Maestro John Axelrod über Wein, Parmigiana di Melanzane und Gustav Mahlers Opern
Foto: John Axelrod, APM (c)
Marc Cohn ist ein US-amerikanischer Singer-Songwriter, weltbekannt durch seinen Grammy-prämierten Hit „Walking in Memphis“. Wer hat ihn entdeckt? Der Dirigent John Axelrod, Schüler des große Leonard Bernstein – seinerzeit noch Talentscout bei Atlantic Records. Maestro Axelord war auch Weinhändler, Weinliebhaber ist er immer noch. Außerdem Komponist, Philanthrop und Autor. Ich würde sagen: Ein Universalgelehrter, der weiß, was gut ist. Also haben wir über die guten Dinge des Lebens gesprochen.
Jörn Schmidt im Gespräch mit John Axelrod
klassik-begeistert: Yoel Gamzou kann nicht kochen, hat er mir anvertraut. Wie schade, was möchten Sie dem Kollegen zurufen?
John Axelrod: Essen ist eine Notwendigkeit, aber gut zu essen ist eine Entscheidung. Kochen ist ein Stück weit wie Musizieren – Sie versinken ganz im Moment, wenn Sie sich auf das Rezept konzentrieren, es umsetzen und dann Ihr Gericht servieren. Und so wie keine Aufführung jemals genau gleich ist, wird auch ein Gericht jedes Mal anders schmecken. Das macht es umso besonderer. Man weiß nie, wie man etwas kocht, bis man es ausprobiert hat. Das würde ich Yoel mit auf den Weg geben.
klassik-begeistert: Sie sind ein Anhänger des Slow Food Gedankens, nehme ich an?
John Axelrod: Bei der Slow-Food-Bewegung geht es darum, mit lokal bezogenen Zutaten zu kochen, die unter fairen Arbeitsbedingungen erzeugt wurden. In gewisser Weise lässt sich das auch auf das Orchesterleben übertragen. Faire Bedingungen und eine gute Bezahlung führen zu besseren Leistungen… Generell mag ich gutes Essen – ob schnell oder langsam gekocht, spielt eigentlich keine Rolle.
klassik-begeistert: Haben Sie ein Lieblingsgericht, das Sie besonders gerne kochen?
John Axelrod: Meistens italienische Gerichte. Viele Leute haben gesagt, ich mache die beste „Parmigiana di Melanzane“, die sie je gegessen haben. Meine Frau stimmt dem zu – ich denke also, das ist es.
klassik-begeistert: Der Slow Food Gedanke, der lässt sich sicher auf andere Lebensbereiche übertragen?
John Axelrod: Slow Food ist der Gegenpol zur Fast-Food-Industrie, es geht um eine gesunde, bewusste, nachhaltige und genussvolle Esskultur. Ich denke, in diesem Sinne würde „Slow Life“ eine Abkehr von der digitalen Social-Media-Kultur erfordern, ein Leben abseits des Stromnetzes. Wir haben das jahrtausendelang so gemacht und überlebt – falls Sie jetzt nach einem „Slow Life“ Proof of Concept fragen…
klassik-begeistert: Ich trinke nur Wasser, Kaffee und Rotwein, behaupte ich gerne. Rotwein hat einfach mehr Tiefe als Weißwein – im Holzfass gereifte Weißweine und jungen Spätburgunder mal ausgenommen. Stimmt das?
John Axelrod: Nicht unbedingt. Ich denke, eine Flasche Château d’Yquem kann es mit jedem Petrusaufnehmen. Beide gehören zu den teuersten Weinen und sind absolut einzigartig. Der eine ist aus dem Sauternes, der andere aus dem Pomerol. Ob Weißwein oder Rotwein, das ist eine Frage des Geschmacks und der Herkunft, nicht der Tiefe…Beethoven liebte einen weißen Rüdesheimer Riesling – und Beethoven hat zweifellos Tiefe.
klassik-begeistert: Wenn wir mal Komponisten in Schubladen stecken wollen – Wagner ist Rotwein und Rossini Weißwein?
John Axelrod: Rossini liebte Madeira und Rotweine. Schon aus diesem Grund würde ich diese Einteilung nicht vornehmen. Alle großen Werke des Repertoires besitzen Tiefe, Komplexität und Struktur, genau wie Weine. Und wie gute Weine werden alle mit dem Alter besser. Aber es gibt einen großen Unterschied ist. Wagner wird niemals schlecht, aber nicht aller Weinjahrgänge sind großartig.
klassik-begeistert: Wenn ich jetzt weiter provoziere und sage, Mozart perlt wie Champagner – passt die Schublade?
John Axelrod: Mozart mit „Spritzigkeit“ zu verbinden, das ist nicht verkehrt. Ein Großteil seiner Musik ist zweifellos spritzig und frisch. Aber eben nicht alles von Mozart ist wie Champagner, das Requiem als extremes Beispiel ist nicht sonderlich festlich. Ich würde als Schublade daher Mozarts Lieblingsgetränk vorschlagen, die „Mandelmilch“. Wie Mozarts Musik spendet deren Genuss Trost und Zuversicht, beruhigt die Seele.
klassik-begeistert: Aber Marc Cohn, der klingt eindeutig wie Weißwein – oder passen zur Südstaaten-Kultur doch besser Anheuser-Busch-Bier, Whiskey oder Bourbon?
John Axelrod: Natürlich Whiskey, aber Memphis ist eine BBQ-Stadt. Daher passt Bier vielleicht besser. Was Marc Cohn betrifft, wenn Sie sich blaue Wildlederschuhe anziehen, dann ist der Geist von Elvis in Memphis ein leuchtend blauer Cocktail aus Stoli Blueberi Vodka und St. Germain Holunderblütenlikör.
[Anmerkung Jörn Schmidt: Maestro Axelrod bezieht sich – diese leise singend – auf die Lyrics eines der größten Hits von Marc Cohn, Walking in Memphis: „Put on my blue suede shoes / And I boarded the plane / Touched down in the land of the Delta Blues / In the middle of the pouring rain … Saw the ghost of Elvis / On Union Avenue / Followed him up to the gates of Graceland.]
klassik-begeistert: Mozart ist der einzige große Komponist, der im großen Stile alles komponiert hat – Kammermusik, Sinfonien, Messen und Opern. OK, Joseph Haydn hat das auch geschafft, aber seine Opern sind bei Weitem nicht so fest im Repertoire verankert wie Mozart. Fehlte es großen Sinfonikern wie Johannes Brahms und Anton Bruckner schlicht am Genie, eine große Oper zu schreiben – oder vermuten Sie andere Gründe hinter deren Opern-Abstinenz?
John Axelrod: Vokalbehandlung lag beiden, sie komponierten wunderschön für die Stimme – hören Sie nur Brahms Lieder und sein Deutschen Requiem oder Bruckners Chorwerke. Die Oper stand nicht im Mittelpunkt ihres Schaffens. Ich denke, man muss insoweit sowohl ihre Kultur als auch ihren Stil als Erklärung heranziehen. Aber warum fragen Sie nicht nach einem der größten Operndirigenten seien Zeit, der für Gesang und Chor komponierte und ebenfalls…?
klassik-begeistert: Also, warum gibt es keine eigen große Oper von Gustav Mahler?
John Axelrod: Ich würde behaupten, Mahler hat Opern geschrieben… Seine Sinfonien waren eine andere Form der Oper, so wie Wagner das Musikdrama neu definierte. Mahlers symphonisches Schaffen war seine Art, Geschichten zu erzählen – wobei er sich solcher absoluten und abstrakten Konzepte wie Leben und Tod bediente.
klassik-begeistert: Ihr Mentor Leonard Bernstein hat mal gesagt: „Es gibt keine leichte oder ernste Musik, es gibt nur gute, schlechte und hervorragende Musik.“ Da stimmen Sie sicher zu?
John Axelrod: Absolut, oder wie Duke Ellington sagte: „There are two kinds of music, the good kind and the other kind“. Mein Repertoire umfasst den klassischen Kanon, zeitgenössische Werke und Crossover ebenso wie Rock, Jazz, Filmmusik und Arbeiterlieder. Und vieles mehr – jetzt nennen Sie bitte einen lebenden Dirigenten, dessen Repertoire vielseitiger ist…
klassik-begeistert: Ich wüsste niemanden…Noch zu Duke Elington: Das ist ja wie mit gutem Essen?
John Axelrod: Ja, hören Sie gute Musik, und das Leben ist süß. Die Herausforderung besteht darin, den Unterschied zu erkennen.
klassik-begeistert: Dann möchte ich konkreter werden: Sind Wiederholungen das Geheimnis eines Ohrwurms – so wie Georg Friedrich Händel ein absoluter Meister der Wiederholung war?
John Axelrod: Ja, Wiederholung ist der Weg, um sich etwas zu merken, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und den Zuhörer an das Hauptthema zu erinnern. Denken Sie an die Sonatenform. Warum sonst gäbe es eine Exposition mit einer Wiederholung und anschließend eine Reprise?
klassik-begeistert: Das Auto ist in der Popmusik das Symbol überhaupt für Freiheit und Unabhängigkeit, der Highway eine Metapher für das Leben: Well, it winds from Chicago to L.A. More than two thousand miles all the way. Get your kicks on Route 66…gibt es eine derart universelle Freiheits-Metapher auch in der Opernliteratur?
John Axelrod: So ein Symbol wie das Auto in der Popkultur, das gibt es in der Oper nicht, glaube ich. Aber Freiheit als Thema, das findet sich in jeder Musik. Und es geht natürlich um unsere künstlerische Freiheit als Interpreten. Als Dirigent versuche ich, Sicherheit und Freiheit in Einklang zu bringen. Das bedeutet auch, zu wissen, was die Musiker können, und ihnen irgendwann – durch Erfahrung und Reife – dabei zu helfen, das zu erlernen, was sie noch nicht wissen. Manche finden Freiheit durch Sicherheit. Andere finden Sicherheit durch Freiheit. Die Noten auf dem Blatt sind die Sicherheit. Technik ist Sicherheit. Zu verstehen, was die Noten bedeuten, und dann loszulassen – das bedeutet, Freiheit zu finden. In der Oper ist das noch mal komplizierter. Um beim Essen zu bleiben: Wenn zu viele Köche am Werk sind, dann… Aber wenn es funktioniert und alles im Fluss ist, dann passiert ein Wunder und wir erleben eine Sternstunde.
klassik-begeistert: Herzlichen Dank für das Gespräch!
Jörn Schmidt, 15. Juli 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Den zweiten und letzten Teil unseres Interviews mit John Axelrod lesen Sie 16. Juli 2026 hier auf klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at.