Nach unserem Gespräch öffnete Maestro John Axelrod eine Flasche Dradara Black Maiden Fanteasca Neagra …

Interview John Axelrod, Teil II  klassik-begeistert.de, 16. Juli 2026

Der Dirigent John Axelrod ist ein Universalgelehrter – u.a. ist er auch Weinkenner, Komponist, Philanthrop und Autor. Ich wollte wissen, wie er Entscheidungen trifft, was sein Lieblingswein ist und wie er über Kollegen denkt. Außerdem verrät Maestro Axelrod, was ihm Leonard Bernstein und Christoph Eschenbach mit auf den Weg gegeben haben. Tournedos Rossini waren auch ein Thema.

John Axelrod © APM 

Jörn Schmidt im Gespräch mit John Axelrod

klassik-begeistert: Als der große Leonard Bernstein Ihnen nahelegte, gar prophezeite, Dirigent zu werden, da wurden Sie erstmal Talentscout für BMG, außerdem Weinhändler… Aus dieser Perspektive, wie gehen Sie mit Autoritäten um?

John Axelrod: Interessante Frage … Ich glaubte damals nicht, dass ich in Lennys Fußstapfen treten könnte, und ging erstmal anderen Interessen nach … [nachdenklich] … Entscheidend war, dass Lenny nicht sagte, ich möge Dirigent werden, weil ich musikalisch begabt sei, sondern weil ich Menschen einfach zu sehr mochte. Musiker sind unser Instrument. Dirigieren ist eben nicht nur interpretatorische Vision, sondern ebenso sehr Personalführung.

klassik-begeistert: Jetzt weichen Sie der Frage aus …

John Axelrod: [guckt erst streng, lächelt dann freundlich] Also … Es geht im Grund um Reziprozität. Ich teile Gedanken, Inhalte usf. gerne mit Menschen, die ebenfalls an dieses Prinzip glauben – dann wird das Ganze zu mehr als der Summe seiner Teile: Eine Win-Win-Situation, oft auch ein Moment der Selbsterkenntnis („enlightened experience“). Gleichzeitig habe ich eine starke Persönlichkeit und wenig Toleranz gegenüber inkompetenten Autoritätspersonen. So wie ein Dirigent an Exzellenz-Maßstäben gemessen wird, so sollten auch Politiker oder Intendanten beurteilt werden. Wenn diese nicht daran interessiert sind, Partner zu sein, sondern stattdessen nur an ihrer eigenen Macht – dann investiere ich nicht weiter in derlei Beziehungen. Man kann keine Verantwortung für die schlechten Entscheidungen anderer Menschen übernehmen.

[Anmerkung Jörn Schmidt: Reziprozität beschreibt ein soziales Grundprinzip, nämlich das menschliche Bedürfnis, erhaltene Gesten, Gefälligkeiten oder auch unfaires Verhalten zu erwidern.]

klassik-begeistert: Das ist ja fast schon eine Last, die Leonard Bernstein Ihnen mit auf den Weg gegeben hat?

John Axelrod:   Wenn man einmal von Lenny gelernt hat, ist es für jeden anderen schwierig, seinen Maßstäben gerecht zu werden.

klassik-begeistert: Omer Meir Wellber wirft vor wichtigen Entscheidungen eine Münze, das ist Spieltheorie pur. Sie werfen offensichtlich keine Münze – damit Bernstein recht behielt, bedurfte es einer Art Erleuchtung bzw. Erscheinung. Aber wenn derlei Erleuchtungen mal ausbleiben, wie treffen Sie dann Entscheidungen von großer Tragweite?

[Anmerkung Jörn Schmidt: Maestro Axelrod fuhr einst nachts durch die Hügel des Napa Valley, im Kopf das Vorspiel zu Tristan und Isolde. Er hielt an, wenig später erklang selbiges Vorspiel im Autoradio. Das gemahnte ihn, zum aktiven Musizieren zurückzukehren. John Axelrod nannte das seinerzeit „epiphany“.]

John Axelrod: O Fortuna … Omer hat Recht, dass das Glück unbeständig ist und das Leben mehr als alles andere vom Glück abhängt, Erleuchtungen sind selten … Schicksal dagegen ist wiederum  eine andere Kategorie: Es ist eine Entscheidung. Wenn Sie an eine Weggabelung kommen, ist es eine Frage der Entscheidung. Nimmt man den weniger begangenen, vermeintlich beschwerlichen Weg – oder den Weg des geringsten Widerstands? Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, sie wird mehr zum Schicksal als zum Zufall. Als ich die Musik aufgab, war das eine Entscheidung. Als ich zurückfand, ging eine Erscheinung voraus.

klassik-begeistert: Weinhändler war also der Weg des geringsten Widerstands?

John Axelrod: Vielleicht habe ich diese Entscheidung tatsächlich aus Angst oder Ehrgeiz getroffen, jedenfalls bereue ich nichts … doch dieser Moment der Erleuchtung hat mich auf meinen Weg für die nächsten 30 Jahre gebracht. Was als Nächstes kommt, wird eine Frage des Glücks und der Entscheidung sein.

klassik-begeistert: Nochmal zu Autoritäten bzw. Mentoren in Ihrem Leben. Gibt es eine Weisheit, die Sie Christoph Eschenbach gelehrt hat und die Sie in einen Satz packen können?

John Axelrod: Ich bin Christoph auf ewig dankbar dafür, dass er mich betreut und an mein Potenzial geglaubt hat. Das stand übrigens auch in Verbindung mit Lenny, da ich Christoph sowohl in Bayreuth als auch beim Schleswig-Holstein Musik Festival assistierte.

[Anmerkung Jörn Schmidt: Leonard Bernstein hat das Schleswig-Holstein Musik Festival  stark geprägt. 1987 hat er das Schleswig-Holstein Festival Orchestra ins Leben gerufen.]

Während Lenny mich die Kraft der Kommunikation gelehrt hat, so hat Christoph mir beigebracht, wie man die Partitur liest und entdeckt – was hinter, unter („under“) und unterhalb („beneath“) der Noten liegt. Und, wenn Sie noch einen Satz gestatten: Dass Temperament nicht gleich Tempo, Charakter nicht gleich Inhalt und Intensität nicht gleich Lautstärke ist. Auch diese Erkenntnis verdanke ich Christoph.

klassik-begeistert: Sie haben vertreten, Orchester sollten sich wie Sportvereine organisiert sein. Ich verstehe den Gedanken, was Struktur, Leistungsprinzip und die Publikumsbindung betrifft. Aber wenn Sie sich heute FIFA oder UEFA angucken und die immer stärker werdende Kommerzialisierung des Profifußballs – befürworten Sie weiterhin das Spotverein-Modell?

John Axelrod: Nur in dem Sinne, dass ein Orchester – genau wie eine Mannschaft – mehr ist als die Summe seiner Teile. Zwar mag es einzelne Spieler geben, die Stars sind, doch es geht immer darum, als Team zusammenzuarbeiten. Mit dem immer gleichen Ziel: Dem, was der Komponist komponiert hat, einen Sinn zu geben. Ich bin nicht mit der Institutionalisierung der klassischen Musik einverstanden. Sie war schon immer auf Mäzenatentum angewiesen, ist heute aber zu sehr zu einem Geschäft geworden, was das Risiko des Bankrotts birgt.

klassik-begeistert: Gerade junge Wagner-Tenöre wollen zu schnell zu viel und enden dann wie ein Profi-Fußballer, der am Ende seiner Karriere ein Sportinvalide ist, jedenfalls aber kaputte Knochen (hier: Stimmbänder) hat?

John Axelrod: Das kann ich so pauschal nicht sagen, das Thema hat viele Facetten. Insbesondere haben dieses Problem nicht nur Tenöre, die Wagner singen. Es kann alle Sänger treffen. Stimmbandschäden können viele andere Ursachen haben, zum Beispiel Sodbrennen. Aber es stimmt tatsächlich, was man sagt: Gut Ding will Weile haben. Übertriebene Ambitionen und gierige Manager können jungen Sängern, die ihre Entwicklung nicht richtig einschätzen, ihrer Stimme und ihrer Karriere mehr schaden als nutzen. Social Media verstärkt derlei Tendenzen noch … Ein Geiger kann jederzeit eine Saite wechseln – ein Sänger hat nur einen Kehlkopf. Den kann man nicht wechseln, die Stimme ist das zerbrechlichste aller Instrumente.

klassik-begeistert: Sie schreiben zuweilen über Kollegen, so haben Sie sich mit dem Hype um Klaus Mäkelä auseinandergesetzt. Wie kommt das an, gibt es nicht eine Art Ehrenkodex, Leistungen aktiver Kollegen unkommentiert zu lassen?

John Axelrod: Die Texte veröffentliche ich in meinem Blog „Calling All Conductors“. Wenn man meine Texte aufmerksam liest, wird deutlich, dass ich keine Kritik übe. Ich spreche allen Dirigenten, über die ich schreibe, ein Kompliment aus. Wer anders denkt, hat meinen Blog eigentlich gar nicht gelesen … Ich betreibe den Blog, weil ich Dirigent bin und unterrichte. Wir sind eine Gemeinschaft von Dirigenten, die sich gegenseitig unterstützen.

klassik-begeistert: Was ist momentan Ihr Lieblingswein?

John Axelrod: Amarone ist mein Lieblingswein. Immer. Und ich habe unseren lokalen Chardonnay Chasselas lieben gelernt. Aber ich habe kürzlich eine Flasche eines seltenen rumänischen Weins geöffnet, der hervorragend war. Sehr schwer zu finden. Dradara Black Maiden Fanteasca Neagra. Rumänische Weine sind unentdeckte Schätze!

klassik-begeistert: Welche Flasche Wein öffnen Sie heute Abend, nach unserem Gespräch?  Was ist dazu die perfekte Weinbegleitung, kulinarisch und musikalisch?

John Axelrod: Einen Dradara Black Maiden Fanteasca Neagra vielleicht. Der Wein ist intensiv mit 15,5 % Alkoholgehalt, voller Aromen schwarzer Früchte mit einem samtigen Abgang. Zu einem so kräftigen Wein würde ich ein Tournedos Rossini genießen. Ich bin mir indes gerade nicht sicher, was musikalisch dazu passt – vielleicht werde ich einen Artikel darüber schreiben.

klassik-begeistert: Cheers. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jörn Schmidt, 16. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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