Was bringt die neue Saison an der Hamburgischen Staatsoper?

Die Neue Saison an der Hamburgischen Staatsoper  klassik-begeistert, 31. August 2026

Aktuelle Werbung der Hamburgischen Staatsoper für dieNeuinszenierung der Verdi-Oper Macbeth (Foto: Tom Huber)

Ein Meinungsbericht von Dr. Ralf Wegner

Neulich blieb ich beim Wechseln des TV-Programms bei einer „Talk-Show“ hängen. Ein mutmaßlich dem Rocksänger-Milieu angehörender Mittvierziger mit Baseball-Käppi räsonierte über Oper. Die ihn befragende Talkmasterin fand es offensichtlich bemerkenswert, dass die neue Macbeth-Inszenierung der Hamburgischen Staatsoper mit einem jüngeren nackten, körperlich fit aussehenden, einen Baumstamm erkletternden Mann beworben wird. Ihr Vater habe früher eine Sängerin erlebt, die sich mit 60 noch auf die Bühne wagte und der „immer das Kleid aufplatzte, weil sie älter und voluminös war“. Also wollte die Moderatorin offenbar lieber einen nackten athletischen  Mann auf der Bühne sehen, aber nicht eine ältere, nicht ganz schlanke Sängerin.

Videostills NDR: Price & Eschenbach: Mozart, Verdi und Cilea (1986) / NDR-Talkshow vom 28. August 2026

Ich war mir nicht ganz sicher, ob die Moderatorin (die Quasseltante Barbara Schöneberger, Anm. des Herausgebers) das wirklich ernst meinte. Denn sie erwähnte den Namen der Sängerin, es handelte sich um die walisische, geadelte Sopranistin Margaret Price, eine der damals Besten ihres Fachs. Ich selbst hörte sie zuletzt 1992 als Ariadne auf der Hamburger Opernbühne; es eine der prägendsten Erinnerungen an diese Partie. Damals feierte Price gerade ihren 51. Geburtstag. Offiziell beendete sie ihre Opernkariere mit 58 Jahren. Ja, Margret Price hatte keine Model-Figur, dafür sang sie überirdisch schön wie kaum eine andere Sopranistin ihrer Zeit.

Was für eine Respektlosigkeit, diese große Künstlerin auf ihren Körper zu reduzieren. Ich hatte allerdings auch den Eindruck, als ob die Moderatorin, kaum hatte sie sich über Margret Price ausgelassen, diesen Fauxpas schon wieder bereute und sich innerlich schämte.

Sie wandte sich wieder dem Mann mit dem Käppi zu (der die Sängerin in Schutz nahm und vor Bodyshaming warnte, es handelte sich um den Hamburger Opernintendanten Tobias Kratzer) und erklärte sinngemäß, es sei doch aber toll, wenn man jemanden habe, der die nächsten zwei Stunden oben auf dem Baum ausharre, wenn der Regisseur es verlange. Auch wollte sie von ihm wissen, was er jemandem sagen würde, er hätte für die Oper nichts zum Anziehen.

Die Antworten zeigten, dass Kratzer mehr unter seinem Käppi verbarg, als es ein unbedarfter Fernsehzuschauer vermutet hätte. Ja es sei so, es gäbe eine Regiegeneration vor ihm, die hätten den Staub weggepustet, „die mussten provozieren um des Provozierens willen“. Er sei froh, dass ihm jetzt viele Stilmittel zur Verfügung stünden. Man sehe bei ihm zwar immer Neues, aber das heiße ja nicht, auf ein schönes Dekor zu verzichten. Und ja, jeder könne in die Oper kommen wie er mag, und wenn jemand seinen alten Kommunionsanzug oder Hochzeitsanzug ausführen wolle, sei es super.  Aber, der Haken musste ja noch kommen, auch in Shorts und Birkenstock komme er rein (das klang schon fast wieder ironisch).

Omer Meir Wellber nicht nach einer Walkürenaufführung, sondern am 07.06.2026 mit Catherine Foster nach seinem Tristan-Dirigat (Foto: RW). Rechts Szenenbild zu Wagners Oper Die Walküre (Foto: Hamburgische Staatsoper)

Tobias Kratzers Inszenierungen sind in der Tat intelligent durchdacht, bühnentechnisch aufwendig und schön anzuschauen. Deshalb freue ich mich auf den von ihm inszenierten Macbeth, der am 12. September startet. Ob der für Tomasz Konieczny eingewechselte Kartal Karagedik angesichts seiner herausragenden Vorgänger wie zuletzt Dimitri Platanias oder davor Franz Grundheber bereits reif ist für diese schwere Partie, wird sich noch zeigen. Großartige Gesangsleistungen erwarte ich dagegen schon jetzt von Alexander Vinogradov als Banco und Dovlet Nurgeldiyev als Macduff. Die leicht zur stimmlichen Schärfe neigende Nino Machaidze ist als Lady besetzt. Etwas Kratzen in der Stimme gehört ja fast zu dieser Partie, und unbenommen ist Machaidze eine großartige Sängerdarstellerin.

Die nächste Neuinszenierung von Kratzer gibt es erst wieder im Januar 2027. Er setzt Rossinis Guillaume Tell in Szene mit einem der derzeit wohl besten hohen Tenöre Lawrence Brownlee als Arnold Melchthal, Jacques Imbrailo als Guillaume Tell und der hoch angesehenen Sopranistin Lisette Oropesa als Mathilde. Zuletzt sah ich diese Oper 1982 mit Franco Bonisolli, Guiseppe Taddei und Teresa Zylis-Gara.

Vorgemerkt sind bei mir auch alle Aufführungen, die Omar Meier Wellber hier dirigiert. Dazu gehören ab dem 19. September Don Giovanni mit dem hiesigen Debüt der großartigen, immer noch dem Hamburger Ensemble verbundenen Elbenita Kajtazi als Donna Anna und von Dovlet Nurgeldiyev, der ebenfalls noch unserem Ensemble angehört, als Don Ottavio. Die Titelpartie singt der polnische Bariton Andrzej Filonczyk, Leporello Ilia Kazakov und Donna Elvira Angela Brower.

Besonders freue ich mich auf die ab dem 3. Oktober endlich wieder gespielte Walküre, weniger wegen der nicht sehr überzeugenden Inszenierung von Claus Guth oder der Besetzung mit Matthew Newlin als Siegmund, Vida Mikneviciute als Sieglinde, Ante Jercunica als Hunding, Derek Welton als Wotan, Allison Oakes als Brünnhilde und Annika Schlicht als Fricka. Ich bin aber davon überzeugt, dass Wellber diese Sängerinnen und Sänger zu Spitzenleistungen motivieren wird. Im Februar nächsten Jahr wird Wellber noch eine Neuinszenierung von Eugen Onegin dirigieren, im März folgen unter seiner Leitung noch Carmenund im April Mozarts Figaro.

Hamburger Ensemblemitglieder und ihre Rollen: Kartal Karagedik (Macbeth, Sharpless, Almaviva), Elbenita Kajtazi (Donna Anna, Röschen, Mimi, Nedda) und Dovlet Nurgeldiyev (Macduff, Don Ottavio, Belmonte) (Fotos: Hamburgische Staatsoper)

Die Anzahl gastierender Sängerstars ist in dieser Saison noch reduzierter als sonst. Es lohnen sich aus meiner Sicht aber die weiteren Aufführungen, in denen Elbenita Kajtazi singt wie ihr Röschen in Humperdincks Dornröschen (ab 8.11.26), Mimi in Puccinis Bohème (ab 18. Dezember), Nedda in Bajazzo(ab 7. März mit Gregory Kunde als Canio, auch Cavalleria ist mit Yulia Matochkina und Riccardo Massi gut besetzt). Was steht sonst noch auf meinem Programm: Mozarts Entführung mit Katharina Konradi als Konstanze und Dovlet Nurgeldiyev als Belmonte ab 10. Januar 2027), auch würde ich endlich einmal gern die viel gepriesene, ursprünglich als Amelia besetzte Saioa Hernandez hören, statt ihrer wird aber Guanqun Yu singen (Maskenball, 2. und 6. April 2027).

Dr. Ralf Wegner, 31. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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