Edvin Revazovs neue Choreographie 5 Seasons überzeugt in der Elbphilharmonie mit klassisch basiertem Tanz

5 Seasons, Ballett von Edvin Revazov, Leon Gurvich  Hamburger Kammerballett, Elbphilharmonie, 6. Juni 2026

Das Musiker- und Ballettensemble: In der zweiten Reihe Mitglieder des Leon Gurvitch Ensembles, Jun Xia, Hyo-Jung Kang, Zeynep Demirel, Florian Pohl, Edvin Revazov, Leon Gurvich, Alexandre Riabko, Silvia Azzoni, Alessandro Frola, Anna Laudere, Martina Arduino und Marco Agostino, weitere Mitglieder des Leon Gurvitch Ensembles, in der erste Reihe Tänzerinnen und Tänzer des Hamburger Kammerballetts, des Hamburg Balletts sowie Ricardo Urbina (dritter von rechts) und Nicolas Gläsmann (ganz rechts) (Foto: RW)

Selten sah man Edvin Revazov so gelöst und glücklich wie nach dem Ende dieses abendfüllenden Balletts. Das Publikum dankte es ihm und allen Mitwirkenden mit Begeisterung und langanhaltend. Man muss sich dieses Stück wohl ein zweites Mal anschauen, um den Variationen der Jahreszeiten und den darin verwobenen Lebensgeschichten gerecht zu werden.

5 Seasons, Ballett von Edvin Revazov
Musik von Leon Gurvitch

Hamburger Kammerballett, Leon Gurvitch Ensemble

Elbphilharmonie, Hamburg, Uraufführung, 6. Juni 2026

von Dr. Ralf Wegner

Mancher wird mäkeln, das war ja nicht modern genug, führte nicht weg vom klassischen Ballett-Tanz und war auch musikalisch zu wenig sperrig. Aber gerade diese Art von auf langer Ausbildung und herausragender Leistung basierendem Können wollten sich an diesem Sonntag mehr als 4.000 Zuschauer in der Elbphilharmonie ansehen und anhören. Das spricht für sich selbst und der am Ende jubelnde Beifall sollte in den Ohren der Hamburger Kulturbürokratie lange nachklingen.

Edvin Revazov war es gelungen, für seine Choreographie der fünf Jahreszeiten (in der Reihenfolge der Auftritte: Herbst, Indian Summer bzw. Altweibersommer, Winter, Frühling und Sommer) neben den Mitgliedern des Hamburger Kammerballetts neun Tänzerinnen und Tänzer des Hamburg Balletts, die ehemaligen, jetzt frei schaffenden Neumeiertänzer Ricardo Urbina und Nicolas Gläsmann sowie fünf Gäste aus Dresden, Wien und Mailand zu engagieren.

Man muss sich dieses Stück wohl ein zweites Mal anschauen, um den Variationen der Jahreszeiten und den darin verwobenen Lebensgeschichten gerecht zu werden.

Formal wechselten Ensembleszenen mit Pas de deux ab. Silvia Azzoni und Alexandre Riabko oblag es, mit tänzerischen Elementen die einzelnen Szenen zu verbinden. Wenngleich der furiose Tanz von vier Paaren am Ende des ersten Aktes zu der sich rhythmisch steigernden Musik des Komponisten Gurvitch das Publikum zu langem Beifall hinriss, standen doch die Jahreszeiten-Pas deux klar im Vordergrund.

Ein glücklicher Edvin Revazov, Leon Gurvitch und Silvia Azzoni (Foto: RW)

So beeindruckten die Ersten Solisten des Balletts der Mailänder Scala Martina Arduino und Marco Agostino mit einem elegisch-gefühlvollen, den Herbst des Lebens charakterisierenden Paartanz, der leider viel zu kurz erschien. Man hätte den beiden gern länger zusehen mögen. Gleiches gilt für das Tänzerpaar des Dresdner Balletts, die Erste Solistin Hyo-Jung Kang und den Ersten Solisten Jun Xia, die beide im zweiten Akt eine temperamentvolle und sprungstarke Version der Sommersaison zeigten.

Zuvor trat Anna Laudere wie eine griechische Göttin auf, die sich aus der Vielzahl der vor ihr Niederbeugenden den ihr ebenfalls ergebenen, gastweise vom Wiener Staatsballett zurückgekehrten Alessandro Frola für einen berückend schönen Paartanz auswählte. Florian Pohl zeigte zusammen mit Zeynep Demirel seine fabelhafte Hebekunst im Winter überschriebenem Pas de deux und Silvia Azzoni sowie Alexandre Riabko waren zusätzlich für den Indian Summer verzeichnet. Mit ihnen begann und endete das neue Werk von Edvin Revazov, sie schritten gemeinsam dem hellen Licht des Jenseits entgegen.

Das 5 Seasons-Ensemble (Foto: RW)

Selten sah man Edvin Revazov so gelöst und glücklich wie nach dem Ende dieses Abend-füllenden Balletts. Und er hatte allen Grund dazu. Auch wenn sich eine tiefenspannende innere Handlung wohl erst nach dem zweiten oder dritten Sehen völlig erschließen wird, war es musikalisch und visuell angesichts der hervorragenden tänzerischen Leistungen ein herausragender Ballettabend.

Das Publikum sah es offenbar genauso und applaudierte den Tänzerinnen und Tänzern, den elf Mitgliedern des Streicherensembles, dem Komponisten und Pianisten Leon Gurvitch sowie dem Choreographen und künstlerischen Leiter des Hamburger Kammerballetts Edvin Revazov begeistert und langanhaltend.

Dr. Ralf Wegner, 7. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

kb im Gespräch mit Anna Laudere und Edvin Revazov, Erste Solisten Hamburgische Staatsoper, 29. Mai 2026

Edvin Revazov und GF Isabelle Rohlfs, Hamburger Kammerballett, Teil II klassik-begeistert.de, 3. Juni 2026

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert