Wie verleiht man seinem künstlerischen Leben neue Impulse, nachdem man soeben das gesamte Klavierwerk von Johannes Brahms aufgenommen hat? Geoffroy Couteaus Antwort ist so konsequent wie respektgebietend: Er besteigt den Everest. Bachs Goldberg-Variationen. Ein Gipfel, den fast jeder Pianist irgendwann im Blick hat – und den nur wenige ohne Selbstinszenierung erklimmen.
Johann Sebastian Bach
Goldberg Variationen BWV988
Geoffroy Couteau, Klavier
La Dolce Volta, LDV154
von Dirk Schauß
Warum gelten die Goldberg-Variationen eigentlich als so schwer? Es ist nicht in erster Linie die pure Fingertechnik, auch wenn es daran keineswegs mangelt. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Kombination aus struktureller Komplexität, ausdauernder Konzentration und interpretatorischer Demut.
Dreißig Variationen über eine schlichte Aria, dazu die Aria selbst am Anfang und am Ende – das Ganze oft über siebzig Minuten. Der Pianist muss nicht nur jede einzelne Variation in ihrer eigenen Charakteristik gestalten, sondern gleichzeitig den großen Bogen halten: die geheime Architektur aus Kanons, die alle drei Variationen wiederkehren, die wechselnden Affekte, die Balance zwischen strenger Polyphonie und tänzerischer Leichtigkeit, zwischen kontemplativer Ruhe und virtuoser Entfaltung. Man darf weder in Detailverliebtheit versinken noch den Überblick verlieren. Und man darf vor allem nicht versuchen, die Musik „interessanter“ zu machen, als sie ist. Die Versuchung, mit Rubato, dynamischen Überhöhungen oder pianistischen Effekten Aufmerksamkeit zu erzwingen, ist groß – und meist fatal.
Couteau widersteht dieser Versuchung. Er spielt dienend, unprätentiös und doch zutiefst persönlich. Es ist eine pianistische Innenschau, keine Demonstration. Die Aufnahme klingt leicht weiträumig, die Artikulation ist sehr präzise, die Dynamik eher trocken und unspektakulär – und gerade deshalb so überzeugend. Man hört die Strukturen, nicht den Pianisten, der sie vorführt. Schon in der dritten Variation (dem ersten Kanon) wird die polyphone Feinheit spürbar: alles ist durchsichtig, nichts verwischt, die Stimmen atmen und bleiben dennoch klar voneinander geschieden. Die fünfte Variation zeigt, dass Couteau virtuos kann, wenn es nötig ist – die Kreuzungen und die rasanten Läufe sitzen, ohne dass die Brillanz jemals Selbstzweck wird. Und am Ende, in der finalen Variation und der Rückkehr zum Aria, findet er einen Duktus von stiller Größe, der an „Es ist vollbracht“ erinnert. Nicht pathetisch, sondern erfüllt. Als hätte jemand einen langen, anspruchsvollen Weg hinter sich und blickt nun ruhig zurück.
77 Minuten, die sich nicht nach einer Kraftanstrengung anfühlen, sondern nach einer konzentrierten, meditativen Reise. Couteau stellt sich nicht vor die Musik, er stellt sich in ihren Dienst – und gibt ihr dabei eine eigene, leise persönliche Färbung. Nach dem Brahms-Zyklus ist das keine logische Fortsetzung, sondern eine bewusste Neuausrichtung: von der romantischen Fülle zur polyphonen Klarheit, vom Ausdrucksüberschwang zur inneren Sammlung.
Eine Aufnahme, die nicht laut um Aufmerksamkeit wirbt. Wer sie hört, wird belohnt – mit Ruhe, Klarheit und einem Hauch von Demut vor einem der größten und zugleich anspruchsvollsten Werke, die je für Tasteninstrumente geschrieben wurden.
Dirk Schauß, 20. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Martin Stadtfeld Klavier, Bachs Goldberg-Variationen Sendesaal Bremen, 12. September 2026
Bach, Goldberg-Variationen, Alexander Yakovlev, Klavier Laeiszhalle Hamburg, 31. Oktober 2024