Andreas Schager © David Jerusalem
Richard Wagners „Bühnenweihefestspiel“ (der Name sagt alles) ist eigentlich eine Verbindung von Musik und Gott. Da kommt der junge, reine Tor daher und entwickelt sich langsam zum Gralsritter – vor allem unter der Leitung von Gurnemanz. Diese Oper ist eine der berührendsten in der Musikgeschichte und man freute sich auf das Gastspiel der Bayreuther Festspiele. Und verließ das Konzert mit sehr gemischten Gefühlen.
RICHARD WAGNER
Auszüge aus «Parsifal»
Vorspiel zum ersten Aufzug
«Titurel, der fromme Held»
«Vom Bade kehrt der König heim»
«Wehvolles Erbe»
Vorspiel zum zweiten Aufzug
«Dies alles hab ich nun geträumt?»
Vorspiel zum dritten Aufzug
«Karfreitagszauber»
Finale des dritten Aufzugs
Bayreuther Festspielorchester
Dirigent: Pablo Heras-Casado
Kundry: Miina-Liisa Värelä
Parsifal: Andreas Schager
Amfortas/Klingsor: Jordan Shanahan
Gurnemanz: Georg Zeppenfeld
Grafenegg, Wolkenturm, 28. August 2026
von Herbert Hiess
Andreas Schager ist heute einer der führenden Heldentenöre; mit seiner monumentalen (manchmal sogar monströsen) Stimme löst er überall Begeisterung aus.
Lassen wir den Niederösterreicher zu Wort kommen und seinen persönlichen Zugang zu diesem Bühnenweihefestspiel erklären:
Man kann den philosophisch/religiösen Inhalt dieses Werkes nicht besser beschreiben als Andreas Schager:
„Der vielleicht tiefste Zugang zu Richard Wagners Parsifal liegt in drei Worten, die Gurnemanz über den Titelhelden spricht:
‚Durch Mitleid wissend.‘
Sie sind weit mehr als eine Charakterisierung Parsifals. Sie formulieren das geistige Zentrum des gesamten Werkes.
Parsifal beginnt als ein Mensch, der nichts weiß. Er kennt weder die Welt noch ihre Regeln, weder Schuld noch Erlösung. Er handelt aus Instinkt. Gerade deshalb ist seine Entwicklung keine klassische Heldengeschichte. Parsifal wird nicht dadurch zum Erlöser, weil er stärker, klüger oder mächtiger wird. Er wird es, indem er zu wahrer Empathie fähig ist, fernab von Lehrmeinungen oder Traditionen.
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Wissen und Erkenntnis. Wissen kann man erwerben, Mitleid aber muss man erfahren. Parsifal muss zunächst selbst in die Erfahrung des Schmerzes eintreten. Der Anblick des leidenden Amfortas wird für ihn zum Wendepunkt. Er erkennt nicht nur dessen körperliche Wunde. Er begreift den Menschen hinter der Wunde: seine Verzweiflung, seine Scham, seine Sehnsucht nach Erlösung.
In diesem Moment wird Mitleid zu einer Form von Erkenntnis.
‚Aus Mitleid wissend‘ bedeutet deshalb: Parsifal erkennt die Welt nicht von außen, sondern indem er sich vom Leiden des anderen berühren lässt.
Damit erhält auch Amfortas’ Geschichte eine zentrale Bedeutung. Seine Wunde ist nicht nur eine Verletzung des Körpers. Sie steht für eine Welt, in der Begehren, Schuld, Macht und Schmerz unauflösbar miteinander verbunden sind. Amfortas möchte erlöst werden, kann aber gerade deshalb nicht erlöst werden, weil er in seinem eigenen Leiden gefangen bleibt. Parsifal dagegen überschreitet dieses Leiden, indem er es nicht besitzen, erklären oder bekämpfen will. Er teilt es.
Auch Kundry gehört in diesen Zusammenhang. Sie ist eine Gestalt des unerlösten Schmerzes. In ihr begegnet Parsifal nicht einfach einer Verführerin, sondern einem Menschen, der selbst Gefangener seiner Vergangenheit ist. Die entscheidende Prüfung besteht deshalb nicht darin, der Versuchung körperlich zu widerstehen. Parsifal muss Kundrys Leiden erkennen. Erst als er ihren Schmerz begreift, kann er sich ihrer Macht entziehen.
‚Auch dir bin ich zum Heil gesandt, bleibst du dem Sehnen abgewandt …‘
Damit wird Parsifal zu einem Werk über eine radikale Form menschlicher Empathie.
Wagner stellt die Frage, ob Erlösung überhaupt durch Macht möglich ist. Die Antwort des Werkes scheint zu lauten: Nein. Erlösung entsteht dort, wo der Mensch aufhört, nur sich selbst zu sehen.
Das erklärt auch die eigentümliche Langsamkeit und Feierlichkeit des Werkes. Parsifal ist kein Drama, das vor allem durch äußere Handlung vorangetrieben wird. Das eigentliche Drama findet im Inneren statt. Es geht um einen Bewusstseinswandel: vom angeblichen Wissen hin zum emphatischen Fühlen.
Der berühmte Satz ‚Durch Mitleid wissend‘ könnte deshalb als eine Art Schlüssel zum gesamten Werk verstanden werden.
Parsifal wird nicht zum Erlöser, weil er über den Menschen steht. Im Gegenteil: Er wird zum Erlöser, weil er das menschliche Leiden wirklich versteht.
Und vielleicht liegt gerade darin die Modernität des Werkes. Wagner entwirft keinen Helden, der die Welt durch Gewalt verändert. Er entwirft einen Menschen, der durch Empathie verändert wird – und dadurch selbst die Fähigkeit erhält, eine Welt zu verändern.
Am Ende steht deshalb nicht der Sieg eines Helden über seine Gegner. Es steht die Überwindung der Trennung: zwischen Schuld und Vergebung, zwischen Schmerz und Erlösung, zwischen dem Leidenden und dem, der ihn versteht.
‚Durch Mitleid wissend‘ ist somit nicht nur Parsifals Weg. Es ist die eigentliche Idee: Erst wenn wir das Leiden des anderen wirklich erkennen, beginnen wir, die Welt zu verstehen und können sie so zum positiven verändern.“
Nun hatte man in Grafenegg das Glück, die wichtigsten Passagen dieser Oper akustisch zu erleben. Auf dem Papier wäre das Bayreuther Ensemble tatsächlich verlockend, da man meinen konnte, den Bayreuther Wagner-Zauber live zu erleben.
Die Besatzung war nahezu identisch mit der Bayreuther Premiere.
Leider war die Rolle des Amfortas anders als in Bayreuth nicht mit Michael Volle besetzt.

Diese Rolle sang hier der Bayreuther Klingsor Jordan Shanahan, dessen Textverständlichkeit und Ausführungen offen ließen, ob er das Werk inhaltlich ganz durchdrungen hatte.
So klang die Klage Amfortas „wehvolles Erbe“ sehr distanziert. Die berühmten „Erbarmen“-Schreie verfehlten ihre emotionale Wirkung komplett.
Georg Zeppenfelds Gurnemanz war stimmlich ein Ereignis, obwohl auch er leider textunverständlich war, was den Zauber des Werkes minderte.

Der finnische Sopran Miina-Liisa Värelä war in Bayreuth nicht so erfolgreich; textundeutlich und mit manchmal schrillen Tönen konnte sie ihre Partie zwar stemmen, ließ dabei jedoch vieles an Ausdruck vermissen.

Bleibt noch der Titelheld Andreas Schager, der eindrucksvoll bewies, dass seine Stimme offenbar ohne Abnutzungserscheinungen immer präsent ist und er noch die schwierigsten Passagen offenbar mühelos singen kann.

Andreas Schager singt in der Rolle „des reinen Tores“ Parsifal eindrucksvoll, aber stellenweise laut; manchmal sogar zu laut. Parsifal ist eine Art „Antiheld“ und sollte auch absolut nicht nach Heldentenor klingen. Aber genauso klang es in Grafenegg. Hier fehlte oft ein tatsächlich gehauchtes Pianissimo – wie zum Schluss „… enthüllet den Gral, öffnet den Schrein“.

Das Bayreuther Orchester unter der Leitung von Pablo Heras-Casado spielte ganz hervorragend; leider ließ der spanische Dirigent den Musikern (und damit den Sängern) keine Möglichkeit eines fast unhörbaren Pianissimos. Er dirigierte viel zu linear und man vermisste durchgehend eine sakrale Stimmung.
Vom Besetzungszettel her glaubte man, einem großen Ereignis beiwohnen zu können – leider war es insgesamt eine fahle Angelegenheit. Schade darum!
Herbert Hiess, 30. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Auf den Punkt 100: Richard Wagner, Parsifal, Andreas Schager Bayreuther Festspiele, 31. Juli 2026
Richard Wagner, Parsifal Festspielhaus Bayreuth, 30. Juli 2025
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Richard Wagner, Parsifal, Dirigent Asher Fisch Tiroler Festspiele Erl, 2. April 2026 PREMIERE