Grafeneggs Festival kommt im Jubiläumsjahr zu einem brillanten Ende

Martha Argerich, Tugan Sokhiev, Dirigent, Asmik Grigorian  Wolkenturm, Grafenegg, 2./3./4. September 2026

Wolkenturm © Lisa Edi

 Abschlusskonzerte des Grafenegg Festivals 2026

Im 20. Jubiläumsjahr wartete das Festival am niederösterreichischen Wagram mit brillanten Ensembles und Solisten auf. Da demonstriert eine Debütantin mit 85 Jahren, was Klavierspiel tatsächlich bedeuten kann, da klettert ein Dirigent langsam und behutsam zur Weltspitze auf, da gastieren die Wiener Philharmoniker mit ihrem derzeitigen Lieblingsdirigenten und da spielt das Residenzorchester – die Niederösterreichischen Tonkünstler – mit einer der prominentesten Soprane.

Wolkenturm, Grafenegg, 2. September 2026

Louise Farrenc:  Ouvertüre für Orchester Nr. 2 in Es-Dur op. 24
Ludwig van Beethoven:  Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2 in B-Dur op. 19
Johannes Brahms:  Symphonie Nr. 4 in e-moll op. 98

Martha Argerich, Klavier
Münchner Philharmoniker
Lahav Shani, Dirigent

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Wolkenturm, Grafenegg, 3. September 2026

Wolfgang Amadeus Mozart:  Symphonie Nr. 25 in g-moll op. 183
Gustav Mahler:  Symphonie Nr. 1 in D-Dur

Wiener Philharmoniker
Tugan Sokhiev, Dirigent

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Wolkenturm, Grafenegg, 4. September 2026

Arien und Orchesterwerke von Respighi/Bellini/Verdi/Bonis/Strauss

Asmik Grigorian, Sopran
Tonkünstler Orchester
Fabian Gabel, Dirigent

von Herbert Hiess

Bei dem Konzert der Münchner Philharmoniker bewies der israelische Dirigent Lahav Shani abermals, dass Weltklasse in ihm steckt; schon allein das Konzert am 22. August 2026 mit dem Grafenegger Hausherrn Rudolf Buchbinder war äußerst erfreulich (https://klassik-begeistert.de/rudolf-buchbinder-brahms-und-beethoven-wolkenturm-grafenegg-22-august-2026/).

Dieses Konzert begann mit einer brillanten Wiedergabe der Ouvertüre in Es-Dur der 1804 geborenen französischen Romantikerin Louise Farrenc. Ein absolut professionell instrumentiertes und klar strukturiertes Werk. Schade, dass viele Komponistinnen sich sozusagen als „Mauerblümchen“ irgendwo versteckt halten. Gut, dass da Grafenegg diesen Zustand verändert hat.

Lahav Shani © Marco Borggreve

Als Hauptwerk gab es Brahms fast tragische Symphonie Nr. 4 in e-moll. Shani baute die vier Sätze sogar dramaturgisch auf; aber er ließ sich auch Zeit für die romantisch-elegischen Elemente wie im zweiten Satz, dem Andante moderato. Wunderschön und berührend, wie da diese enormen Kantilenen erklungen. Auch wenn das Orchester nicht immer so perfekt war; großartig wie die Musiker und Shani die Akzente setzten. Hervorzuheben ist da der Paukist, der so richtig das Orchester vorantrieb und auch den Klang steuert.

Und natürlich blieb man auch bei der Zugabe bei Brahms; nämlich dem 5. Ungarischen Tanz in g-moll. Auch hier mitreißend Pauken und Blechbläser; Shani machte sogar aus diesem Wunschkonzert-Klassiker ein Fest.

Martha Argerich © Adriano Heitman

Aber die Sensation war die Grafenegg-Debütantin Martha Argerich. Die 85-jährige „Grande Dame des Klaviers“ verzauberte mit ihrem einzigartigen Anschlag, ihrer zu Herzen gehenden Musikalität das Publikum und sogar das Orchester und den Dirigenten.

Bei ihr sitzt jede Note; jeder Lauf ist gestochen scharf und sie benützt offenbar kaum die Pedale – einfach, weil sie es nicht notwendig hat.

Beethovens zweites Konzert war einfach nur ein Musterbeispiel an Virtuosität, Musikalität und seelenvollem Spiel. Großartig und berührend das Adagio (zweiter Satz), wo Beethoven seine romantische Ader zeigte, die die Pianistin und das Orchesters traumhaft wiedergaben.

Und als Zugabe spielte sie Domenico Scarlattis hochvirtuose Sonate in d-Moll L. 141, als ob es das einfachste auf der Welt ist. Natürlich mit ihrem gewohnt brillanten Anschlag.

Schon allein wegen Martha Argerich war das ein richtiges Traumkonzert.

Tags darauf gaben sich die Wiener Philharmoniker wieder die Ehre, in Grafenegg aufzutreten. Und das wieder von der Salzburger „Tretmühle“ und als Vorbereitung zu den traditionellen Luzern-Konzerten. Natürlich bleibt dieses immense Pensum nicht unbemerkt – da und dort  hörte man  in der gnadenlosen Akustik des Wolkenturmes, vor allem bei Mahler, einige Unsauberkeiten.

Nicht unschuldig daran ist der derzeitige Lieblingsdirigent der Wiener Philharmoniker Tugan Sokhiev. Der Maestro dirigiert eher die Musik, anstatt den Takt zu schlagen. Das ist bewundernswert und erfreulicherweise auch hörbar; fördert aber dann doch bei manchen Einsätzen die mangelnde Sauberkeit.

Tugan Sokhiev © Patrice Nin

Mozarts „kleine“ g-moll Symphonie KV 183 war fast der Höhepunkt; leichtfüßig und trotzdem mit Mozart’scher Ernsthaftigkeit erklangen die vier Sätze. Wunderbar das elegische Andante, das sehr leicht langweilig werden kann – da sind die paar Minuten wie im Fluge vergangen. Höhepunkt (fast des Abends) war das Trio des Menuetts (3. Satz), das nur für Holzbläser instrumentiert ist. Vor allem grandios gespielt!

Bei Mahler gab es insofern Probleme, dass es zu einem reinen Stückwerk mutierte. Sokhiev hat viele Sachen phantastisch interpretiert; aber oft verhinderten unsichere Übergänge, dass das Werk zu einem harmonischen Ganzen wurde. Schade darum; wenn Sokhiev das auch noch geschafft hätte, wäre es eine denkwürdige Interpretation geworden. Die Schlagwerk-Gruppe war sehr „kreativ“. Bei den letzten fünf Takten des Satzes (Ziffer 61) wurde einfach vom Piano zum Fortissimo (ff) crescendiert. Dass Mahler da ein reines ff (ohne Crescendo!) setzte, war offenbar egal. Egal, ob das vom Dirigenten oder von der Schlagwerkgruppe ausging. Die Angaben in der Partitur sind kein „Leitfaden“, sondern sollte nach Tunlichkeit eingehalten werden. Gustav Mahler hat sich da sicher Gedanken dabei gemacht!

Aber um es positiv zu beenden; auch großartige solistische Passagen waren zu hören; vor allem, wie bei der KV183-Symphonie die Oboe. Und fast der Höhepunkt war im dritten Satz (das „Frère Jacques“-Motiv) beim „Lindenbaum“-Teil (nach den „Liedern des fahrenden Gesellen“) unbeschreiblich der Klang von Harfe (Anneleen Lenaerts) und Stimmführer von den ersten Geigen (Konzertmeister Rainer Honeck und Philharmonikervorstand Daniel Froschauer). Gemeinsam mit Sokhiev erklang das einfach zum Zerschmelzen!

Und zu guter Letzt in diesem Konzertreigen trat das Residenzorchester des Festivals, nämlich das Tonkünstlerorchester unter ihrem Chefdirigenten Fabian Gabel auf. Und als Publikumsmagnet gesellte sich der Sopran-Weltstar Asmik Grigorian auf das Podium.

Asmik Grigorian © Algirdas Bakas

Gabel ist absolut der richtige Mann für das Orchester; auch an diesem Abend schaffte er es, das Orchester zu Höchstleistungen zu animieren. Aber die angepasste Akustik für die Sopranistin ließ den Klang der Musiker manchmal „ruppig“ erklingen – das hörte man vor allem in der Ballettmusik von Verdis „Macbeth“.

Orchestral hörte man wieder eine Komposition einer mutigen Frau, nämlich Mel Bonis. Ihre Hommage an Richard Strauss „Salome“ ist bestens gelungen und man hörte auch in ihrer besonderen Instrumentierung viele Facetten dieser Oper. Auf alle Fälle ist es die Zeit wert, die Vitae dieser großartigen Frau zu verfolgen (https://klassik-begeistert.de/daniels-vergessene-klassiker-nr-22-mel-bonis-drei-legendaere-frauen-salome-ophelie-cleopatra-klassik-begeistert-de-4-juni-2023/).

Das 1909 (für Piano) uraufgeführte Werk lässt schon in den Anfangstakten, den „Tanz der sieben Schleier“ erahnen. Obwohl das Werk erst posthum instrumentiert wurde, kann man es trotzdem als Meisterleistung der Dame bezeichnen.

Grafenegg, Wolkenturm © Grafenegg Festival

Bleiben wir gleich bei Strauss und seiner „Salome“. Gabel feuerte beim berühmten „Tanz der sieben Schleier“ die Tonkünstler an und ließ gemeinsam mit dem Orchester alle Kostbarkeiten hören. Vom wilden Beginn bis zu den lasziven Pianopassagen und dann dem furiosen Schluss des Tanzes.

Danach kam der Sopranstar Asmik Grigorian aufs Podium und ließ ihre kostbare Sopranstimme erklingen. Phantastisch, wie jeder Spitzenton saß und wie sie den gewaltigen Klangmassen des Orchesters beikam.

Trotzdem hatte man das Gefühl, dass etwas fehlte. Irgendwie sang Asmik wie eine reife Frau und nicht wie eine psychopathische und verwöhnte Kindfrau. Leider auch etwas wortundeutlich, was unbeabsichtigt diese gruselige Szene fast verharmloste. Das wurde dem Autor der Geschichte Oscar Wilde absolut nicht gerecht. Die Sängerin hätte viel mehr mit ihrer Stimme spielen müssen und die Gemeinheiten dieser Rolle hörbar machen. So klang es nur wie eine (wenn auch phantastisch gelungene) Interpretation der Geschichte.

Vor der Pause sang sie die berühmte Arie „Casta Diva“ aus Vincenzo Bellinis Oper „Norma“,  wo man unverständlicherweise die Cabaletta gar nicht einmal spielte. Aber diese virtuose Arie begann wie gewohnt mit der elegischen Einleitung (hervorragend dabei die Soloflöte), wo dann der Sopran einsetzte. Anfänglich noch mit einer etwas flackernden Mittellage steigerte sie sich dann doch bis zu einem furiosen Ende. Leider fehlte dann doch etwas die Italianità.

Apropos weglassen: Irgendwie war der Schluss der Strauss-Oper auch nicht so vollständig. Wenn man mit dem „Es ist kein Laut zu vernehmen“ begonnen hätte, wäre es dramaturgisch klüger gewesen.

Nach diesen Impressionen kann man trotzdem feststellen, dass diese drei Konzerte Spitzenklasse waren.

Man verabschiedet sich hiermit von den seit 20 Jahren existierendem Festival und hofft sehr, dass es im nächsten Jahr zumindest genauso weiter geht!

Herbert Hiess, 5. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Grafenegg: Richard Wagner, Auszüge aus «Parsifal» Grafenegg Wolkenturm, 28. August 2026

Brahms und Beethoven, Rudolf Buchbinder Wolkenturm, Grafenegg, 22. August 2026 

20. Grafenegg Festival, Beethoven und Carl Orff Grafenegg, Wolkenturm, 14. August 2026 

Abschlusskonzert: Ludwig van Beethoven/Klavierkonzerte Wolkenturm, Grafenegg, 7. September 2025

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