zeit in Mode. Die Behandlung der Streicher war durchaus spannend mit Tremoli in den Bratschen, dann auch in Violinen und Celli – so ähnlich, aber nicht ganz so raffiniert hört man’s in vielen Gruselfilmen älteren Datums. Vom Aufbau her hat man es eigentlich mit einem klassischen Solokonzert zu tun, in dem das Akkordeon auf Impulse des Orchesters reagiert. Wenn große Trommel, Kontrabässe und Fagotte eine düstere Grundstimmung erzeugen, legt sich das Soloinstrument mit seiner begrenzten Skala darüber; Martynas Levickis als Solist konnte dem Akkordeon aber sehr viel mehr Facetten entlocken, als man es von Fußgängerzonen und anderen Gelegenheiten gewöhnt ist.
Auch in diesem Stück spielt die Rhythmik eine entscheidende Rolle, da oft erst eine rhythmische Grundstruktur erzeugt wird, die manchmal auch zu einer Art mechanischem Rattern in den Fagotten wird. Am Schluss bleiben die Streicher immer auf derselben Note und wiederholen einen Rhythmus bis hin zum mächtigen Schlussakkord – ein Vorgeschmack auf Schostakowitschs „Fünfte“ nach der Pause. Martynas Levickis zeigte bei der Zugabe noch einmal, was in ihm und seinem Instrument steckt – belohnt mit großem Jubel des Publikums.
Schostakowitschs fünfte Symphonie steht vergleichsweise häufig auf den Konzertprogrammen, sie ist gewissermaßen eine Einsteigersymphonie für alle, die sich mit den Abgründen dieses Komponisten und der großen Breite seines Schaffens vertraut machen wollen. 1937 als erstes größeres Werk nach der vernichtenden Kritik der Staatspresse an seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ und zur Zeit des stalinistischen Terrors geschrieben, musste Schostakowitsch aufpassen, dass er sich nicht des „Formalismus“ oder anderer beliebiger, letztlich austauschbarer Prädikate schuldig machte, wie sie von der Sowjetführung als Druck- und Zwangmittel verteilt wurden. Modestas Pitrenas entschied sich dafür, nicht von Anfang an Zerrissenheit und Dissonanz zu betonen, sondern begann in mäßigem Tempo, das er im Laufe des ersten Satz immer wieder steigerte. Das Orchester folgte und spielte die verzerrte Clownsmusik in der Mitte des Satzes beeindruckend vulgär – feiern wir den Sozialismus, oder drehen wir ihm eine lange Nase? Ganz stark gerieten die Ruhemomente: welch ein homogenes Pianissimo die St. Galler Bratschen im Dialog mit der Flöte zu spielen in der Lage sind, ist eigentlich Weltklasse.
Der zweite Satz steckt bei Schostakowitsch voller Bezüge auf das Werk Gustav Mahlers, und in seiner Tradition schichtet er volkstümliche oder vermeintlich volkstümliche Weisen übereinander. Feiern wir das Volk, oder karikieren wir die sozialistische „Volkskunst“? Nie wurde eine Phrase einfach nur wiederholt, sondern immer sehr fein dynamisch abgestuft. Den dritten Satz hielt Pitrenas immer im Fluss, so dass das Largo nicht gleich zu Beginn quälend langsam wurde, sondern erst gegen Ende sehr effektvoll und in einem sehr rund musizierten Akkord verebbte. Sehr zu begrüßen war die recht lange Konzentrationspause vor dem dritten Satz, die die (glücklicherweise wenigen) Huster im Publikum ganz verstummen ließ.
Der Schluss poltert präpotent drauflos, das Blech überbietet sich in Fanfaren, aber so heiter sind die Streicher dann gar nicht – diese Kontraste wurden sehr effektvoll herausgearbeitet. Der scheinbar triumphale Schluss wäre musikalisch eigentlich gar nicht nötig, er wirkte in St. Gallen noch mehr als sonst wie nachträglich aufgesetzt. Wie im Tango vor der Pause ‚sägten‘ die Violinen immer denselben Ton, und die bei Schostakowitsch wohl wirklich nur vordergründige Euphorie des Schlusses wirkte durch zurückhaltende Tempi wie ein Fahren mit angezogener Handbremse.
Der Schlussakkord der Symphonie allein war schon ein Kabinettstück der rhythmischen Exaktheit und der Balance zwischen den Orchestergruppen. Das Publikum stand fast sofort kollektiv auf und spendete reichlichen, sich immer mehr steigernden Applaus Für dieses Abschiedskonzert, die Summe einer seit 2018 gewachsenen Vertrautheit, wurde Modestas Pitrenas bejubelt, ebenso aber auch einzelne Instrumentengruppen wie die Kontrabässe, was zeigt, dass sich hier ein aufmerksames und auch neugieriges Publikum im praktisch ausverkauften Saal zusammengefunden hatte – und dies, obwohl das älteste Werk des Konzertprogramms von 1937 stammte.