Das Paar: Julian McKay und Elisabeth Tonev (Foto: RW)
Den französischen Stil von formaler Eleganz, präzisem Ausdruck und fast mathematischer Klarheit der Aussage, ohne jede Gefühligkeit oder emotionalem Überschwang fängt Preljocajs Choreographie bemerkenswert ein.
Le Parc, Ballett von Angelin Preljocaj
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart
Sounddesign (Musik vom Band): Goran Vejvoda
Bühne: Thierry Leproust, Kostüme: Hervé Pierre
Klavier: Dmitry Mayboroda
Bayerisches Staatsorchester
Musikalische Leitung: Mihail Agrest
Bayerische Staatsoper, Bayerisches Staatsballett, 26. Juni 2026
von Dr. Ralf Wegner
Es begann wie auf dem Place du Trocadero in Paris. Links und rechts begrenzten neoklassizistisch anmutende Fassadenelemente den Platz, nach vorn weitete sich der Blick auf einen wolkendurchzogenen blauen Himmel. Nur der Eiffelturm fehlte. Stattdessen ragten drei schmale schwarze, sich pyramidenartig verjüngende Dreiecke in die Höhe. Vorn traten dazu vier gezirkelt roboterhaft agierende Tänzer auf, sie könnten mit ihren dunklen Brillen als Modeschöpfer durchgehen.
Musikalisch wurde das zunächst von einem martialischen Soundtrack begleitet. Danach folgte Mozart. Gleichartig gekleidet, im Stil des Ancien Régime, traten Tänzerinnen und Tänzer auf, Männer wie Frauen in Kniebundhosen, bestickter Weste und frackartigem Mantelrock (Habit à la française), die Tänzerinnen in Sandfarben, die Tänzer in Schwarz. Während die Männer rote Kniebundhosen trugen, waren diese bei den Frauen ebenfalls cremig-sandfarben. Nur eine Tänzerin trug sie in Rot, ein Tänzer in Schwarz.

Damit war klar, wer hier die Protagonisten sein sollten: Die optisch an Audrey Hepburn erinnernde, mit dieser Rolle debütierende Elisabeth Tonev sowie Julian McKay, der den berühmten Schluss-Pas de deux dieses Balletts, den Fliegenden Kuss, im letzten Sommer bereits bei der Nijinsky-Gala in Hamburg gezeigt hatte, allerdings mit Ksenia Shevtsova.
Damals schrieb ich, dass es beide schon schwer gehabt hätten, nach dem ergreifen Liebes-Pas de deux aus Neumeiers Sylvia, getanzt von Madoka Sugai und Alexandr Trusch, noch zu Begeisterungsstürmen hinzureißen. Natürlich blieb damals der gefühlt minutenlange Kuss in Erinnerung, bei dem sich die Tänzerin, nur mit den Armen an seinem Hals hängend und vom Partner unberührt bleibend, mehrfach im Kreis schleudern ließ.
Der Choreograph Angelin Preljocaj hat aber für sein Ballett Le Parc nicht nur diesen Pas de deux geschaffen, sondern weitere, vorausgehende, welche die Annäherung beider Partner zeigt. Dadurch ergab sich auch choreographisch eine Handlungsdynamik, die durchaus fesselte, aber mehr formal als emotional beeindruckte.
Um ehrlich zu sein, ich kannte dieses Stück nicht und wusste auch nicht, dass Preljocajs Ballett auf Werken französischer Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts, u.a. auf dem Briefroman Les Liaisons dangereusesvon Choderlos de Laclos basierte.

Den französischen Stil von formaler Eleganz, präzisem Ausdruck und fast mathematischer Klarheit der Aussage, ohne jede Gefühligkeit oder emotionalem Überschwang fängt Preljocajs Choreographie mit Le Parc bemerkenswert ein.
Auch der Ablauf des Balletts hat etwas Mathematisch-geometrisches. Es gibt eine Ouvertüre und drei Akte. Jeder Akt beginnt mit dem Auftritt der genannten vier Tänzer (als Gärtner bezeichnet), denen offenbar eine Art Schutzfunktion für die Solistin zukommt. Danach folgen jeweils Auftritte der Gruppen der Tänzerinnen und Tänzer, die sich umwerben oder das solistische Paar einbinden.
Der Höhepunkt der drei Akte ist jeweils ein Pas de deux, darunter der erwähnte Fliegende Kuss im dritten und letzten Akt. Dabei wirkt Elisabeth Tonev immer wieder etherisch, wie der flüchtige Hauch eines von einem anderen Stern auf den Planeten Erde gewehten Engels.
Interessant ist, dass der Choreograph Tänzerinnen und Tänzer in gleichen, farblich aber unterschiedlichen Kostümen auftreten lässt. Das zeugt von einer gewissen Gleichberechtigung, die im Geschlechterspiel den Frauen mehr Dominanz zuweist, als es später im bürgerlichen Milieu der Fall war. Man denke nur an den Einfluss der Mätressen der französischen Könige wie Madame de Pompadour, Madame du Barry oder Madame de Montespan im Hofleben.

Auf der Bühne wird derweil die Reise nach Jerusalem gespielt oder eine Art Damenwahl initiiert, welche die männlichen Partner durchaus irritiert. Dominanz im Liebesspiel geht auf der Bühne eher von den Frauen als den Männern aus. Das legt ja auch der oben erwähnte Briefroman von Choderlos de Laclos nahe.
Wie in einem französisch geprägten Stück nicht anders zu erwarten, sind soziale Probleme ausgeblendet. Niemand muss von der Hand in den Mund leben. Und das zeigen auch die wunderschönen Kostüme a la Fragonard oder François Boucher. Zudem ist Liebesanbahnung unter dem Sternenhimmel von Paris ein visuelles Erlebnis, dem sich kaum jemand entziehen kann.
Das weitgehend auf klassischen Schrittfolgen basierende Ballett wurde vom Publikum am Ende bejubelt. Das Haus war ausverkauft.
Dr. Ralf Wegner, 27. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Bayrisches Staatsballett, Konstellationen Prinzregententheater, München, 19. Juni 2026
La Sylphide, Ballett in zwei Akten Bayerisches Staatsballett, Nationaltheater, 3. Dezember 2024