Schleswig-Holstein Festival 2026
„Chess“ in Sonderburg
Eigentlich ist „Chess“ ein Stück, bei dem man sich fragt, warum es nicht viel öfter auf deutschen Bühnen zu sehen ist. Die Musik von Benny Andersson und Björn Ulvaeus ist längst bekannt, Tim Rices Geschichte über die beiden Schachspieler, ihre Rivalität und die komplizierten Beziehungen dazwischen aber erstaunlich wenig. Diese erscheint aus heutiger Sicht leicht sperrig und ist vielleicht der zentrale Grund dafür, warum man diesem Werk verhältnismäßig selten begegnet.
Henrik Wager: Freddie Trumper, The American
Mathias Edenborn: Anatoly Sergievsky, The Russian
Melanie Gebhard: Florence Vassy
Martin Snell: Molokov
Jeffery Krueger: The Arbiter
Lisa Antoni: Svetlana Sergievsky
Schleswig-Holstein Festivalchor
The Danish Philharmonic
Nicolas Fink, Dirigent
von Marc Rhode (Text und Foto)
Gestern Abend war „Chess“ nun am letzten Tag des Schleswig-Holstein Musik Festivals im dänischen Sonderburg zu erleben; konzertant, auf Englisch und mit dem mehr als 90-köpfigen Schleswig-Holstein Festivalchor und dem Sønderjyllands Symfoniorkester, das international auch als Danish Philharmonic auftritt.
Für mich war das ein ziemlich beeindruckender Abend. Die musikalische Leitung lag bei Nicolas Fink, der das Orchester und den Schleswig-Holstein Festivalchor sicher durch die anspruchsvolle Partitur führte. Optisch wirkte sein Dirigat bisweilen etwas hölzern, musikalisch bewies Fink jedoch ein sehr gutes Gespür für die Sänger. Er ging aufmerksam auf die Solisten ein und hielt die Balance zwischen Orchester, Chor und Stimmen stets im Blick. Dabei gelang es ihm, die großen musikalischen Bögen zusammenzuhalten, ohne die Solisten aus dem Zentrum zu drängen.
Was mich besonders überrascht hat: Obwohl es eine konzertante Aufführung war, standen die Sänger keineswegs einfach vor ihren Notenpulten. Sie spielten ihre Rollen, reagierten aufeinander, bewegten sich und entwickelten ihre Figuren. Dadurch entstand viel mehr szenisches Leben, als man bei einer konzertanten Aufführung erwarten würde.
Henrik Wager als amerikanischer Schachspieler Freddie Trumper brachte genau die Mischung aus Selbstbewusstsein, Aggressivität und Verletzlichkeit mit, die diese Figur braucht. Wager ist ein erfahrener Musicaldarsteller und seine markante Rockstimme passte hervorragend zu dieser Partie. Besonders bei „One Night in Bangkok“ konnte er die selbstbewusste, leicht provokante Seite Trumpers ausspielen, während in „Pity the Child“ auch dessen verletzliche Seite deutlich wurde. Wager kennt die Rolle zudem aus einer früheren Chess-Produktion am Aalto-Theater Essen und brachte entsprechend viel Erfahrung mit dieser anspruchsvollen Figur mit.
Mathias Edenborn hatte es als Anatoly Sergievsky mit einer ganz anderen Figur zu tun. Wo Henrik Wager offensiv und impulsiv auftrat, wirkte Edenborn kontrolliert und zurückgenommen. Mit warmer, markanter Stimme zeigte er einen Mann zwischen politischer Verpflichtung, persönlicher Freiheit und seiner Liebe zu Florence. So wurde er zum glaubwürdigen Gegenpol zu Wagers Trumper.
Melanie Gebhard gab der Florence Vassy viel Energie und Persönlichkeit. Sie spielte die Figur selbstbewusst und kraftvoll, ohne sie aufgesetzt wirken zu lassen. Dabei machte sie auch die Verletzlichkeit der zwischen zwei Männern und politischen Welten stehenden Florence sichtbar. So erhielt die Figur eine eigene Präsenz und wurde weit mehr als nur Teil des Beziehungsdreiecks.
Auch Martin Snell als Molokov überzeugte mich mit seiner dunklen, markanten Opernstimme. Sein erster Song wirkte auf mich stimmlich noch etwas dünn. Danach wurde es allerdings richtig gut. Seine Partie ist weniger auf die großen Musical-Hits zugeschnitten, aber gerade dadurch setzte er interessante Kontraste zu den beiden Schachspielern und verband die Szenen auch durch erzählerische Elemente.
Lisa Antoni brachte als Svetlana eine ganz andere Farbe in den Abend. Sie verfügt über eine ausgeprägte Musicalstimme und hat gerade in lyrischeren Rollen immer wieder gezeigt, dass sie auch die ruhigeren, emotionaleren Momente tragen kann.
Und dann war da Jeffery Krueger als The Arbiter. Für mich stach er besonders hervor. Seine Rolle ist eigentlich eine Nebenfigur, aber er gab ihr eine Präsenz, die man nicht überhören konnte. Seine Stimme hatte etwas sehr Direktes und Bühnenwirksames.
Über allem standen der Chor und das Orchester. Mehr als 90 Sängerinnen und Sänger auf der einen Seite, ein großes Orchester auf der anderen – und dazwischen diese Musik, die häufig die Stilrichtung wechselt: vom beinahe oratorischen Chorsatz zum Musical, von der Opernballade zum Rocksong. Und trotzdem wirkt „Chess“ erstaunlicherweise wie aus einem Guss. Insbesondere diese Mischung macht für mich den Reiz des Stücks aus.
Musikalisch war das gestern jedenfalls eine ziemlich große Nummer. Der Chor ging nicht im Orchester unter, sondern hatte Gewicht und Präsenz. Auch das Sønderjyllands Symfoniorkester spielte mit großer Dynamik; besonders die Verbindung von sinfonischem Orchester und Rockinstrumenten funktionierte erstaunlich gut.
Gesungen wurde auf Englisch, dazu gab es deutsche Übertitel. Das hat uns deutschen Besuchern geholfen, der Geschichte zu folgen. Für eine Aufführung in Dänemark hätte ich mir allerdings zusätzlich dänische Untertitel gewünscht. Das wäre bei einem Festival, das so selbstverständlich über die deutsch-dänische Grenze hinweg arbeitet, eine schöne Geste gewesen.
Im Verlauf des Abends gab es mehrfach diese Momente, wegen derer man überhaupt ins Konzert geht. Ich hatte Gänsehaut und hin und wieder auch Tränen in den Augen.
Vielleicht ist genau das die Stärke dieses Abends gewesen: „Chess“ wurde nicht künstlich zum großen Ereignis gemacht. Man hat ein starkes Stück genommen, sechs hervorragende Solisten davor gestellt, einen riesigen Chor dahinter und ein großartiges Orchester dazu – und die Musik einfach wirken lassen.
Für mich war das ein ausgesprochen gelungener Abschluss des Schleswig-Holstein Musik Festivals, der gleich wieder Lust auf den kommenden Festivalsommer machte.
Marc Rohde, 31. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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