Was bringt die neue Saison beim Hamburg Ballett?

Die Saison 2026/27 beim Hamburg Ballett  Hamburgische Staatsoper, 5. September 2026

Die neuen Ersten Solisten beim Hamburg Ballett: Charlotte Larzelere (1998, San Antonio, Texas), Olivia Betteridge (1999, Westmead, Australien), Callum Linnane (1995, Townsville, Australien), Louis Musin (2002, Belo Horizonte, Brasilien) (Fotos: Kiran West)

Ein Meinungsbeitrag von Dr. Ralf Wegner

Das Hamburg Ballett ist wieder vollzählig, das Ensembleverzeichnis weist 66 besetzte Stellen auf. Damit gehört es zu den mittelgroßen Ballettensembles, zumindest verglichen mit jenen in Paris (153 Namen) oder Moskau (Bolschoi mit um die 300 Nennungen). Die Reihe der Ersten Solisten wird um Charlotte Larzelere, Olivia Betteridge, Callum Linnane und Louis Musin erweitert, als Solisten betreten Hayley Page, Ida Stempelmann, Artem Prokopchuk und Francesco Cortese neu die Ballettbühne im Hamburger Opernhaus. Mit Ausnahme des Australiers Linnane verfügen alle genannten Tänzerinnen und Tänzer über eine Ausbildung in der Ballettschule des Hamburg Balletts oder wurden vom Bundesjugendballett in das Ensemble übernommen (Larzelere, Stempelmann). Der dreißigjährige Linnan tanzte vor seinem hiesigen Engagement bereits als Erster Solist beim Australian Ballet in Melbourne.

Die neuen Solisten beim Hamburg Ballett: Hayley Page (1994, Sidney, Australien), Ida Stempelmann (2000, Düsseldorf), Artem Prokopchuk (1998, Winnyzja, Ukraine), Francesco Cortese (2002, Vicenza, Italien)

Die Saison beginnt am 13. September mit John Neumeiers Version vom Aschenputtel, genannt A Cinderella Story. Die neuen ersten Solisten Charlotte Larzelere und Callum Linnane zeigten bei der letzten Nijinsky-Gala am 6. Juli bereits einen Ausschnitt aus diesem Stück. Es war zwar vorauszusehen, dass beide auch bei der Wiederaufnahme am 13. September auftreten würden.

Bekannt gegeben wurde das aber erst gestern, neun Tage vor der Aufführung. Solche lang gehüteten Geheimnisse um die jeweiligen Besetzungen sind ein Manko für die Pläne der Ballett-interessierten Zuschauer. Manche Eintrittskarte wird deswegen weniger verkauft, weil an dem jeweiligen Termin schon anderes geplant ist. Auch wenn kurzfristig umbesetzt wird, ist selbst das für Ballettfans informativer, als das Hinhalten der Besetzungslisten. Und vor allem ist es nicht besonders förderlich, wenn mit Fotos früherer Besetzungen, wie im Fall der jetzigen Cinderella-Wiederaufnahme, geworben wird.

Jedenfalls gibt es eine große Überraschung: Bei der am 17. September auftretenden Zweitbesetzung wird neben der neuen Ersten Solistin Olivia Betteridge als Cinderella der junge Gruppentänzer Caspar Sasse den Part des Prinzen übernehmen. Der schlanke, hochgewachsene, 2003 in Hamburg geborene Sasse zählt zu den großen Hoffnungen des Hamburg Balletts. Er hatte seine darstellerische Kraft bereits als Tadzio in Tod in Venedig, als Solist in Neumeiers Ballett Epilog und vor allem als Konstantin in der Möwe gezeigt. Deshalb sei allen Ballettfreunden und -freundinnen geraten, sich auch für den 17. September Karten für Cinderella zu besorgen.

Der Gruppentänzer Caspar Sasse (1923, Hamburg) in den Neumeierballetten Epilog (2024, mit Anna Laudere) und Tod in Venedig (2025, mit Edvin Revazov); Fotos von Kiran West

Anna Laudere und Edvin Revazov werden auch auftreten, aber nicht als Protagonistenpaar, sondern als Cinderellas Eltern. Als böse Stiefmutter ist bei allen vier Vorstellungen Futaba Ishizaki besetzt, die neidischen Schwestern tanzen am 13.9. Olivia Betteridge und Ana Torrequebrada, am 17.9. Greta Jörgens und Paula Iniesta.

Wer noch einmal John Neumeiers überwältigendes Ballett Tod in Venedig sehen möchte, hat am 26. September dazu die einmalige Gelegenheit. Es gibt nur diese eine Aufführung. Danach folgen ab 21. Oktober mehrere Vorstellungen der Kameliendame und ab dem 30.10. das erst im Juni uraufgeführte, besonders für Kinder geeignete Ballett Wunderland in der Choreographie von Alexei Ratmansky.

John Neumeiers Tschaikowsky-Adaptationen von Dornröschen und Schwanensee, rechts mit Anna Laudere und Edvin Revazov (Fotos: Kiran West)

John Neumeier hat immer Wert auf klassische Technik gelegt. Er selbst integrierte in seine Giselle-Version und bei seiner Tschaikowsky-Trilogie (Schwanensee, Nussknacker, Dornröschen) die berühmten, hohe technische Anforderungen stellenden, vorwiegend von Marius Petipa choreographierten Soli, Pas de deux und Ensembles. In der Saison 2026/27 wird nur der die Weihnachtskassen füllende Nussknacker gespielt (ab dem 16.12.), leider kein Dornröschen und kein Schwanensee. Die musikalische Leitung des Nussknackers übernimmt aber der Hamburger Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber persönlich. Allein das lohnt schon den Besuch dieses Balletts.

Alle großen Balletttruppen halten das Erbe Petipas aufrecht und geben ihren Tänzerinnen und Tänzern Gelegenheit, sich beim Publikum mit ihrem technischen und darstellerischen Können zu zeigen. Auf YouTube und anderen Social-Media-Kanälen sind zahlreiche  entsprechende Clips zu sehen, auch von unserer jetzt in Boston, dort auch als Aurora im Dornröschen sowie als Odile im Schwanensee engagierten ehemaligen Ersten Solistin Madoka Sugai.

Madoka Sugai als Giselle (Videostills YouTube), man beachte die Fußstellung bei der nach vorn gebeugten Arabesque („penché arabesque en pointe“) zu Beginn der Variation im 1. Akt, rechts beim „Hops en pointe“, leider nicht in Hamburg

Und was ist auf YouTube von ihr zu sehen: Vorwiegend Klassisches. Sie tanzt bravourös das Solo aus Giselle, mit einer auf der Spitze gebeugten Arabeske. Und es ist nicht nur die Technik, es ist vor allem die Leichtigkeit und Unbekümmertheit, mit der sie Giselle verkörpert. Auch John Neumeier hat seinen Tänzerinnen und Tänzern nicht nur in seinen eigenen Balletten wie Schwanensee, Dornröschen oder Giselle die Gelegenheit gegeben, ihr technisches Können in klassischen Ballettadaptationen zu zeigen, sondern auch in anderen, nicht von ihm choreographierten Balletten wie La Bayadère  (Makarova nach Petipa) oder Don Quixote (Nurejew nach Petipa).

Eine richtige Premiere wird es in diesem Jahr auch noch geben. Allerdings erst am 5. Dezember und auch nichts Klassisches. Der Hamburger Ballettdirektor Lloyd Riggins hat Edvin Revazov eingeladen, für das Hamburg Ballett ein neues, allerdings nicht abendfüllendes Stück zu kreieren. Revazov hat schon mehrmals bewiesen, dass er für große Ensembles choreographieren kann. Der US-amerikanische Bariton Thomas Hampson wird als Gesangssolist mitwirken. Der Ballettabend nennt sich Neue Welten, darin eingebunden ist das 2023 beim New York City Ballet uraufgeführte, 80 Minuten andauernde Ballett des US-Amerikaners Justin Peck namens Copland Dance Episodes.

Zum Glück gibt es im nächsten Jahr wieder die Matthäuspassion (18. und 19.3.2027) und Die kleine Meerjungfrau (ab. 09.4.2027). Schließlich wird das Hamburg Ballett wegen Reparaturarbeiten an der Dammtorstraße in ein Zirkuszelt in den fernen Westen der Stadt umziehen. Dort wird John Neumeiers wunderbares Ballett Ein Sommernachtstraum (ab 19. Juni 2027) neu eingerichtet werden.

Dr. Ralf Wegner, 5. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die Neue Saison an der Hamburgischen Staatsoper klassik-begeistert, 31. August 2026

Hamburg Ballett: Nijinsky-Gala LI Hamburgische Staatsoper, 5. Juli 2026

Die Möwe, Ballett von John Neumeier Hamburgische Staatsoper, Hamburg Ballett, 3. Juli 2026

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert