Das Alla Maniera Italiana Quartet begeistert mit rätselhaftem Beethoven

Presumed Beethoven Six String Quartets Anh. 2  klassik-begeistert.de, 2. Juni 2026

CD-Besprechung:

Presumed Beethoven
Six String Quartets Anh. 2

Quartetto Alla Maniera Italiana

Arcana, A591

von Dirk Schauß

Man lege einem eingefleischten Beethoven-Kenner ein unbekanntes Streichquartett vor und flüstere nur ein Wort: „Beethoven“. Der Zuhörer schmilzt dahin. Streiche man denselben Satz den Namen – und plötzlich treten handwerkliche Schwächen und mangelnde Tiefe zutage. Genau dieses psychologische Experiment liefert das Alla Maniera Italiana Quartet auf dem Label Arcana (A591). Das Ergebnis ist höchst verunsichernd.

Es handelt sich um sechs Streichquartette, die seit über hundert Jahren im Beethoven-Werkverzeichnis unter der Chiffre Anhang 2 ein Schattendasein führen. Eine Weltersteinspielung, die pünktlich zum Beethoven-Jahr 2027 die richtigen Fragen aufwirft: Wer hat diese Musik wirklich geschrieben? Und warum klingt sie gleichzeitig so vertraut und doch so anders?
Die Odyssee dieser Werke liest sich wie ein historisch-philologischer Kriminalroman. 1893 tauchten die handschriftlichen Stimmen in der Sammlung des Wiener Verlegers August Artaria auf, versehen mit dem irritierenden Vermerk „zweifelhafte Werke von Mozart“. 1901 gelangten sie nach Berlin, wo sie jahrzehntelang schlummerten. 1923 entdeckte der französische Forscher Georges de Saint-Foix die Partituren neu und schrieb sie euphorisch dem jungen Beethoven zu. Jahrzehnte später brach das Kartenhaus zusammen: Der angebliche Beethoven-Autograph im Londoner Manuskript stammte tatsächlich von dessen Bruder Kaspar Karl. Seither gelten die Quartette als berühmteste Kuckuckseier der Wiener Klassik – mal Mozart, mal Beethoven zugeschrieben, meist aber keinem von beiden.

Das hervorragend eingespielte Alla Maniera Italiana Quartet – Giacomo Coletti, Stefano Raccagni, Alessia Menin und Anna Camporini – befreit diese Musik aus dem Archivdornröschenschlaf. Auf historischen Instrumenten (darunter kostbare Stücke von Nicola Giorgis und Antonio Mariani) erzeugen die Musiker einen herben, darmsaitengestützten Klang, der der Musik genau die richtige Konturschärfe und Farbigkeit verleiht. Die Aufnahme aus dem Winter 2025 in Mondaino dauert stolze 91 Minuten und wird mit einer interpretatorischen Ernsthaftigkeit gespielt, die man sonst nur Meisterwerken zuteilwerden lässt.

Musikalisch zeigen die Quartette ein faszinierendes Panorama des stilistischen Umbruchs um 1790. Die ersten drei Werke (C-Dur, G-Dur, Es-Dur) sowie die Nummern fünf und sechs folgen der üblichen dreisätzigen Wiener Konvention und strahlen eine heitere, elegante Handwerkskunst aus. Besonders gelungen sind das schrullig-witzige erste Quartett, das energisch pulsierende G-Dur-Werk mit seinem listigen Rondo-Finale sowie das Es-Dur-Quartett mit seiner charmanten Romanze und dem ruppig-frischen Schlusssatz.

Das eigentliche Highlight liegt auf der zweiten CD. Das vierte Quartett in f-Moll bricht radikal aus dem Schema: Es beginnt mit einer dunklen, suchenden Fantasia, steigert sich in ein intensives Fugato und enthält als einziges Werk der Sammlung ein kraftvolles Menuett. Das folgende D-Dur-Quartett besticht durch eine überraschende Reife und schöne melodische Verwandtschaft zu Beethovens frühen Klavierquartetten. Den Abschluss bildet das B-Dur-Quartett, das immer wieder mit kontrastreichen Brüchen spielt und in einem farbenreichen Andante con variazioni endet, in dem das Violoncello besonders hervortritt.

Wer tatsächlich der Komponist war, bleibt spannend. Manche Merkmale – symmetrische Bauweise, unvermittelte Gedankenwechsel, virtuose Celloführung – sprechen gegen den reifen Beethoven. Letztlich ist das aber nur die halbe Wahrheit. Denn diese Aufnahme zeigt vor allem eines: Die Musik ist gut genug, um auch ohne großen Namen zu bestehen.

Das Alla Maniera Italiana Quartet liefert kein musikwissenschaftliches Trockentraining, sondern ein lebendiges, hochkarätiges Plädoyer für die faszinierende Peripherie der Wiener Klassik. Eine echte Entdeckung – und ein wunderbarer Beweis, dass manchmal die interessantesten Geschichten dort erzählt werden, wo die offizielle Geschichtsschreibung Fragezeichen hinterlassen hat.

Dirk Schauß, 1. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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